Auf der großen Europakarte, wo jedermann im Internet schauen kann, ob bei der Stromversorgung alles glatt läuft, blinkt in Polen die Ampel mal wieder Rot. Was ist da los? Die Rekordhitze macht dem östlichen Nachbarn Deutschlands seit Tagen schwer zu schaffen. Kohlekraftwerke müssen abgeschaltet werden, weil große Flüsse wie die Weichsel zu wenig Wasser zum Kühlen führen. Fabriken stehen still oder drosseln die Produktion, der schwedische Möbelhändler Ikea fährt in polnischen Filialen teils Klimaanlagen und Licht herunter, um Strom zu sparen. Auch werden weniger Köttbullar gekocht.

Die Probleme in Polen sind mit ein Grund dafür, dass die seit sechs Wochen anhaltende Super-Sommerhitze mal eben die Kosten der Energiewende um zweistellige Millionenbeträge in die Höhe treibt - und das müssen am Ende alle Stromkunden bezahlen. Dirk Biermann, der Chef der Leitzentrale des großen deutschen Netzbetreibers 50Hertz in Neuenhagen bei Berlin, erklärt, was passiert: Von hier aus wird die Stromversorgung von rund 18 Mio. Haushalten im Norden und Osten Deutschlands gesteuert und aufgepasst, dass das Stromnetz nicht zusammenbricht.

"Wir geben seit der Hitzewelle jeden Tag grob 2,5 Mio. EUR aus für grenzüberschreitende Eingriffe mit unseren Nachbarn, um das Netz stabil zu halten", erklärt Biermann, der als Geschäftsführer bei 50Hertz für den Systembetrieb zuständig ist. Am 20. März herrschte in Neuenhagen schon mal Alarmstimmung, als die große Sonnenfinsternis eine ernste Bewährungsprobe war. Das deutsche Stromnetz bestand das mit Bravour.

Jetzt gibt es wieder eine knifflige Lage. Parallel zu den Problemen in Polen sorgt die Sonne dafür, dass im Norden und Nordosten die Photovoltaik-Anlagen sehr viel Sonnenstrom ins Netz einspeisen. Gleichzeitig kaufen Kunden aus Südosteuropa, vor allem aus Ungarn und Italien, an der Börse in Massen billigen deutschen Ökostrom, der über Polen abfließen soll. Doch die Leitungen sind verstopft - deshalb die rote Ampel, die in den vergangenen Tagen auf der Strom-Europakarte öfters angeht.

50Hertz muss im Verbund mit den Nachbarländern in seinem Netzgebiet grenzüberschreitend so stark in die Stromerzeugung eingreifen wie noch nie. Konventionelle Kraftwerke werden heruntergefahren, weil der Sonnenstrom Vorrang hat. Am Freitagnachmittag belaufen sich bei 50Hertz die Eingriffe zeitweise auf 5745 Megawatt - das entspricht rechnerisch etwa der Leistung von vier großen Atomkraftwerken. Diese Eingriffe nennt man "Redispatch", weil der in der Branche Dispatch genannte Fahrplan der Kraftwerke verändert wird.

Sie sind teuer, weil die Stromkonzerne dafür entschädigt werden. Und die Privatkunden bezahlen das über die Netzentgelte, die im Strompreis enthalten sind. "Über den Daumen hat uns die Hitzewelle bisher schon 25 Mio. EUR gekostet. Der Sommer ist noch nicht rum, da kann uns noch einiges blühen", meint Biermann. Die Sommer-Problematik mit sehr viel Sonnenstrom und Netzengpässen ist für 50Hertz einigermaßen neu. Denn eigentlich geht es im Nordosten eher im Herbst und Winter im Netz hoch her - wenn der Wind kräftig pfeift.

Im Herbst und Winter macht der Wind zu schaffen

Windkraft Dirk Biermann, der Chef der Leitzentrale des großen deutschen Netzbetreibers 50Hertz in Neuenhagen bei Berlin, ist Leitungsprobleme eher in den kalten, stürmischen Monaten gewöhnt. Dann speisen die Windräder an den Küsten sehr viel Strom ein, zugleich brauchen die Fabriken im Süden Deutschlands bei BMW, Daimler, Siemens & Co. noch mehr Energie. Weil große Nord-Süd-Stromautobahnen aber noch fehlen, müssen Windräder im Norden abgeschaltet, Erzeugung im Süden hochgefahren werden. Das treibt erneut die Kosten. Allein 50Hertz rechnet für 2015 mit Netzregulierungsausgaben von 250 Mio. Euro. Auch die anderen Betreiber wie Tennet, Amprion und Transnet BW verzeichnen eine Kostenanstieg. Biermann: "Das könnte sich auf eine halbe Milliarde jährlich summieren, weil das Netz nicht adäquat ausgebaut ist."

Kommentar von Karen Emler: Höchste Zeit für den Ausbau

Polen hat hitzebedingt Probleme mit der Stromversorgung. Das werden die meisten Bundesbürger achselzuckend zur Kenntnis nehmen. Solange bei uns der Strom bedarfsgerecht aus der Steckdose kommt, passt ja alles. Doch das ist ein Trugschluss.

Denn der Ausbau der erneuerbaren Energien belastet unsere eigenen Trassen. Laufen die Windräder an der Küste wie geschmiert, überfordert deren Ausbeute die Leitungen gen Süden. In umgekehrter Richtung sorgt zu viel Sonnenstrom für Stress. In solchen Situationen ist es für das deutsche Netz wichtig, dass der Stromstau zeitweise mit Hilfe der Nachbarn, darunter auch Polen, abgebaut werden kann. Diese nehmen den Überschuss ab, - sofern ihr Netz hält. Um den Abfluss in Grenzen zu halten, nimmt Deutschland dann Erzeuger vom Netz, die viel Strom liefern - gegen Entschädigung. Zugleich wird dort, wo gerade zu wenig Strom hinkommt, teure Kapazität zugekauft.

Umleitungen und Eingriffe nehmen zu. Höchste Zeit, den Nord-Süd-Flaschenhals zu beseitigen. Doch der Netzausbau verzögert sich, weil Bayern nach langem Hin und Her Erdverkabelung statt Freileitung haben will. Ganz zu schweigen von den Debatten, die es mit Anrainern geben wird - über Abwertung von Grundstücken, Gefahren für Menschen, Tiere, Pflanzen. . .

Doch das Sankt-Florians-Prinzip macht die Energiewende zur Makulatur. All der schöne Ökostrom nutzt nichts, wenn er nicht zum Abnehmer kommt. Stets auf die Hilfe der Nachbarn zu setzen, ist kein Weg. Die haben - siehe Polen - ihre eigenen Probleme. Netzeingriffe wiederum machen den Strom aus der Steckdose zwar verlässlich, aber auch immer teurer.