Stuttgart Große Einrichtungen auf dem Vormarsch

Stuttgart / JOANNA STOLAREK 06.11.2012
Der Pflegemarkt ist ein wichtiger, aber unterschätzter Wirtschaftsfaktor. Wegen des hohen Kostendrucks geht der Trend zu großen Einrichtungen.

Die Wirtschaftskraft der Pflegebranche werde immer noch stark unterschätzt, fand das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln heraus. "Fälschlicherweise gilt die Pflege nur als Kostenfaktor", sagen die Experten. Dabei machte sie 2011 mehr als 1,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. Das Umsatzvolumen der Branche beträgt rund 33 Mrd. EUR. Damit sorgen die Pflegedienstleistungen für einen Beitrag zur Wertschöpfung in Höhe von rund 27,3 Mrd. EUR.

Diese Leistungen erbringen schätzungsweise 970 000 Beschäftigte. Sie versorgen damit mehr als die Hälfte der rund 2,5 Mio. Pflegebedürftigen in Deutschland. Das Wachstum in der Pflegebranche geht weiter: Die Experten prognostizieren eine Steigerung des Umsatzvolumens auf 62 Mrd. EUR im Jahr 2030 und gar 86 Mrd. EUR in 2050.

Das Geschäftsmodell der Pflegeheimbetreiber verändert sich: Die ambulante Pflege dominiert. Im Heim werden die Menschen erst im letzten Lebensabschnitt gepflegt. Das ist besonders personalintensiv. Derzeit besteht ein Personalschlüssel von 1 zu 2,3. Das heißt eine Pflegefachkraft kümmert sich um 2,3 Bewohner. Seit 1989 wurde dieser Schlüssel nicht angepasst, obwohl die Rahmenbedingungen sich stark verändert haben.

Die Heime bewegen sich in einem engen finanziellen Korsett. Das spüren zunehmend kleine Anbieter. Ohne Größenvorteile durch zentrale Einrichtungen wie Wäschereien oder Küchen werden nach Einschätzung von Experten etwa 50 Heime im Jahr schließen müssen oder sie werden an große Anbieter verkauft. Diesen Trend bestätigt auch Bernhard Schneider, Hauptgeschäftsführer der Evangelischen Heimpflege, des achtgrößten Betreibers in Deutschland: "Ohne unsere Größe könnten wir keinen positiven Jahresabschluss erzielen."