Kann man überhaupt nachhaltig reisen?
HARTMUT REIN: Selbstverständlich. Einfacher als man glaubt. Das zentrale Problem am Tourismus ist die An- und Abreise, weil da am meisten CO2 ausgestoßen wird und damit Umwelt-, vor allem Klimabelastungen entstehen. Wenn man da schon mal auf Flugzeug und Auto verzichtet und mit der Bahn oder dem Bus reist, hat man schon viel geleistet, um einen nachhaltigen Tourismus zu realisieren.

Dann sind Fernreisen also grundsätzlich schlecht?
REIN: Die sind tatsächlich ein Problem. Weil wir bei einer Fernreise mehr an klimaschädlichem CO2 produzieren als wir sonst in unserem Alltag in zwei oder drei Jahren brauchen würden. Insofern versucht man, sich mit gewissen Regeln zu helfen. So sollte man nur fliegen, wenn die Entfernung mehr als 800 Kilometer beträgt. Und möglichst lange vor Ort bleiben, nicht fürs Wochenende zum Shoppen nach New York fliegen. Wenn man es noch ernster meint, kann man sich die Airlines anschauen. Will man wirklich mit dem Anbieter fliegen, der die ältesten Flugzeugen nutzt oder doch lieber einen auswählen mit modernen Fliegern?  Da gibt es viele kleine und große Möglichkeiten, damit man nachhaltig an- und abreisen kann.

Und vor Ort?
REIN: Vor Ort kann man Unternehmen auswählen, die sich der Nachhaltigkeit verschrieben haben. Man kann bei kleinen Gastgebern buchen und nicht bei den großen Ketten. So leistet man einen Beitrag für die wirtschaftliche Nachhaltigkeit in einer Region. Mit lokalen Anbietern unterstützt man die regionalen Wirtschaftskreisläufe und nicht die Konzerne, die in vielen Ländern ihre Gewinne einfahren und nach Hause transferieren. Auch die Aktivitäten sind entscheidend. Beim Wandern und Fahrradfahren kann man eh nichts falsch machen.

Das klingt alles sehr sinnvoll. Aber es setzt Bewusstsein und Anstrengung voraus. Sind viele Menschen dazu bereit?
REIN: Ich glaube, den Markt gibt es. Aber momentan ist nachhaltig Reisen noch mit zu viel Mühe verbunden. So etwas funktioniert, wenn es normal ist. Wenn man Nachhaltigkeit wie selbstverständlich im Reiseangebot drin hat und der Gast gar nicht darüber nachdenken muss. Wenn man jetzt ein Angebot sucht, findet man wenig. Es gab 2014 eine Reiseanalyse, die gezeigt hat, dass 28 Prozent der Befragten bereit sind, nachhaltig zu verreisen. Aber nur, wenn die Angebote einfach zu finden und nicht teurer sind.

Aber wahrscheinlich ist es derzeit häufig noch teurer. Ist nachhaltig Reisen etwas für Besserverdiener?
REIN: Solch eine Reise muss nicht wirklich teurer sein. Es ist weniger eine Frage des Geldes, ob man nachhaltig reist, als eine Frage des Bewusstseins. Und letzteres ist bei besser ausgebildeten Menschen oft größer. Das sieht man zum Beispiel an jungen Menschen. Studenten zum Beispiel haben häufig nicht viel Geld, trotzdem versuchen viele, sich genau nach den genannten Regeln zu verhalten.

Was können Touristen anrichten, wenn sie auf gar nichts achten?
REIN: Da gibt es viele Beispiele. Hemmungslosen Wasserverbrauch in Mittelmeerregionen, wobei das Wasser den Einheimischen entzogen wird. Tourismus leistet einen Beitrag zum Klimawandel. In einigen Ländern führt Tourismus zu kulturellen Verwerfungen, die zum Beispiel mit Begriffen wie Sextourismus oder Kinderarbeit problematisiert werden. Nicht zu unterschätzen ist natürlich auch die Landschaftszerstörung. Wenn man in die Hotelkomplexe fährt, die etwa überall die Küsten am Mittelmeer zubetonieren, sorgt man dafür, dass deren Boom weiter anhält.

Ein Trend bei jungen Menschen ist, Reisen mit Helfen zu verbinden – Volounteer Tourismus. Ist das Geldmacherei und Sensationslust oder eine gute Sache?
REIN: Es gibt schwarze Schafe, denen es nur ums Geldmachen geht. Da werden dann Kinder für vier Stunden in Einrichtungen gebracht, kurz von reichen Amerikanern gehütet und dann zurück in ihr Elend entlassen. Aber es gibt auch eine große Zahl von seriösen Angeboten. Auch da muss man einfach Kriterien haben, die gute von schlechten Angeboten unterscheiden. Eines davon ist die Dauer. Wenn man drei Stunden in einem Kinderheim Kulis verteilt, ist das Unsinn. Wenn junge Leute drei Wochen oder länger irgendwo mitarbeiten, ist das meist etwas Sinnvolles.

Was müssen Regionen bieten, damit sie Kunden anlocken, die nachhaltig reisen wollen?
REIN: Besonders gut funktioniert das Thema über Mobilität. Im Schwarzwald gibt es die Konus-Gästekarte. Damit können Sie im gesamten Schwarzwald kostenfrei alle öffentlichen Verkehrsmittel nutzen. Die Karte bekommen Sie, wenn Sie eine Übernachtung buchen. Das ist natürlich ein Anreiz, die öffentlichen Verkehrsmittel zu nutzen. Andere Orte stellen ihren Gästen Fahrzeuge zur Verfügung – E-Bikes oder E-Autos zum Beispiel. Das sind Vorreiter.

Wie sollte man sich überhaupt verhalten, um für die Ortsansässigen nicht zur Plage, sondern zu einer Bereicherung zu werden?
REIN: Das ist natürlich auch ein Mengenproblem. Wo Touristen in großen Massen auftreten, werden sie schnell zur Belastung – wie in Venedig zum Beispiel. Das lässt sich nicht oft vermeiden oder lenken. Ansonsten ist das eigene Verhalten entscheidend. Man sollte sich auf eine Reise vorbereiten und sich ein bisschen damit auseinandersetzen, was in der kulturellen Umgebung üblich und unüblich ist. Darf ich im Urlaub im Bikini durch eine Stadt laufen? Nein, denn das kann die Menschen vor den Kopf stoßen. In Mallorca ist es zum Beispiel nicht mehr erlaubt, in Badekleidung quer durch die Stadt zu laufen. Man sollte einfach die Mindestregeln im respektvollen Umgang miteinander berücksichtigen. Das sollte selbstverständlich sein, ist es aber nicht. Für manche ist der Urlaub eine Zeit, in der sie sich gehen lassen wollen – weil sie dafür bezahlt haben.

Tourismus-Management

Zur Person Hartmut Rein studierte Landschaftsplanung an der Universität Hannover und Regionalplanung an der University of Massachusetts/USA. Seit 1995 ist er einer der Geschäftsführenden Gesellschafter des Tourismusconsulting-Unternehmens BTE Tourismus- und Regionalberatung. 2007 wurde er Professor für „Nachhaltiges Destinationsmanagement“ an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde und seit 2010 leitet er den Studiengang Nachhaltiges Tourismusmanagement. Er ist Mitbegründer des Zentrums für Nachhaltigen Tourismus an der Hochschule. Seine Schwerpunkte in Forschung, Lehre und Praxis sind Nachhaltigkeit im Tourismus, Destinationsentwicklung, Tourismus im ländlichen Raum, Erneuerbare Energien und Tourismus und Naturtourismus/Tourismus in Schutzgebieten.