Ulm Foodwatch-Chef Bode: Falsche Versprechungen der Lebensmittelindustrie

Ulm / NIKO FRANK 26.10.2013
Siegel für Lebensmittel sorgen nicht für mehr Klarheit, sondern führen Verbraucher in die Irre, sagt Thilo Bode. Der Foodwatch-Geschäftsführer kritisiert die Politik als Dienstleister der Nahrungsmittelbranche.

Herr Bode, sorgt die Flut von Siegeln für Lebensmittel für mehr Klarheit?

THILO BODE: Alle Labels, die von Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner eingeführt wurden, sind freiwillig. Unternehmen, die durch diese Labels keine Nachteile haben, machen mit. Firmen, denen sie Nachteile brächten, machen nicht mit. Deshalb haben diese Labels keine Lenkungswirkung. Es gibt mittlerweile hunderte Siegel im Lebensmittelbereich, die alles Mögliche versprechen - sie sorgen eher für Verwirrung als für Klarheit.

Gilt der Vorwurf der Intransparenz auch für die Regionalkennzeichen?

BODE: Es gibt Informationen, die für Verbraucher sehr wichtig sind. Dazu zählt auch, ob Lebensmittel tatsächlich aus der Region stammen oder ob dies vorgeschoben ist. Das gewährleisten die bisherigen Kennzeichnungen eindeutig nicht.

Lassen alle Siegel die Verbraucher an dieser Stelle im Unklaren?

BODE: Es gibt nicht nur bei den vielen freiwilligen Kennzeichen, die sich die Industrie selbst verleiht, ein Problem, sondern auch bei staatlich oder europäisch garantierten. Dazu zählt auch das Label "geschützte geografische Angabe", unter das beispielsweise der Schwarzwälder Schinken fällt. Die Hersteller dürfen ganz legal behaupten, dass der Schinken ausschließlich im Schwarzwald hergestellt wird. Dabei ist es beim Schwarzwälder Schinken gerade so, dass 90 Prozent des Schweinefleisches für diesen Schinken nicht aus dem Schwarzwald stammt, nicht einmal aus Baden-Württemberg, sondern aus anderen Regionen Deutschlands oder aus dem Ausland importiert wird. Dieses Fleisch dürfte theoretisch auch aus Neuseeland kommen. Gewiss müssen immer Produktionsschritte wie das Räuchern im Schwarzwald sattfinden, aber viele Verbraucher erwarten, dass auch der wichtigste Rohstoff, das Fleisch, dort her kommt - und fühlen sich dann in die Irre geführt.

Gilt dies für alle Regionalzeichen?

BODE: Grundsätzlich gilt: Für das EU-Siegel "geschützte geografische Angabe" muss nur eine Produktionsstufe vor Ort erfolgen. Woher die Rohstoffe kommen, ist oft unklar. Auch das neue deutsche Regionalfenster schafft nicht die versprochene Transparenz, weil es freiwillig ist und von den meisten Herstellern eben nicht genutzt wird. Was fehlt, ist eine verpflichtende Herkunftsangabe der Hauptzutaten auf Lebensmitteln.

Wie erklären sie sich die Flut von Regional-Labels?

BODE: Die Verbraucher sind natürlich überwältigt durch die große Zahl von Nahrungsmitteln, die aus der ganzen Welt kommen. Regionale Lebensmittel sind für viele eine Art von Sicherheit nach dem Motto: Da weiß man, was man hat. Zudem unterstützt man die regionale Wirtschaft. Aus Hersteller- und Händlersicht ist Regionalität beste Werbung: Angesichts lascher Gesetze können sie Regionalität selbst dort suggerieren, wo keine ist - und die Käufer mit Versprechen ködern kann, die sie nicht halten.

Geben sich die Verbraucher Illusionen hin, wenn sie regionale Produkte kaufen?

BODE: In viele Fällen: ja.

Gilt dies auch für Bio-Produkte?

BODE: Bei den Bio-Produkten haben wir leider auch keine transparente Herkunftskennzeichnung. Wenn man eine Bio-Marmelade kauft, kann es durchaus sein, dass die Früchte aus Argentinien kommen. Dies muss nicht auf dem Marmeladeglas stehen. Auch die Bio-Industrie hat sich bei den Verhandlungen zur Herkunfts-Kennzeichnung gegen mehr Transparenz ausgesprochen. Bio bekommt hier keinen Freispruch.

Kann ich als Verbraucher dann überhaupt bewusst einkaufen?

BODE: Als Verbraucher hat man es schwer, weil entscheidende Informationen auf der Packung fehlen - siehe das Beispiel Herkunftskennzeichnung - oder in unverständlicher, irreführender Weise dargeboten werden. Wenn es etwa um die Nährstoffe geht - also um Fett, Zucker und Salz. Bei verarbeiteten Produkten ist die Kennzeichnungspflicht für die Hersteller völlig unzureichend. Heute enthalten fast alle Produkte Zucker als Geschmacksverstärker. Dies hat inzwischen massive Auswirkungen auf die Gesundheitskosten. Übergewichtigkeit, Fettleibigkeit oder Diabetes Typ II haben wir ja bereits bei Kindern. Aber es ist schwierig, beim Einkauf die Zuckerbomben zu entlarven.

Wie lautet ihre wichtigste Forderung an die künftige Bundesregierung?

BODE: Das Verbraucherministerium muss vom Agrarministerium abgekoppelt werden, damit die Legende aufhört, die Interessen der Agrarindustrie seien identisch mit den Interessen der Verbraucher. Verbraucher wollen Produkte, die möglichst billig sind. Zugleich müssen Qualität und Sicherheit möglichst hoch sein. Die Hersteller wollen möglichst teure Produkte zu geringsten Herstellungskosten. Dieser Interessengegensatz lässt sich nicht in einem Ministerium auflösen.

Was ist beim Verbraucherschutzes zudem vorrangig?

BODE: Die Politik muss zwei Probleme anerkennen: Im Lebensmittelsektor gibt es keine Transparenz. Die Verbraucher werden beim Kauf von Lebensmitteln ganz legal getäuscht und in die Irre geführt. Das andere besteht darin, dass die Gesundheit sehr vieler Bundesbürger auch durch zu fette und zu zuckerhaltige Lebensmittel gefährdet wird. Dagegen muss sie vorgehen mit Transparenz-Vorschriften und besonderen Schutzmaßnahmen für Kinder: Zuckrige und fettige Junkfood-Produkte dürfen zum Beispiel nicht länger als Kinderprodukte beworben und mit Comicfiguren, oder Spielzeugbeigaben direkt an Kinder vermarktet werden.

Weshalb spielen diese gewichtigen Themen in der politischen Arena bislang nur eine Nebenrolle?

BODE: Verbraucherschutz gilt in der Politik als Kuschelthema. Dabei geht es um Bürgerrechte, um Informationsrechte, um das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit. Aber diese Themen sind nicht ausschlaggebend bei Wahlen. Dies wird sich nur ändern, wenn wir Verbraucher den Politikern zu verstehen geben, dass es hier um echte Bürgerrechtspolitik geht.

Könnten die Schulen eine wichtige Rolle spielen für den Aufbau einer wirkungsvollen Verbrauchermacht?

BODE: Ich halte Ernährungskunde für sehr wichtig. Aber Änderungen in der Nahrungsmittelpolitik erreicht man nicht über Bildung. Hier geht es um knallharte politische Interessen, um knallharten Lobbyismus der Lebensmittelkonzerne. Nötig wäre ein starker Staat, der nicht als Dienstleister der Lebensmittelbranche agiert und Verbraucherinteressen auch gegen kommerzielle Interessen durchsetzt.

Passen Verbraucherschutz und wirtschaftliche Interessen zusammen?

BODE: Beides passt unter einen Hut, wenn man Forderungen nach Transparenz und Haftung ernst nimmt. Beide sind ja marktwirtschaftlicher Natur und müssten der Industrie eigentlich behagen. Aber wenn es ans eigene Leder geht, ist man nicht mehr so begeistert von der Marktwirtschaft und lehnt Transparenz und Haftung ab.

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