Wenn er am Montagabend in der Ludwig-Maximilians-Universität in München seine Abschiedsvorlesung hält, wird Deutschlands bekanntester und streitbarster Ökonom dies als frisch gekürter "Hochschullehrer des Jahres" tun. Ein offizieller Titel ist dies, aber an medialen Zuschreibungen für Hans-Werner Sinn, den Präsidenten des Münchner Ifo-Instituts, herrscht auch kein Mangel. Denn Sinn, der "intellektuelle Wüterich der Republik", polarisiert wie kein zweiter Wirtschaftswissenschaftler.

Er wird als eher "rechter" oder wahlweise "neo-liberaler" Ökonom von den Linken geschmäht, doch solche Kategorien, in seiner Disziplin ohnehin fragwürdig, scheren ihn ebenso wenig wie die "political correctness". Sinn ist immun gegen jede Vereinnahmung durch Parteien und den Zeitgeist. Dabei verstand er seine Rolle stets politisch. Nie hat er sich im Elfenbeinturm der Wissenschaft versteckt, ist hinabgestiegen auf die Marktplätze der Mediengesellschaft, um dort die politischen Debatten anzuheizen - wortgewaltig, provozierend, mit extrem steilen Thesen.

Die hat der mittlerweile 67jährige in einer Reihe von Büchern dargelegt, die teilweise zu Bestsellern geworden sind. Im ersten - "Kaltstart" - sagte er zwei Jahre nach der Wende ziemlich genau voraus, was dann auch eingetreten ist: die De-Industriealisierung vor allem aufgrund zu hoher Löhne in den neuen Bundesländern. Mit "Basar-Ökonomie" hat er sich geirrt. Deutschlands Exportindustrie ist eben nicht zu einer Branche geworden, die nur zusammenbaut, was aus dem Ausland als Komponenten angeliefert wird. Sie schafft mehr Mehrwert als je zuvor.

Dass sich der "Dickschädel" (um ein weiteres Etikett zu zitieren) der politisch gängigen Eingruppierung entzieht, belegt "Kasino-Kapitalismus", eine Abrechnung mit der Finanz- und Bankenindustrie wie sie jedem Kapitalismus-Kritiker gut zu Gesicht stünde. In jungen Jahren sei er ein Linker gewesen, das Studium der Ökonomie habe ihm aber diese Flausen ausgetrieben, sagt er. Ein Weltverbesserer? Ja, so sieht er sich.

Der gebürtige Münsteraner gilt abseits der politischen Debatten, in die er sich mit Wucht und Lust geworfen hat, als angesehener Wissenschaftler und viel zitierter Forscher - und als erfolgreicher Institutsleiter. Vor 17 Jahren ist er als Chef des damals strauchelnden Ifo-Institut angetreten und hat es inzwischen wieder in den Rang einer, womöglich gar der führenden Denkfabrik der Wirtschaftswissenschaften in Deutschland gemacht.

"Meine einziges Ziel und meine einzige Aufgabe sind, ökonomisch rationale Argumente beizusteuern", sagt er. Das tat er denn auch, ohne sich um die Wirkung zu kümmern. Den Mindestlohn hält er für verkehrt, die deutsche Energiewende für weltfremd - auch darüber hat er ein Buch geschrieben. Ob seine problematische Deutung zutrifft, muss sich erst noch zeigen.

Sinns Großthema ist aber der Euro beziehungsweise seine Stabilisierung. Wie immer zeigt der streitbare und populäre Professor mit dem grauen Lincoln-Bart auch hier klare Kante: Griechenland müsse im eigenen Interesse aus der gemeinsamen Währung ausscheiden - hierin ist er sich mit dem linken griechischen Ex-Minister Varoufacis einig. Gleichwohl befürwortet er natürlich Europa und den Euro. Seine kritische Haltung zur Politik der Europäischen Zentralbank (EZB) ist für ihn kein Widerspruch.

Wenn er seine Argumente auffährt, kennt Hans-Werner Sinn weder Freund noch Feind. Und auch keine Übertreibung - wie im Falle der so genannten Target-Schulden. Immerhin hat er damit ein Thema gesetzt, das niemand auf der Agenda hatte. In der Politik ist der Überzeugungstäter Hans-Werner Sinn damit mehr und mehr zum Störenfried geworden, heißt es offenbar sowohl in Regierungs- als auch Oppositionskreisen. Deshalb kam er auch nie als einer der "Fünf Wirtschaftsweisen" in Betracht.

Das wird ihn wenig wurmen. Denn nach einer Umfrage ist Sinn der Ökonom mit dem größten Einfluss auf die deutsche Wirtschaftspolitik. Und der Hochschullehrer des Jahres ist er jetzt auch noch.

Führend in der wirtschaftswissenschaftlichen Forschung

Ifo-Institut Seit 17 Jahren leitet Hans-Werner Sinn das Münchner Ifo-Institut. Es ist eine Forschungseinrichtung mit rund 190 Mitarbeitern, denen ein Etat von 16 Millionen Euro zur Verfügung stehen. In der Öffentlichkeit wird vor allem der monatliche Geschäftsklima-Index als Indikator für die Lage der Wirtschaft im Land wahrgenommen. Alle Bereichsleiter sind zugleich Professoren an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München. Sinn selber ist dort seit 1984 Professor für Nationalökonomie und Finanzwissenschaft.

Nachfolger Sinns Nachfolge tritt im April sein Ökonomen-Kollege Clemens Fuest (sprich: Fu-h-st), 47, Präsident des Mannheimer Wirtschaftsforschungsinstituts ZEW. Er ist konzilianter als Sinn und in der politischen Ausrichtung für mache eher "links".