Bosch Bosch erfindet sich neu

Stuttgart / Thomas Veitinger 05.05.2017

Schöne neue Welt. Daheim vor dem intelligenten Wandspiegel werden Musik und Fahrtziel ausgesucht und auf das Autodisplay in der Garage übertragen. Die Tür verschließt sich beim Verlassen der Wohnung selbst, das autonome Auto rollt wie von Geisterhand vor. Während der Fahrt lassen sich auf dem Display der Mittelkonsole Rezepte mittels Ultraschallfeld berührungslos fürs Abendessen aussuchen. Bosch-Chef Volkmar Denner entscheidet sich bei einer Präsentation für eine Brokkoli-Quiche. Und dann kommt sie, die unvermeidliche Kamera im Kühlschrank, die anzeigt, was für die Zubereitung noch online bestellt werden muss.

Die Kühlschrankkamera ist in der Branche ein Art Symbol für das vernetzte Heim, für die Durchdringung des Lebens durch das Internet: eine Spielerei, die möglicherweise einmal alltäglich wird. Möglicherweise. Vieles von den Themen und Produkten, die bei der Bilanz der Robert Bosch GmbH (Stuttgart) am 4. Mai präsentiert wurden, spielen in der Zukunft. Der Technologie-Konzern ist im Umbau. In einer teuren tiefgreifenden Transformation, in der es nicht darum geht, lediglich führende Marktpositionen in angestammten Bereichen zu verteidigen, wie der Vorsitzende betont. Deshalb ging das Ergebnis im vergangenen Jahr auch zurück und war die Warnung von Denner zu hören: „Es wird dauern, bis sich manche der Vorleistungen auszahlen“. Abschreibungen durch den Erwerb früherer Gemeinschaftsunternehmen, Währungseffekte und Belastungen durch Kartell- und Diesel-Abgas-Vorwürfe belasteten überdies.

Das rasante Wachstumstempo im ersten Quartal 2017 mit einem Umsatzplus von 12 Prozent wird sich bis Ende 2017 wohl nicht fortsetzen lassen. Wie in den Vorjahren sollen es 3 bis 5 Prozent werden. Bosch arbeitet an einer besseren Ertragskraft und habe „eher einen Marathon als eine Kurzstrecke vor sich“.

Dem für vernetzte Häuser zuständigen Geschäftsführer Stefan Hartung ist aber nicht bange: „Schon jetzt gibt es hunderttausende vernetzte Heizungen und in der Zukunft werden es einige Millionen sein. Immer mehr Produkte sind vernetzt.“ Im vergangenen Jahr verkaufte Bosch 27 Mio. internetfähige Erzeugnisse. Der Hausroboter Kuri „mit Elementen künstlicher Intelligenz“ gehört genauso dazu wie Gartenscheren, Dienstleistungen für Elektro-Roller und natürlich die vernetzte Fertigung in der Industrie. Bei Bosch arbeiten mehr als 20.000 Software-Entwickler, davon 4000 für Produkte, die über das Internet verbunden sind. Zusammen mit Daimler wird das automatisierte Fahren in Städten entwickelt, mit dem Chip-Hersteller Nvidia sollen Autos so schlau gemacht werden, dass sie das Verhalten anderer Verkehrs­teilnehmer voraussagen. 

Doch neben den Zukunftsthemen brennt Denner ein Thema aus der Old-Economy – der Wirtschaft von gestern – unter den Nägeln: der Verbrennungsmotor. Dieser spielt für den Bosch-Chef weiterhin eine wichtige Rolle: „Batterieautos mit 500 Kilometern Reichweite kosten in den kommenden Jahren immer noch deutlich mehr als Benziner und Diesel-Fahrzeuge. 1000 Kilometer Reichweite wird es so schnell nicht geben.“ Mit synthetischem Kraftstoff könnte es bald möglich sein, dass auch alte Fahrzeuge sofort weniger Kohlendioxid ausstießen.

Es sei geradezu paradox, wenn die Bürgermeister von Mexiko-City, Paris, Athen und Madrid Diesel-Fahrverbote ankündigten. Auch in Deutschland gehörten solche Fahrverbote diskutiert und nicht einfach beschlossen. Diese seien „ein Kurzschluss, der ökologische wie ökonomische Tatsachen verdränge“. Die Umstellung vom klassischen Verbrenner auf Elektromobilität dürfe nicht passieren, indem eine Technologie vom Markt verbannt werde, fand Denner scharfe Worte. Schließlich bedeute ein höherer Dieselanteil weniger Kohlendioxid.

Die wichtigsten Kennzahlen
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