Energiewende Gutes Gewissen trotz Ölheizung

Aus solchen Rohren kommt das Heizöl zu den Verbrauchern.
Aus solchen Rohren kommt das Heizöl zu den Verbrauchern. © Foto: dpa
Dieter Keller 23.02.2017

Wer mit Öl heizt und trotzdem mit Blick auf die Umwelt ein gutes Gewissen haben will, kann jetzt klimaneutrales Heizöl kaufen: Die Mineralölhändler der Avia-Gruppe machen dieses Angebot zum Klimaschutz, ohne dass es die Kunden mehr Geld kostet. Zwar handelt es sich um ganz normales Heizöl, und beim Verbrennen entsteht CO2. Aber zum Ausgleich erwirbt Avia Verschmutzungsrechte und fördert damit Projekte wie energieeffiziente Kochherde in Uganda oder ein Wasserkraftwerk in der indischen Himalaya-Region, die genauso viel CO2 einsparen.

„Wir müssen Teil der Lösung sein und nicht das Problem“, begründet Avia-Chef Holker Mark die Initiative. Gut ein Viertel aller Wohnungen wird in Deutschland noch mit Öl beheizt. Gerade bei Altbauten sieht er die CO2-Kompensation als preiswerte Alternative zur Gebäudesanierung, insbesondere wenn der Heizkessel seine Lebensdauer noch nicht überschritten hat.

Für Franz Josef Radermacher ist dies ein „ganz wichtiges Projekt“, um die internationalen Klimaziele zu erreichen. Die Begrenzung der Erderwärmung werde nur gelingen, wenn die reichere Hälfte der Welt das Geld für konkrete Maßnahmen aufbringe – „zu Hause und in der ganzen Welt“, ist der Chef des Forschungsinstituts für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung (FAW) an der Uni Ulm überzeugt. Avia hat sich das Mitglied im Club of Rome, einer der Väter der „Ökosozialen Marktwirtschaft“, mit ins Boot geholt.

Radermacher hält viel von diesem Weg, weil sich so der weltweite CO2-Ausstoß rasch senken lässt. Er weist den Vorwurf zurück, die Kompensation durch Projekte insbesondere in Entwicklungsländern sei ein Freikauf von der Umweltverantwortung. Eine globale Lösung sei viel einfacher als eine „Klimaplanwirtschaft“ hierzulande. „Wir müssen uns Zeit kaufen, weil wir nicht kurzfristig umsteuern können.“

Jeder Bundesbürger produziert pro Jahr 10 Tonnen CO2. Ein Fünftel davon entfällt auf die Heizung. Würden alle zum Ausgleich Projekte in Afrika fördern, hätte das ebenso viel Wirkung, wie wenn sie selbst gar keine fossilen Energien verbrennen würden. Zudem wäre es effektiver: Die Dämmung eines Einfamilienhauses kostet etwa 20 000 €, die Verschmutzungsrechte für ein Jahr vielleicht 50 €, und das mit gleichem Effekt für die Umwelt. Bei diesen Überlegungen haben er und Mark wohl auch deutsche Umweltpolitiker im Auge, die Ölheizungen möglichst schnell verbieten wollen.

Laut dem Avia-Chef gab es bisher nur vereinzelt Angebote mit einem Zuschlag von etwa 1,50 € pro 100 Liter. Doch die wenigsten Hausbesitzer und Mieter seien bereit, mehr zu bezahlen. Dass die Avia-Händler die Kosten selbst tragen, ist für Mark „kein Marketinggag, sondern eine Investition in die Zukunft“.

An Avia sind 32 mittelständische Mineralölhändler beteiligt, die unter anderem bundesweit 840 Tankstellen betreiben. Von den 27 Mitgliedern, die Heizöl verkaufen, machen 5 vorerst nicht mit. Alle zusammen haben 2 Prozent Marktanteil. Die CO2-Kompensation lassen sie sich mindestens 5 Mio. € im Jahr kosten; genauere Zahlen wollte Mark nicht nennen. Dadurch werden über 1 Mio. Tonnen CO2 eingespart, was dem Verbrauch von 185 000 Haushalten entspricht.

Wie im Jahr 2050 geheizt wird, ist offen. Dann könnte es synthetische Brennstoffe geben, die keine klimaschädlichen Emissionen verursachen und bereits entwickelt werden. Radermacher geht allerdings davon aus, dass auch dann noch Kompensationsmöglichkeiten gebraucht werden.

Noch wird meist mit Gas und Öl geheizt

Der Klimaschutzplan der Bundesregierung fordert, dass ab 2050 nicht nur Neubauten, sondern auch der Bestand an Gebäuden „nahezu klimaneutral“ ist. Das ist eine große Herausforderung: 2015 wurden 49,3 Prozent der Wohnungen mit Erdgas beheizt und 26,5 Prozent mit Heizöl. Auf Fernwärme entfielen 13,6 Prozent, auf Strom 2,8 Prozent und auf Wärmepumpen 1,7 Prozent. Bei Neubauten dominiert seit Jahren Erdgas. Auf Elektro-Wärmepumpen und Fernwärme entfallen jeweils rund 20 Prozent. dik

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