Da sage einer, die große Koalition brächte keine Reformen zustande. Am 1. Januar 2019 treten so viele Änderungen in Kraft wie lange nicht mehr. Unterm Strich winkt eine Entlastung, wie Musterrechnungen des Bunds der Steuerzahler für die SÜDWEST PRESSE zeigen (siehe Tabelle). Das ist dessen Präsident Reiner Holznagel aber nicht genug: „Als nächstes muss der Solidaritätszuschlag komplett und für alle fallen und der Mittelschichtsbauchbei der Steuer abgebaut werden“, fordert er.

Musterrechnung
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Angesichts vieler Neuregelungen ist der Überblick schwer. Hier eine Übersicht über die wichtigsten Punkte für Privatleute – ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Steuern

Steuertarif

Der Grundfreibetrag, also das steuerfreie Existenzminimum, steigt um 168 € auf 9168 € im Jahr. Ehepaare und eingetragene Lebenspartner haben die doppelte Summe. Außerdem werden die Eckwerte des Einkommensteuertarifs verschoben, um die „kalte Progression“ auszugleichen. Der Spitzensteuersatz von 42 Prozent greift für Ledige künftig erst ab einem zu versteuernden Jahreseinkommen von 55 961 €. Das sind 1011 € mehr als bisher.

Kinder

Der Kinderfreibetrag – also das steuerfreie Existenzminimum von Kindern, das bei ihren Eltern berücksichtigt wird – erhöht sich um 192 € auf 7620 €. Davon profitieren Gutverdiener am meisten. Zum Ausgleich steigt das Kindergeld um 10 € pro Kind, allerdings erst ab dem 1. Juli 2019.

Jobticket

Wer vom Arbeitgeber eine kostenlose oder verbilligte Fahrkarte für den öffentlichen Nahverkehr bekommt, muss die Ersparnis künftig nicht mehr versteuern. Allerdings wird die Entfernungspauschale entsprechend gekürzt.

Elektroauto als Dienstwagen

Werden Elektro- oder Hybridfahrzeuge 2019 bis 2022 angeschafft, müssen Arbeitnehmer, die ein solches Firmenauto auch privat nutzen dürfen, nur 0,5 Prozent des Listenpreises versteuern statt normalerweise 1 Prozent.

Dienstfahrrad

Wer es auch privat fahren darf, muss den Vorteil nicht mehr versteuern. Das gilt auch für Elektrofahrräder, solange sie nicht als Kraftfahrzeuge gelten.

Steuererklärung

Ab der Erklärung für 2018 haben alle Steuerzahler zwei Monate mehr Zeit für die Abgabe. Wer sie selbst macht, muss sie bis Ende Juli einreichen; wird ein Steuerberater eingeschaltet, ist es Ende Februar 2019.

Arbeit

Mindestlohn

Ab Anfang 2019 haben Arbeitnehmer mit wenigen Ausnahmen Anspruch auf mindestens 9,19 € brutto pro Stunde statt bisher 8,84 €. Minijobber müssen aufpassen: Sie dürfen trotz höherem Mindestlohn nur maximal 450 € im Monat verdienen. Möglicherweise  müssen sie ihre Stundenzahl verringern.

Grundsicherung

Der Hartz-IV-Satz für Langzeitarbeitslose steigt um 8 € auf 424 € im Monat. Paare erhalten jeweils 382 (bisher 375) €, Kinder bis 6 Jahren 245 (240) €, von 7 bis 14 Jahren 302 (296) €, von 15 bis 17 Jahren 322 (316) €. Hinzu kommen Kosten für Wohnen und Heizen, die je nach Ort variieren. Die Grundsicherung im Alter wird auf die gleichen Beträge erhöht.

Langzeitarbeitslose

Betriebe können fünf Jahre lang einen Zuschuss von 100 Prozent zum Mindest- oder Tariflohn erhalten, wenn sie einen Mitarbeiter einstellen, der älter als 25 ist und mindestens sechs Jahre Arbeitslosengeld II bezogen hat. Der Zuschuss sinkt ab dem dritten Jahr stufenweise.

Brückenteilzeit

Arbeitnehmer können ihre Arbeitszeit ein bis fünf Jahre lang reduzieren. Danach kehren sie automatisch zur alten Zeit zurück. Diesen Anspruch gibt es aber nur, wenn der Betrieb mehr als 45 Mitarbeiter beschäftigt.

Weiterbildung

Um den digitalen Wandel zu schaffen, bekommen alle Arbeitnehmer Anspruch auf mehr Förderung durch die Arbeitsagentur.

Arbeitslosenversicherung

Der Beitragssatz sinkt um 0,5 Prozentpunkte auf 2,5 Prozent.

Beitragsbemessungsgrenzen

Bei der Arbeitslosen- und Rentenversicherung steigt sie auf monatlich 6700 (bisher 6500) € im Westen und 6150 (5800) € im Osten. Bei der Kranken- und Pflegeversicherung sind es künftig einheitlich 4537,50 €  statt bisher 4425 €.

Rente

Mütterrente

Für Kinder, die vor 1992 geboren wurden, bekommen Rentnerinnen (oder Rentner) ein halbes Babyjahr zusätzlich. Das bedeutet im Westen 16,02 € im Monat zusätzlich, im Osten 15,35 €. Davon geht noch der Kranken- und Pflegebeitrag ab. Meist schaffen die Rentenversicherer die Auszahlung nicht bereits zu Jahresbeginn. Dann gibt es im ersten Halbjahr eine Nachzahlung.

Altersgrenze 

Der Jahrgang 1954, der im nächsten Jahr 65 wird, bekommt erst mit 65 Jahren und 8 Monaten die reguläre Altersrente. Er oder sie muss 78 Prozent versteuern. Der steuerfreie Anteil sinkt  für jeden neuen Rentnerjahrgang um 2 Prozentpunkte.

Erwerbsminderung

Wer 2019 erstmals aus diesem Grund Rente bezieht, bekommt mehr: Es wird so gerechnet, als habe er bis 65 Jahre und 8 Monate gearbeitet.

Gesundheit und Pflege

Krankenversicherung

Arbeitnehmer werden entlastet, weil beim Beitragssatz wieder die Parität eingeführt wird: Der Arbeitgeber muss auch die Hälfte des Zusatzbeitrags übernehmen. Bei Rentnern zahlt dies die Rentenversicherung. Die Höhe des Zusatzbeitrags kann weiter die einzelne Kasse festlegen. Im Durchschnitt  sinkt sie von 1,0 auf 0,9 Prozent.

Pflegeversicherung

Der Beitragssatz steigt um 0,5 Prozentpunkte auf 3,05 Prozent. Kinderlose zahlen 3,3 Prozent.

Sonstiges

Dieselfahrverbot

Nach Hamburg muss ab 1. Januar auch Stuttgart Diesel-Pkw und -Lkw aussperren, und zwar Fahrzeuge mit Euro 4 und schlechter im ganzen Stadtgebiet. Wer in Stuttgart wohnt, hat Schonfrist bis April. Bei Verstößen drohen 80 € Bußgeld. Im Lauf des Jahres folgen weitere Großstädte.

Verpackungen

Einzelhändler müssen an den Regalen gut sichtbar kennzeichnen, ob es sich um Einweg- oder Mehrwegflaschen handelt. Das Einweg-Pfand von 25 Cent wird auf Frucht- und Gemüse-Nektare mit Kohlensäure sowie auf Milchmischgetränke ausgedehnt.

Versicherungen

Beim Abschluss von Haftpflicht-, Hausrat- und Berufsunfähigkeitsverträgen müssen die Versicherer vor Abschluss auf einem Informationsblatt mit maximal drei Seiten über alle wesentlichen Punkte informieren.

Mieter

Nach einer Modernisierung dürfen nur noch 8 statt bisher 11 Prozent der Kosten auf die Mieter umgelegt werden. Binnen sechs Jahren nach der Modernisierung darf die Miete deswegen nur um maximal 3 € pro Quadratmeter steigen. Bei unter 7 € Nettokaltmiete sind nur 2 € Zuschlag zulässig. Außerdem müssen Vermieter neuen Mietern offenlegen, was der Vormieter gezahlt hat.

Strom

Die EEG-Umlage für erneuerbare Energie sinkt zum zweiten Mal leicht, und zwar um 0,14 Cent pro Kilowattstunde. Allerdings steigen teilweise die Netzentgelte, und die Beschaffungspreise für Strom haben sich deutlich erhöht.

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