Freudenberg / ALEXANDER BÖGELEIN  Uhr
Ein Zoo, ein Altenheim und ein Hotel, in dem behinderte Menschen arbeiten, gehören zur Rauch-Gruppe. Michael Stiehl leitet den großen Möbelhersteller."Die Basis für Erfolg ist ein gutes Team", sagt er.

."Die Familie ist mir wichtig." Michael Stiehl sagt das nicht nur so dahin. Der Chef der Rauch Möbelwerke im idyllisch gelegenen Freudenberg lebt nach diesem Grundsatz. Ansonsten würde der Vater von sechs Kindern im Alter von zwei Monaten bis 18 Jahren nicht einen der größten Möbelhersteller Europas im nördlichsten Zipfel Baden-Württembergs leiten, sondern hätte weiter Karriere bei Daimler gemacht.

"Ich bin in der beneidenswerten Situation, dass ich zum Mittagessen nach Hause gehen kann und meine Familie sehe", sagt Stiehl. Er versucht, sich seine Wochenenden für Ehefrau und Kinder freizuhalten."Es ist toll, dass sich meine Frau um sehr vieles kümmert und mir den Rücken freihält." Doch auch der 54-Jährige ist in den Alltag integriert: Brote schmieren, Möhren schälen, Fahrdienste und anderes."Ab und zu koche ich mit den Kindern. Die dürfen sich was aussuchen, und wir kaufen zusammen ein", erzählt er.

Familie und Beruf so unter einen Hut zu bringen, war aber erst möglich, als er dem Daimler-Konzern den Rücken kehrte. 19 Jahre hat er für den Stuttgarter Autobauer gearbeitet. Ende der 90er Jahre leitete er das Vorstandssekretariat Nutzfahrzeuge, sollte sich aber eine neue Aufgabe im Konzern suchen. Das fiel in jene Zeit, in der sich Daimler als global agierender Konzern aufstellte."Mir war klar: Wenn ich bei Daimler bleiben will, muss ich Stationen im Ausland durchlaufen", sagt Stiehl."Doch ich hatte damals drei Kinder und stellte mir die Frage: Will ich das? In solchen Fällen ist die Familie der Leidtragende."

Stiehl wollte nicht und schaute sich nach einem Wechsel zu einem Mittelständler um. Just in dieser Zeit suchten die Rauch Möbelwerke einen Geschäftführer. Dort war mit den drei Brüdern Günther, Heinz und Wendelin die dritte Generation in das Familienunternehmen nach dem Zweiten Weltkrieg eingestiegen, die die Basis für Wachstum geschaffen hatten. Sie entschieden sich für ihren Großneffen Michael Stiehl. Der hatte zu Günther Rauch seit Kindertagen ein herzliches und vertrauensvolles Verhältnis."Wenn ich in den Sommerferien zu Besuch bei meiner Oma war, haben wir immer etwas gemeinsam unternommen", erzählt Stiehl.

1999 stieg er bei der Rauch-Gruppe ein, wurde einige Jahre später am Unternehmen beteiligt. Die Veränderung vom angestellten Geschäftsführer zum geschäftsführenden Gesellschafter, spürte Stiehl."Man wägt Entscheidungen noch intensiver ab, ist vorsichtiger, überlegt bei größeren Investitionen drei oder fünf Mal, auch wenn sich das auf den ersten Blick als wirtschaftlich darstellt."

Auch das Thema Verantwortung bekam für Stiehl eine andere Bedeutung."In einem Großkonzern gibt es immer eine Stabstelle, eine Abteilung, bei der man sich absichern kann und deswegen keine Verantwortung übernehmen muss." Mittelständlern stehen nicht so viele Experten zur Verfügung."Auch müssen diese mit den Folgen einer Entscheidung umgehen, ob sie gut sind oder nicht", sagt Stiehl.

Dafür agierten Familienunternehmen nachhaltiger und hätten die Chance, ihre Wertevorstellungen auf die nächste Generation zu übertragen. Der 54-Jährige denkt dabei in erster Line an soziale Verantwortung."Die Arbeitsplätze und eine vernünftige Einkommenssituation zu erhalten, ist eine Herausforderung." Allein um die Zahl der Beschäftigten zu halten, müssen wir jährlich um 2 bis 3 Prozent wachsen", erklärt er mit Blick auf den harten Wettbewerb in der Branche und den stark gestiegenen Holzpreisen.

Dennoch behaupten sich die Rauch Möbelwerke gut im Markt und sind finanziell unabhängig. Jedes dritte in Deutschland verkaufte Schlafzimmer stammt von dem Hersteller, der aber auch Schränke, Kinder- und Jugendzimmer, Betten, Kommoden und Apartmentmöbel anbietet. Der Erfolg beruhe auf vielen Bausteinen: engagierte und zuverlässige Mitarbeiter, das eigene Spanplattenwerk, die auftragsbezogene High-Tech-Fertigung, das Baukasten-Prinzip, das den Möbeln zugrunde liegt sowie das ökologische Handeln, für das Rauch schon viele Auszeichnungen erhalten hat, darunter den"Blauen Engel" für umwelt- und ressourcenschonende Herstellungsverfahren.

Zu seinen Grundregeln gehört, verlässlich zu sein - gegenüber Kunden, aber auch den Mitarbeitern,"mit denen man vernünftig umgehen muss". Das soziale Engagement zeigt sich an einem kleinen Zoo mit Gratiseintritt, eines der Ausflugsziele in der Region, und am Hotel St. Michael in Tauberbischofsheim, einem Integrationsbetrieb, an dem das Unternehmen mit dem Caritas-Verband beteiligt ist, in dem Mitarbeiter mit Behinderung eine Perspektive geboten wird.

Obendrein gehört der Otto-Rauch-Stiftung ein Altenheim und ein Betreutes-Wohnen-Projekt."Die Pflegesätze sind bezahlbar, die Standards besser als anderswo." Ein Unternehmen müsse den Menschen in der Region auch etwas zurückgeben. Mit Blick auf das Altenheim betont er:"Man muss nicht nur eine gute Arbeit haben, sondern man muss auch gut alt werden können."