Inflation Türkei: Der Umgang mit dem Verfall der Lira

Ulm / Gerd Höhler 13.08.2018
Nur wenige tauschen harte Devisen in die schwindsüchtige Landeswährung um. Im Gegenteil: Die Türken horten ausländisches Geld.

Kritik an der Wirtschaftspolitik von Präsident Recep Tayyip Erdogan? Zweifel an den Fähigkeiten seines Finanzministers und Schwiegersohns Berat Albayrak? Sorge angesichts des Verfalls der türkischen Lira, die am Montag an den Devisenmärkten weiter abstürzte? Wer solche Gedanken hegt, sollte sie in der Türkei lieber für sich behalten und nicht teilen. Denn das Innenministerium in Ankara geht jetzt gegen kritische Postings zur türkischen Wirtschaft in den sozialen Netzwerken vor. 346 Nutzer habe man wegen „provozierender Kommentare“ bereits dingfest gemacht. Die Jagd im Netz zeigt die Ohnmacht, mit der die türkische Regierung den Währungsturbulenzen begegnet.

Auch Staatschef Erdogan hat der Krise außer starken Worten bisher wenig entgegenzusetzen. Die USA hätten der Türkei „einen Dolch in den Rücken gestochen“, sagte Erdogan am Montag in Ankara. US-Präsident Donald Trump führe sich als „Kraftmeier des globalen Systems“ auf, so Erdogan. Der Staatschef ließ sogar durchblicken, die Türkei sei bereit zu einem Krieg mit den USA: „Wir sind bereit, mit allem was wir haben.“

Durchhalteparolen

Während die Lira am Montag zeitweilig bis zu 13 Prozent einbüßte, verbreitete Erdogans Sprecher Ibrahim Kalin Durchhalteparolen: Die Strukturen der türkischen Wirtschaft seien stark, niemand solle gegenteiligen Spekulationen Glauben schenken. „Die Türkei wird gestärkt aus diesem Prozess hervorgehen“, versicherte Kalin.

Finanzminister Albayrak, der am Freitag mit vagen Worten zu seiner künftigen Finanz- und Wirtschaftspolitik eher Verwirrung stiftete als Klarheit zu schaffen, meldete sich ebenfalls zu Wort, diesmal immerhin konkreter: „Einlagen werden nicht beschlagnahmt, Devisen werden nicht konvertiert.“ Alles andere seien „Lügen“.

Kaum jemand tauscht die Lira um

Aus Sorge um ihre Devisenguthaben waren am Freitag viele Türken zu den Banken geströmt. Sie kamen aber nicht, um Dollar und Euro in Lira einzutauschen, wie es Erdogan seit Wochen fordert. Bei aller Begeisterung für den „Reis“, den „Führer“ – nur wenige folgen seinem Appell, harte Währung in schwindsüchtige Lira zu tauschen.

Der türkische Hockey-Verband hat zwar 25.000 Euro auf dem Vereinskonto in Lira getauscht. Und der gemeinnützige Verein AHID sammelte unter seinen Mitgliedern 65 Goldketten, 195 Goldmünzen, 2500 Dollar und 3000 Euro zum Umtausch. Aber die meisten Bankkunden wollten Dollar und Euro abheben, um die Devisen als Bargeld daheim zu horten – aus Angst vor einer Bankenkrise.

Einige Filialen mussten am Freitag bereits passen, weil ihnen die Devisen ausgingen. Ein Sturm auf die Banken wäre das letzte, was die Türkei jetzt braucht. Finanzminister Albayrak kündigte einen „Aktionsplan“ an – worin der bestehen soll, ließ er aber offen. Die Notenbank versicherte, die Liquiditätsversorgung der Geschäftsbanken sei gesichert.

Menschen spüren Inflation

Das von Erdogan gepflegte Feindbild Amerika lässt die Türken bisher zusammenrücken. Allerdings: Die Menschen spüren den Währungsverfall jeden Tag stärker beim Einkauf. Die Inflation, die im Juli bereits fast 16 Prozent erreichte, dürfte infolge des jüngsten Lira-Absturzes weiter anziehen. Die meisten Grundnahrungsmittel haben sich drastisch verteuert. Erdogans Anhänger scheinen aber das Vertrauen in die Politik des Staatschefs noch nicht verloren zu haben.

In der Stadt Düzce bietet ein Barbier jedem eine kostenlose Rasur an, der anhand eines Bankbelegs nachweisen kann, dass er Dollar in Lira getauscht hat. Noch einen Schritt weiter ging ein Geschäftsmann in der Kurdenmetropole Diyarbakir: Hasan Izol fächerte vor laufenden Kameras ein Bündel von 100 Ein-Dollar-Noten auf und steckte die Banknoten mit einem Feuerzeug in Brand. „Wir müssen unseren Patriotismus der ganzen Welt zeigen, vor allem den USA“, sagte Izol.

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