Türkei Pauschalreisen: Ein klein bisschen billiger

Deutsche Urlauber profitieren vom schwachen Wechselkurs hauptsächlich dann, wenn sie keine im voraus bezahlten Pauschalreisen unternehmen.  
Deutsche Urlauber profitieren vom schwachen Wechselkurs hauptsächlich dann, wenn sie keine im voraus bezahlten Pauschalreisen unternehmen.   © Foto: Lefteris Pitarakis/AP/dpa
Ulm / Helmut Schneider und Michael Gabel 15.08.2018

Der dramatische Kursverfall der türkischen Lira hat sich gestern nicht fortgesetzt. Wohl aber der Handelsstreit zwischen der Türkei und den USA. Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan hat einen „Boykott“ elektronischer Geräte aus den USA angekündigt. Wie wirkt sich der Kursverlust der türkischen Währung auf Unternehmen und Verbraucher in Deutschland und Baden-Württemberg aus? Hier ein Überblick.

Grundsätzliches

Währungskursveränderungen betreffen direkt Importe und Exporte sowie den Tourismus. Indirekt sind beispielsweise Banken berührt. Der Wertverlust der türkischen Lira ist für deutsche Exporteure in die Türkei ein Problem, weil sich der Preis ihrer Exportgüter für die Türken verteuert – was die Nachfrage dämpft. Umgekehrt werden aus der Türkei importierte Waren billiger. Für Türkei-Urlauber ist der gesunkene Lira-Kurs ein großer Vorteil: Sie bekommen mehr Lira für ihre Euros.

Konkretes Beispiel

Der Trockenfrüchtehändler Seeberger aus Ulm (500 Mitarbeiter) importiert aus 40 Ländern. Früchte aus der Türkei machen „einen wichtigen Anteil“ aus, bestätigt Firmensprecher Joachim Mann gegenüber der SÜDWEST PRESSE. Die Ulmer arbeiten mit rund zehn Exporteuren schon seit vielen Jahren und „mit langfristigen Vereinbarungen“ zusammen. Trockenfrüchte würden in Dollar oder Euro gehandelt. „Insofern ist der Markt aktuell sehr bewegt“, sagt Mann. Seeberger sei täglich im Gespräch mit den türkischen Partnern, für die das gerade eine „schwierige Phase“ sei. Die Auswirkungen für das eigene Unternehmen seien im Moment unklar.

Baden-Württemberg 

Der Exportüberschuss Baden-Württembergs gegenüber der Türkei hat sich laut Wirtschaftsministerium in den vergangenen zehn Jahren von 1,1 Mrd. auf nur noch 0,2 Mrd. € reduziert. Mit anderen Worten: Die Einfuhren aus der Türkei sind „sehr dynamisch“ gestiegen. „Derzeit gibt es keine Anzeichen für einen Einbruch der baden-württembergischen Exporte“, heißt es weiter. Dies belegt die Bilanz des ersten Quartals: plus 3,4 Prozent mehr Exporte im Vorjahresvergleich.

Für die türkischen Käufer der baden-württembergischen Anlagen und Maschinen spiele zudem der jetzt vom Wechselkurs erhöhte Preis nicht die entscheidende Rolle. Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut  hofft, dass „die in den vergangenen Jahren positive Entwicklung“  der Beziehungen zur Türkei weiterhin Bestand haben wird. „Dafür braucht es Verlässlichkeit und eine stabile Währungspolitik“, sagt sie.

Tourismus

Deutsche Urlauber können in kleinem Rahmen profitieren. „Wer im Restaurant essen geht und in Landeswährung bezahlt, muss etwas weniger ausgeben“, sagt Kerstin Heinen, Sprecherin des Deutschen Reiseverbandes. Das Gleiche gelte bei Einkäufen. Allerdings nur minimal, weil der überwiegende Teil der Türkei-Urlauber Pauschalreisen bevorzuge. „Die sind vom Veranstalter längst eingekauft, so dass sich Schwankungen überhaupt nicht bemerkbar machen“, betont Heinen.

Darüber hinaus buchten viele Reisende einen All-Inclusive-Urlaub, so dass vor Ort nur wenige Ausgaben hinzukämen. Für eine Prognose über die Preisentwicklung im nächsten Jahr sei es noch zu früh, sagt die Verbandssprecherin. Da aber die Nachfrage nach Türkei-Reisen in diesem Jahr wieder stark angezogen habe, sei ein Preiseinbruch eher nicht zu erwarten. In der Urlauber-Gunst ist die Türkei in diesem Jahr hinter Spanien wieder auf Platz zwei gestiegen, den man an Griechenland verloren hatte.

Banken

Die Deutsche Bundesbank beziffert die Gesamtforderungen der deutschen Banken gegenüber der Türkei auf aktuell 20,8 Mrd. €. Dies sind gerade mal 1,2 Prozent dessen, was die deutschen Institute im Ausland  ausgeliehen haben. Die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) beschränkt sich in ihrem Türkei-Geschäft nahezu vollständig auf Außenhandelsfinanzierungen. „Für langfristige Geschäfte bestehen grundsätzlich staatliche oder private Kreditversicherungen“, teilt ein Sprecher auf Anfrage der SÜDWEST PRESSE mit.

Soll heißen: Würden Kreditnehmer ausfallen, wäre die LBBW abgesichert. Die Analysten der Bank sorgen sich eher um die Zahlungsfähigkeit des türkischen Staates: „Die Finanzierung des beängstigend hohen und steigenden türkischen Leistungsbilanzdefizits kann jederzeit zusammenbrechen, weil sie zu übergroßen Teilen auf schnell flüchtigen kurzfristigen Geldern fußt.“

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Starke Verbindung in den Südwesten

Im vergangenen Jahr haben deutsche Firmen Waren im Wert von 21 Mrd. € in die Türkei exportiert. Der Import aus der Türkei, hauptsächlich Textilien,  betrug 15 Mrd. €. Damit liegt die Türkei auf Rang 16 der deutschen Exportländer. Auf der Rangliste der ausländischen Firmen in der Türkei liegt Deutschland auf Platz 1 mit 7250 Unternehmen, die dort ansässig sind.

Die baden-württembergische Wirtschaft ist überdurchschnittlich stark mit der Türkei verbunden. Die Südwest-Firmen exportierten 2017 Waren im Wert von 3 Mrd. € an den Bosporus; ein Drittel davon Autos und Autoteile, ein Viertel Maschinen.

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