Singen Flüssigwürze Maggi wird seit 125 Jahren gebraut

Flaschen mit der Flüssigwürze Maggi durchlaufen die Fertigungslinie im Singener Werk des Schweizer Nestlé-Konzerns. Foto: dpa
Flaschen mit der Flüssigwürze Maggi durchlaufen die Fertigungslinie im Singener Werk des Schweizer Nestlé-Konzerns. Foto: dpa
Singen / DORIS BURGER, DPA 03.01.2012
Schon zu Zeiten des Reichskanzler Otto von Bismarck wurde die braune Flüssigwürze Maggi im Südwesten hergestellt. Erstmals zusammengebraut wurde sie vor 125 Jahren, genutzt wird sie bis heute.

Maggi gehört zu Deutschland wie Tempo, Nivea, Mercedes Benz und das Wort Gemütlichkeit. Der orangegelbe Maggi-Schriftzug leuchtet noch heute über der Stadt Singen, direkt hinter dem Bahnhof - auch wenn das Werk seit 1947 im Nestlé-Besitz ist. 900 Mitarbeiter stellen auf dem ausgedehnten Fabrikgelände im Schichtbetrieb Tütensuppen, Soßen, Brühwürfel und Konserven wie Ravioli her. Und natürlich die bekannte Flüssigwürze. Allein davon verbrauchen die Deutschen im Schnitt 500 Gramm pro Jahr und Haushalt.

Als unentbehrlicher Helfer der Hausfrau wurde die Würze beworben, seit sie Julius Maggi 1886 in seinem Schweizer Heimatort Kemptthal erfunden hatte. Der Müller-Sohn hatte zunächst mit Gemüsemehl experimentiert und kochfertige Suppen entwickelt, die vor allem Fabrikarbeiter mit wenig Aufwand satt machen sollten. Als Reklamechef stellte er keinen Geringeren als den Dichter Frank Wedekind ein. Denn Maggi erkannte rasch, dass er seine Neuheiten publik machen musste.

Bereits im Mai 1887 eröffnete Maggi eine Niederlassung in Singen am Hohentwiel und begann mit Abfüllung und Versand von "Maggis Suppenwürze" auf dem deutschen Markt. Singen war ein Eisenbahnknoten nahe der Schweizer Grenze, und der Standort in Deutschland verminderte die Zollkosten erheblich. Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg arbeiteten bei der Maggi mehr als 4300 Arbeiter und Angestellte.

Auch in der Nachkriegszeit war Maggi präsent. Zum Beispiel im Kinderzimmer: Die Mini-Flasche in gelb-rot durfte eigentlich in keinem Kaufmannsladen fehlen. Oder im Restaurant: Die Standardgröße mit 250 Gramm stand in den 1960er Jahren auf nahezu jedem Tisch - ebenso griffbereit wie in der modernen Küche.

Geschmack und Funktion haben sich in 125 Jahren nicht geändert: Schmeckt die Suppe fad, helfen ein, zwei Spritzer der braunen Soße. Hauptbestandteil ist pflanzliches Eiweiß aus Weizen, das in einem Gärprozess - ähnlich dem Bierbrauen - in seine Bausteine, die Aminosäuren, aufgespalten wird. Dabei entsteht der charakteristische Geschmack der Würze.

Darin steckt zudem Glutamat, das in den letzten Jahren zunehmend in Verruf geraten ist und zum Beispiel Kopfschmerzen auslösen soll. "Aber in den Mengen, in denen es enthalten ist, hat es keinen negativen Effekt", sagt Wilfried Trah, Werkleiter in Singen. Ernährungswissenschaftlerin Silke Restemeyer bei der Deutschen Gesellschaft für Ernährung in Bonn erklärt, bei ausgewogener Ernährung seien keine negativen Folgen durch Glutamat zu erwarten.

Die Stadt Singen am Hohentwiel ist ein bedeutender Industriestandort im Süden Baden-Württembergs mit knapp 44 500 Einwohnern. Die Stadt liegt etwa zwölf Kilometer von der Schweizer Grenze entfernt.

Auch der Singener Oberbürgermeister, Oliver Ehret (CDU), kennt die Produkte genau. In seiner Familie kommen sie immer wieder auf den Tisch: "Die Würze brauchen wir relativ viel. Vor allem meine Tochter liebt sie, kein Ei ohne Maggi." Natürlich kennt Ehret die sozialen Aspekte der Firmengeschichte: "Was hat Julius Maggi denn gemacht? Er war ein altruistischer Mensch, der gemerkt hat, dass es viele Menschen gab, die wenig verdienen und sich hochwertige Nahrung nicht leisten konnten", sagt der Oberbürgermeister.

Der Unternehmer Maggi hatte zudem schon 1900 eine Betriebskrankenkasse eingeführt, 1903 eine Kantine. Bereits 1907 wurden Arbeitsausschüsse gewählt, Vorläufer des heutigen Betriebsrates. Den Maggi-Supermarkt am Eingang des Werkgeländes gibt es noch heute. Zum Sonderpreis können die Mitarbeiter dort Lebensmitteln einkaufen - natürlich auch Maggi.