Ulm Erfolg in der Nische

Ulm / MIRIAM KAMMERER 04.12.2015
In Burladingen auf der Schwäbischen Alb gab es früher einmal mehr als 20 Unternehmen, die in der Textilbranche tätig waren. Für eine Stadt mit 13.000 Einwohner ist das viel. Übrig geblieben ist nur Trigema. Burladingen steht damit symptomatisch für die Bekleidungs-und Textilbranche im Land, die eine unvergleichliche Schrumpfkur hinter sich hat. Einst waren die Schwäbische Alb und der Schwarzwald, wie die anderen Mittelgebirge in Deutschland auch, Zentren der Textil-und Bekleidungsindustrie.

Wer es in Zahlen wissen will: 1958 war noch jeder sechste industrielle Arbeitsplatz im Land in der Textil- und Bekleidungsindustrie. 2007 stand die Branche gerade noch für jeden 33. Arbeitsplatz, schlüsselt das Statistische Landesamt auf.

Ein Grund dafür ist die Abwanderung der Produktion in Billiglohnländer in Osteuropa oder Asien. Heute gibt es in Baden-Württemberg noch 250 Textil-und Bekleidungsunternehmen, sagt Simone Diebold, Pressesprecherin des Arbeitgeberverbands Südwesttextil. 200 haben sich dem Verband angeschlossen. In den für 2014 veröffentlichten Zahlen zu Umsatz und Beschäftigtenzahl verzeichnet der Verband ein leichtes Plus.

Das Wachstum kommt vor allem durch die technische Textilien. Sie sind vorrangig funktionell und nicht ästhetisch oder dekorativ. „Smart Textiles“ (deutsch: intelligente Kleidung), die zum Beispiel Daten oder Elektrizität leiten, gehören dazu. Außerdem werden technische Textilien unter anderem in der Medizin, im Hochbau, im Fahrzeugbau, in der Landwirtschaft und in der Baubranche verwendet.




 

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Der Umsatzzuwachs bei technischen Textilien in Baden-Württemberg betrug vergangenes Jahr 4,5 Prozent. Die zwei textilen Forschungsinstitute im Land (Denkendorf und Hohenstein) sorgen immer wieder für Innovationen. Klaus Jansen, Geschäftsführer des Forschungskuratoriums Textil in Berlin, sagt, dass der Beitrag zum technotextilen Fortschritt nirgendwo größer sei als in Deutschland.

Auch die klassischen Firmen der Bekleidungsindustrie sind wieder in einem leichten Aufwärtstrend. Viele haben ihre Nische gefunden.

Textil gehört nach der Fahrzeug- und Elektroindustrie zu den Branchen mit der größten Innovationskraft, lässt das Forschungskuratorium Textil wissen. Bei allem Optimismus hat die Sparte auch Konflikte. Martin Sambeth, der bei der IG Metall im Land für diese Branche zuständig ist, sagt: „Es gibt ein massives Nachwuchsproblem.“ Das liege am Ruf, keine Zukunftsbranche zu sein, und am relativ hohen Altersdurchschnitt der Beschäftigten. Die Fachkräftegewinnung ist auch für den Arbeitgeberverband eines der drängendsten Probleme.

Abgesehen davon tut sich Metaller Sambeth schwer, allgemeine Probleme zu benennen. „Die Branche gibt es nicht.“ Er spricht von einem großen Spannungsfeld von Global Playern wie Boss und ganz kleinen Unternehmen. Auch die Bandbreite ist riesig, da gibt es zum Beispiel Hartmann in Heidenheim als Spezialist für medizinische Textilien und Steiff in Giengen mit seinen bekannten Stofftieren.

Als ein Problem, das vor allem die Konsumgüterbranche trifft, nennt Diebold von Südwesttextil, das Handelssterben in den Innenstädten. Auch Industrie 4.0 ist für Südwesttextil ein Thema, das den Unternehmen gerade auf den Nägeln brennt. Der Verband sieht darin eine Chance: Für viele Unternehmen könnten sich daraus neue Geschäftsmodelle ergeben.
 


Editorial: Anziehender Südwesten

Boss, Mey, Vaude, Bär-Schuhe – das sind klingende Namen aus der Textil- und Bekleidungsbranche im Südwesten. Für die neue Serie „Anziehender Südwesten“ hat unsere Zeitung diese und andere Unternehmen besucht und gefragt, wie sie sich in einer hart umkämpften Branche am Markt halten, wie sie wachsen, wie sie arbeiten und vieles mehr. Jedes dieser Unternehmen hat sein eigenes Erfolgsrezept und natürlich auch seine ureigenen Probleme.

Unser Weg hat uns an verschiedene Orte der Textil- und Bekleidungsbranche geführt. Neben den großen Unternehmen haben wir kleine Werkstätten besucht und herausgefunden, wie viele Modisten und Maßschneider es im Land gibt, oder wie Mode aus Angora entsteht. Dabei ist herausgekommen: Die Branche ist vielfältig und es gibt engagierte Unternehmerinnen und Unternehmer im Land, die für ihr Produkt die passende Nische gefunden haben.

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