Genossenschaften Genossenschaften: Eine alte Idee als Zukunftsmodell

Kooperation statt Konkurrenz: Genossenschaften aus vier württembergischen Weinorten produzieren gemeinsam eine Rotwein-Cuvée, mit der die arbeitsintensiven Steillagen an der Neckarschleife bei Mundelsheim erhalten werden sollen.
Kooperation statt Konkurrenz: Genossenschaften aus vier württembergischen Weinorten produzieren gemeinsam eine Rotwein-Cuvée, mit der die arbeitsintensiven Steillagen an der Neckarschleife bei Mundelsheim erhalten werden sollen. © Foto: Hans Georg Frank
Heilbronn / Hans Georg Frank 11.05.2017

An der Neckarschleife bei Mundelsheim oder auf den Terrassen des Kaiserstuhls – überall stimmen Winzer ein Loblied auf eine 170 Jahre alte Idee an. Was Friedrich Wilhelm Raiffeisen und Hermann Schulze-Delitzsch einst vorgaben, „ist ein Erfolgsmodell“, sagt Erwin Vogel, Geschäftsführer der Winzergenossenschaft Oberbergen in der Ortenau. 1924 schlossen sich in der Gegend 42 Weinbauern zusammen, weil sie nur gemeinsam dem Preisdruck des Handels und der Unberechenbarkeit der Natur widerstehen konnten. Heute gehören der Kooperative 470 Mitglieder an.

Einen Alleingang haben schon etliche Genossen gewagt – und sind gescheitert. In Oberbergen seien es zwei Abtrünnige gewesen, sagt Vogel, die reumütig zurückkehrten. Er ist überzeugt: „Wenn wir morgen die Genossenschaft einstampfen, wird sie übermorgen wieder gegründet.“

In Achkarren, Stadtteil von Vogtsburg, verarbeitet der Winzerkeller die Trauben von 181 Hektar. Die vier größten Lieferanten bewirtschaften jeweils mehr als 20 Hektar. Damit könnten sie ein eigenes Gut betreiben. „Die Investitionen schrecken ab, es fehlt auch der Bezug zum Marketing“, weiß der Kellermeister Christoph Rombach. Seine Familie besitzt selber 18 Hektar. Jede Beere erhält die Genossenschaft.

In Durbach gibt es zwölf erfolgreiche Weingüter. Selbst mit nur vier Hektar und ein paar Ferienwohnungen lässt sich das Auskommen sichern. 60 Vollerwerbsbetriebe halten aber lieber der 89 Jahre alten Winzergenossenschaft die Treue. In Heilbronn schließt sich demnächst ein privates Weingut mit 5 Hektar der Genossenschaftskellerei an. Damit wächst deren Rebenterritorium auf mehr als 1400 Hektar; keine andere Kooperative dieser Art ist größer.

„Genossenschaften nehmen die Kleinen unter ihre Fittiche“, sagt Weinbauingenieur Ernst Büscher vom Deutschen Weininstitut (DWI), ein exzellenter Kenner der Branche. Er spricht von einem „Zukunftsmodell“, das gerade durch die „Sharing Economy“ wieder entdeckt werde. Es gebe kaum Nachwuchsprobleme. Junge Winzer könnten sich mit ihren Ideen einbringen. Positive Folgen seien die Landschaftspflege und der Erhalt der Steillagen: „Viele Regionen stünden ohne Genossenschaften weinbaulich nicht mehr so gut da.“

Im Südwesten ist die wirtschaftliche Bedeutung der Genossenschaften groß. Hierzulande verarbeiten 119 Gemeinschaftsbetriebe die Trauben von 18 700 Hektar  – das sind zwei Drittel der Rebfläche – und setzten damit vergangenes Jahr 488 Mio. € um. Zwar wird viel Massenware abgefüllt, aber auch anspruchsvolle Konsumenten wie Ernst Büscher stellen fest, „die Qualität hat sich deutlich verbessert“.

Der Aufschwung ist auch dem Verzicht auf das früher übliche Konkurrenzdenken zu verdanken. Wie gemeinsam Produkte ausgetüftelt werden, die im internationalen Wettbewerb bestehen können, macht ein ehrgeiziges Trio vor. „Weinbergwerk“ heißt das Projekt, für das die württembergischen Genossen von Lauffen, Mundelsheim, Besigheim und Rosswag einen Bund geschlossen und eine separate Kooperative gegründet haben. Gemeinsam suchen sie an den Steillagen von Enz und Neckar die besten Trauben aus für rote Cuvées in drei Qualitätsstufen. „Geschmacklich sind sie nicht unbedingt Württemberg zuzuordnen“, meint Geschäftsführer Christian Kaiser.

Mit Nischenprodukten hat die Genossenschaftskellerei Heilbronn positive Erfahrungen. Glühwein wurde schon nach Dubai exportiert, jetzt will Geschäftsführer Karl Seiter Saudi-Arabien erobern. Für die Abstinenzler ist alkoholbefreiter Weißwein bestimmt. Der „Zero Mousseux“ braucht nur noch ein Halal-Zertifikat.

Weltweit verbreitet

Friedrich Wilhelm Raiffeisen (1818-1888) und Hermann Schulze-Delitzsch (1808-1883) gründeten 1847, unabhängig voneinander, Hilfsvereine für die darbende Landbevölkerung und für notleidende Handwerker. „Einer für alle, alle für einen“, wurde diese Kombination aus Selbsthilfe, -verwaltung und -verantwortung später auf einen griffigen Nenner gebracht. Seit 2016 gehört diese allen offen stehende Form der Solidarität zum „Immateriellen Weltkulturerbe“ der ­Unesco.

In Deutschland sind rund 21 Millionen ­Menschen in einer
der fast 5700 Genossenschaften, davon
832 in Baden-Württemberg. In mehr als 100 Ländern vertrauen 800 Millionen Menschen dem kooperativen ­Gedanken. hgf

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