Ulm Erwin Müller verzockt sich

Erwin Müller ist bei Finanzwetten vorsichtiger geworden.
Erwin Müller ist bei Finanzwetten vorsichtiger geworden. © Foto: Volkmar Könneke
Ulm / FRANK KÖNIG 29.01.2015
Drogerie Müller hat sich stärker gegen Risiken aus spekulativen Finanzgeschäften abgesichert. Zuletzt nahmen die Verluste nochmals zu, weil Erwin Müller den Höhenflug des Schweizer Franken nicht erwartet hatte.

Welche Rolle spielen Finanzwetten für die Finanzierung der Ulmer Handelsgruppe Drogerie Müller? Die Frage stellt sich erneut, nachdem das "Handelsblatt" berichtete, Firmenchef Erwin Müller (82) habe auf die Aufwertung der türkischen Lira gegenüber dem Schweizer Franken gesetzt und sich nach dem Höhenflug des Franken stark in Bedrängnis gebracht. Es wurden in Finanzkreisen in Ulm schon Vergleiche mit Adolf Merckle angestellt, der auch spekulative Finanzinstrumente verwendet hatte und sich das Leben nahm, nachdem die Pharmagruppe in eine Schieflage geraten war. Ratiopharm musste in der Folge 2010 verkauft werden.

Erwin Müller scheint freilich ein verstärktes Sicherheitsnetz eingezogen zu haben, seit 2012 erste Drohverluste bekannt wurden. So heißt es im Ende November veröffentlichten Geschäftsbericht der Müller Holding Ltd. 2013/2014 (30. Juni), es gebe eine Strategie für den "kompletten Ausstieg" aus Währungsgeschäften mit Schweizer Franken bei einem Kursniveau von 1,19 EUR. Müller müsste hier nach der Freigabe des Franken gegenüber dem Euro durch die Schweizer Nationalbank am 15. Januar die Reißleine gezogen haben - beziehungsweise es wurde eine "Stop-Loss-Order" zum Verkauf der riskanten Papiere ausgelöst. Darüber hinaus seien Währungsrisiken noch bar abgedeckt.

In diesem Kontext kann Müller nur eingeschränkt auf die Liquidität im Konzern von zuletzt 438 Mio. EUR zugreifen. Denn 251 Mio. EUR sind demnach für die Bardeckung der Währungsrisiken blockiert.

Das operative Geschäft bei Müller läuft gleichwohl gut. Der Umsatz verbesserte sich um 5,6 Prozent auf etwa 3,4 Mrd. EUR. Es kamen saldiert 23 Filialen hinzu, insgesamt sind es 719. Auf vergleichbarer Fläche war es ein Umsatzzuwachs von 1,8 Prozent. Der Jahresüberschuss reduzierte sich allerdings auf 124 Mio. EUR (Vorjahr: 143 Mio. EUR). Denn Rückstellungen für Drohverluste aus spekulativen Finanzgeschäften mussten ausgeweitet werden, um etwa 12 auf 224 Mio. EUR. Begründung: "Die wesentliche Ursache hierfür ist die Abschwächung des Euro im Vergleich zum Schweizer Franken." Eigentlich ging Müller von einer Erholung des Euro aus - und lag falsch.

Die Drohverluste übersteigen damit bei weitem den Überschuss: Es bleibt offen, inwieweit die Ausstiegsstrategie beim Franken eine zusätzliche Ausweitung verhindert hat. Der Geschäftsbericht enthält außerdem Hinweise auf Währungsspekulationen mit dem japanischen Yen.

Der Konzern mit 32.000 Mitarbeitern agiert derzeit ohne Finanzchef. Neben Erwin Müller, der den heute drittgrößten deutschen Drogeriefilialisten 1953 aus einem Friseursalon heraus gegründet hatte, ist noch Elke Menold Geschäftsführerin.

Erwin Müller muss sich auch persönlich mit einer unvollständigen Selbstanzeige wegen Geldanlagen in der Schweiz auseinandersetzen. Bei der Staatsanwaltschaft Stuttgart läuft aber noch kein Verfahren. Die Firma nahm gestern keine Stellung.

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