Frankfurt Geuro oder neue Drachme?

DPA 23.05.2012
Katapultiert sich Griechenland aus der Euro-Zone? Der Widerstand gegen den verordneten Sparkurs wächst. Ein Kollaps droht: Eine Zweitwährung könnte das verhindern, meinen einige Ökonomen.

Griechenland steht am Abgrund. Eine stabile Regierung ist nicht in Sicht, die Euro-Partner fürchten um den mit Rettungsmilliarden erkauften Sparkurs. Volkswirte schlagen daher vor, dem Land mit einer Parallelwährung Luft zu verschaffen: "Geuro" nennt sie Deutsche-Bank-Chefvolkswirt Thomas Mayer, eine "Neue Drachme" (ND) schlagen die Ökonomen Bernd Lucke (Hamburg) und Manfred Neumann (Bonn) vor.

Wie soll der "Geuro" funktionieren? In seinem Modell geht Deutsche-Bank-Ökonom Mayer davon aus, dass der griechischen Regierung das Geld ausgeht, die internationalen Geldgeber aber weiterhin für die Schulden des Landes geradestehen und den Bankensektor stützen werden. In diesem Fall könnte Athen Staatsangestellten wie etwa Polizisten Schuldscheine geben, statt sie gar nicht zu bezahlen. Der Beamte könne diese Schuldscheine gegen Euro tauschen - wenn er denn jemanden findet, der daran glaubt, dass die Regierung eines Tages wieder Euro beschaffen kann.

Was bringt eine Parallelwährung? Allmählich würde eine Zweitwährung entstehen, deren Kurs zum Euro sinkt. In der Folge könnten griechische Exporteure ihre Euro-Preise senken und besser ins Geschäft im Ausland kommen. Die Ökonomen Lucke/Neumann erklären: "Unser Vorschlag, die ND als eine zweite, gleichberechtigte Landeswährung einzuführen, soll es Griechenland erleichtern, durch einen Kurs größerer Flexibilität den wirtschaftlichen Wiederaufstieg zu erreichen. Aber es geht auch um den politisch-psychologischen Aspekt, dem Land die Rückkehr zur vollen Mitgliedschaft in der Euro-Union sichtbar offenzuhalten."

Würden so die Probleme der griechischen Wirtschaft gelöst? Wohl kaum. Die griechische Wirtschaft hat ein strukturelles Problem: Das Land lebt vom Tourismus und Waren wie Oliven, Feta und Wein. "Griechenland fehlen hochwertige, international wettbewerbsfähige Beschäftigungsstrukturen", urteilten Ökonomen des Instituts für Weltwirtschaft (IfW/Kiel) in einer Studie. Im Vergleich zu anderen Euro-Sorgenländern wie Portugal und Spanien sei Griechenland "seit jeher ausgesprochen schwach industrialisiert".

Wo liegen die Risiken einer Parallelwährung? Ein griechischer Sonderweg könnte ein fatales Signal an andere Wackelkandidaten senden. Die Sorge ist groß, dass die Bereitschaft zu Reformen in den Ländern sinkt, sobald der Druck nachlässt. Viele Experten sehen die Gefahr, dass die Tage der Europäischen Währungsunion (EWU) dann gezählt sind. "Der einzige vorstellbare Weg, auf dem die EWU mit allen Mitgliedern fortbestehen kann, scheint uns in einer zeitlichen Streckung der Konsolidierungsvorgaben zu liegen - ohne Aufgabe ihrer absoluten Verbindlichkeit, die auch von den Problemländern ohne Wenn und Aber anerkannt werden müsste", analysiert die DZ Bank.

Darf Griechenland überhaupt eine neue Währung einfach einführen? Helmut Siekmann, Professor für Geld-, Währungs- und Notenbankrecht an der Universität Frankfurt und Direktor des Institute for Monetary and Financial Stability (IMFS) betont: "Alle Verbindlichkeiten auch innerhalb Griechenlands sind in Euro zu begleichen, nicht in einer neuen Kunstwährung." Selbst neue Forderungen könnten nicht ohne Rechtsbruch auf eine andere Währung als den Euro lauten: "Griechenland hat die Währungshoheit an die EU abgetreten. Das Land kann legal keine neue Währung einführen." Privatpersonen, Unternehmen und Investoren im In- und Ausland wären an eine illegal eingeführte Währung nicht gebunden. Der Vorschlag sei insofern kurz gedacht, sagt Siekmann: "Wenn man diese Konsequenzen bedenkt, sehe ich keinen großen Fortschritt außer vielleicht etwas Zeitgewinn."PROF. LUCKE]