Arbeitsmarkt Freude auf Fahrten im großen Lastwagen

Will Lkw-Fahrer werden: Mohammed Amany.
Will Lkw-Fahrer werden: Mohammed Amany. © Foto: Marc Hörger
Fr / Stefan Loeffler 28.08.2018

Mohammed Amany möchte hoch hinauf, nämlich in das Führerhaus eines Lastwagens. Aus diesem Grund hat der 18-jährige Afghane, der 2015 als Flüchtling nach Deutschland kam, sich entschlossen eine Ausbildung zum Berufskraftfahrer zu machen: „Ich finde es sehr interessant, auf den Straßen in Deutschland unterwegs zu sein“, sagt er.

Die Theorieprüfung hat er bereits bestanden. Amany wird – sobald er den Führerschein hat – eine begehrte Fachkraft sein. Das deutsche Speditions- und Logistikgewerbe sucht händeringend Fahrer. Trotz nachhaltiger Lohnsteigerungen steigt die Attraktivität des Berufs nach Angaben des Branchenverbandes DSLV nicht. „Dabei wandelt sich das gerade sehr“, sagt Ingrid Eibner, Managerin des Logistik-Clusters Schwaben. Die Fahrzeugführer müssten in digital vernetzten Lieferketten die Aufträge koordinieren, hätten eine höhere Eigenverantwortung auch mit Blick auf das zunehmende Hightech im Führerhaus. Eigenständiges Arbeiten und eine große Portion Kontaktfreude seien nötig.

Bis sich der junge Auszubildende der Neu-Ulmer Spedition Allgaier im Alltag bewähren kann, vergehen aber noch zwei Lehrjahre. In denen hat er die parallell laufende Führerscheinausbildung der Klassen C und CE vor sich. Mohammed Amany ist zuversichtlich, dass er in seinem Traumberuf arbeiten wird.

Nach einer Studie der Weltbank gibt es in ganz Europa einen Mangel an Lkw-Fahrern. „Gegenwärtig sind EU-weit die Probleme in Deutschland und Großbritannien am größten“, heißt es in der Analyse. Aktuell fehlen in Deutschland 45 000 Berufskraftfahrer. Aus diesem Grund machte sich der Deutsche Speditions- und Logistikverband (DSLV) bereits 2015 für die Beschäftigung von Flüchtlingen stark und fordert unbürokratische Lösungen.

Hauptgeschäftsführer Frank Huster sieht darin eine Win-win-Situation, die die Politik nicht verschlafen dürfe: „Auf der einen Seite sucht die international agierende Speditions- und Logistikbranche Fach- und Nachwuchskräfte. Auf der anderen Seite sind viele Menschen, die jetzt nach Deutschland kommen, qualifiziert und motiviert und hoffen auf Arbeit, Ausbildung oder Praktikumsplätze.“ Zahlreiche Unternehmen seien bereit, Flüchtlingen eine Chance zu geben.

Dies tut auch Albert Schwarz, der die Probleme der Branche nur zu gut kennt. „Wer Berufskraftfahrer werden möchte, hat sich einen der schwierigsten Ausbildungsberufe überhaupt in Deutschland ausgesucht“, sagt der Personalleiter von Allgaier. Auch er sucht Fahrer. Bereits vor zwei Jahren bot er ersten Flüchtlingen Praktikumsplätze in dem Unternehmen an, das neben dem Transportgewerbe auch in den Bereichen Logistik, Beschaffung, Verpackung, Montage und Hebesysteme tätig ist: „Die Anforderungen des Berufskraftfahrers sind so vielseitig, dass man heutzutage ohne mathematisches Wissen und technisches Verständnis keine Chance hat.“ Die Liste der Ausbildungsschwerpunkte ist lang, die Inhalte anspruchsvoll. Sie reichen vom Arbeits- und Tarifrecht, über Sicherheit, Umweltschutz bis hin zu kundenorientiertem Verhalten.

Im September wird Allgaier vier Auszubildende zum Berufskraftfahrer einstellen, davon einen afghanischen und einen irakischen Bewerber. Sie werden parallel zur dreijährigen Berufsausbildung die theoretischen und praktischen Führerscheinprüfungen absolvieren. Bei seinem Projekt zieht Albert Schwarz an einem Strang mit der Ulmer Verkehrsfachschule Bayer, in der die Auszubildenden auf ihre theoretischen und praktischen Führerscheinprüfungen vorbereitet werden.

Die Neu-Ulmer Firma Allgaier gibt Migranten oder Asylanten jedoch nicht nur aus betrieblichem Eigennutz eine Chance, vielmehr möchte sie damit  einen Beitrag zur Integration leisten. Die liegt dem engagierten Flüchtlingshelfer Albert Schwarz auch persönlich am Herzen. Er fördert die jungen Menschen in seiner Freizeit, zum Beispiel mit Sprachkursen. Denn das Erlernen der deutschen Sprache ist das A und O der Ausbildung.

Das weiß auch Mohammed Amany, einer seiner engagiertesten Lehrlinge: „Es geht ja nicht nur darum, mit Kunden zu sprechen, man muss auch die Abläufe einer Spedition oder Logistikprozesse von Grund auf verstehen. Ohne die deutsche Sprache geht das einfach nicht“, sagt der 18-Jährige.

Fakten zu Flüchtlingen im Südwesten

1 In Baden-Württemberg leben laut baden-württembergischen Wirtschaftsministerium 81 000 anerkannte Flüchtlinge.

2 Ende Januar 2018 waren 28 000 Menschen aus den acht wichtigsten Asyl-Herkunftsländern (Afghanistan, Eritrea, Irak, Iran, Nigeria, Pakistan, Somalia, Syrien) sozialversicherungspflichtig beschäftigt.

3 Eine Lehre absolvieren derzeit 3200 Frauen und Männer aus den acht Ländern plus Gambia. Zum 31. Dezember 2017 waren 2387 neue Ausbildungsverträge abgeschlossen. Im Vorjahr waren es 868 Verträge.

4 Aktuell leben in den Erstaufnahmezentren im Südwesten 4730 Menschen, über deren Asylantrag noch nicht entschieden ist. In der darauf folgenden „vorläufigen Unterbringung“ sind es 30 000. Dritte Stufe ist die Anschlussunterbringung in Kommunen: Dort waren Mitte September 2017 rund 73 000 Menschen untergebracht, die von 2015 bis Februar 2016 in den Südwesten gekommen waren. Aktuellere Zahlen liegen nicht vor.

5 In Sachen Sprachkurse und anderen Maßnahmen gibt es verschiedene Zuständigkeiten. Zwei Beispiele: An Berufssprachkursen des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge nahmen 2017 rund 6427 Personen teil, an Integrationskursen rund 38 100. amb

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