Frankfurt Finanzmetropole Frankfurt entdeckt die Fintechs

Die Banken dominieren das Frankfurter Stadtbild. Nun sollen in ihrem Schatten auch kleine Dienstleister, die Fintechs, einen eigenen Platz bekommen.
Die Banken dominieren das Frankfurter Stadtbild. Nun sollen in ihrem Schatten auch kleine Dienstleister, die Fintechs, einen eigenen Platz bekommen. © Foto: dpa
Frankfurt / ROLF OBERTREIS 17.08.2016
Die Finanzmetropole Frankfurt will schnell bei Fintechs aufholen. Berlin und London haben die Nase vorn. Deshalb wird nur ein eigenes „Tech Quartier“ gegründet.

Ein wenig spät sind die Frankfurter schon dran. Aber nicht zu spät, hofft Hessen Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Grüne). Am 1. Oktober eröffnet die hessische Landesregierung zusammen mit der Stadt Frankfurt und der Frankfurter Goethe-Universität das „Tech Quartier“ im Hochhaus Pollux unweit des Frankfurter Messeturms. Es soll Platz bieten für junge innovative Fintech-Unternehmen und den Austausch ermöglichen. Und auch den Banken Wege weisen, wie sie ihr vor allem wegen der niedrigen Zinsen immer schwieriges Geschäft mit neuen Ansätzen zukunftsfähig gestalten können.

Zwar gibt es in Frankfurt viele Initiativen und Start-Ups. Tatsächlich aber hinkt man in Sachen Fintechs hinter Berlin hinterher, obwohl das Finanzzentrum am Main eigentlich mit der Nähe zur Geldbranche, zu Aufsichtsbehörden, zur Bundesbank und zur Europäischen Zentralbank (EZB) der ideale Standort ist. „Das kann Berlin nicht bieten“, sagt ein Banker. Aber in Frankfurt wurschtelt man bislang eher nebeneinander her, als an einem Stang zu ziehen. Das soll sich jetzt endlich ändern. Der Brexit eröffnet zudem neue Chancen.

Frankfurt habe das Aufkommen der Fintechs schon ein bisschen verschlafen, räumt manch ein Banker ein. „Wir sind spät dran“, sagt auch Zeljko Kaurin, Vorstandsmitglied der Ing-Diba. „Zurzeit ist Berlin attraktiver. Aber wir holen auf“. Deutsche Börse, Deutsche Bank, Commerzbank oder Ing-Diba – jeder hat am Main sein eigenes Zentrum etabliert. Zusammen mit einzelnen Firmen soll es in Frankfurt derzeit etwa 50 FintTechs geben. Im April hat die Deutsche Börse den „Fintech Hub Frankfurt“ eröffnet. „Frankfurt soll Deutschlands führendes FinTech-Zentrum werden“, versprach Börsen-Chef Carsten Kengeter bei der Einweihung. Vier Fintechs sind dort eingezogen, die sich mit digitaler Kreditvergabe, Sparanlagen und Zahlungssystemen befassen.

Die Commerzbank betreibt seit 2014 ihren „Main Incubator“, bietet dort Platz für junge Firmen, die neue Ideen für Banken kreieren. Zudem hat sie mit „Neu Gelb“ einen eigenen Digitalableger mit Büros in einem Frankfurter Hinterhaus und in Berlin. Die Deutsche Bank tut sich mit einer Digitalfabrik hervor, in der 400 Experten arbeiten sollen. Und die Ing-Diba bringt just in jenem Hochhaus an der Messe direkt über den beiden Etagen, die für das „Tech Quartier“ vorgesehen sind, selbst eigene Experten unter, die an neuen digitalen Konzepten und Kundendienstleistungen arbeiten.

Immerhin aber unterstützen jetzt mehrere Banken das neue Fintech-Zentrum. Deutsche Bank, DZ-Bank und Ing-Diba und auch die Deutsche Börse steuern jeweils bis zu 100 000 € bei. Das Land Hessen will sich bei der Finanzierung zurückhalten. Das Zentrum soll kein Zuschussbetrieb werden, sondern sich selbst tragen, hofft Al-Wazir. Er ist zuversichtlich, dass kein Steuergeld nötig ist.  Im Vergleich zu anderen Standorten seien die enge Zusammenarbeit aller Beteiligten und der breite Rückhalt einzigartig im Vergleich zu anderen Finanzstandorten.

Al-Wazir hatte in den vergangenen Tagen bei einem Besuch in London aber auch gesehen, dass es viel besser geht und Frankfurt erheblichen Nachholbedarf hat. An der Themse sitzen allein im Finanzviertel Canary Wharf im Fintech-Zentrum „Level 39“ bereits rund 200 junge Unternehmen. Zum Vergleich: Im „Tech Quartier“ soll es zunächst einmal 114 Arbeitsplätze geben. Allerdings könnte sich die Lage auch zugunsten Frankfurts ändern, wie Al-Wazir auch weiß. Der Brexit wird möglicherweise viele britische FinTechs veranlassen oder gar zwingen, an einen Standort in der EU zu wechseln. Auf solche Fintechs schielen freilich auch andere europäische Finanzzentren.

In der Mainmetropole Frankfurt ist man sich gleichwohl sicher, dass das „Tech Quartier“ neuen Schwung in die Szene bringen wird. Erster Mieter ist das 2014 gegründete Frankfurter Fintech Ginmon, das Kunden die Geldanlage über ETFs, über börsengehandelte Fonds anbietet. Das bisherige Domizil ist zu klein geworden. Im Pollux wird Ginmon nicht nur anderen Firmen begegnen. Für Wirtschaftsminister Al-Wazir soll es um noch mehr gehen. „Am Ende braucht es einen Ort, wo man sich trifft und auch mal Party machen kann“.

Der Druck auf die Etablierten wächst

Branche Hinter der Abkürzung Fintech verbirgt sich der Begriff Finanztechnologie oder auch Finanzdienste und Technologie. Er bezeichnet im Grunde Geschäftsideen und  -modelle für den gesamten Finanzdienstleistungsbereich von Banken, Sparkassen, Versicherungen und Börsen für Geschäfts- und Privatkunden. Basis dafür ist das Internet und die Digitalisierung von Prozessen etwa für die Geldanlage, für die Kreditvergabe, den Zahlungsverkehr oder Einzellösungen wie etwa Authentifizierung und Identifizierung von Person über das Internet etwa für die Eröffnung eines Girokontos. Meist handelt es sich bei Fintechs um neue kleine Unternehmen (Start-Ups). Sie üben mittlerweile erheblichen Druck auf Banken und Sparkassen aus, weil sie Geldgeschäfte einfacher, schneller und kostengünstiger abwickeln können. Deshalb kooperieren traditionelle Geldhäuser mittlerweile mit Fintechs oder sogar eigene Fintech-Ableger aufgebaut.

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