Insolvenz Ein alter Vertrauter belastet Anton Schlecker

Auf dem Weg zum Amtsgericht Ehingen: Anton, Lars, Meike und Christa Schlecker (von rechts) müssen sich unter anderem wegen vorsätzlichem Bankrott vor dem Richter ­verantworten.
Auf dem Weg zum Amtsgericht Ehingen: Anton, Lars, Meike und Christa Schlecker (von rechts) müssen sich unter anderem wegen vorsätzlichem Bankrott vor dem Richter ­verantworten. © Foto: Renate Emmenlauer
Ehingen / Simone Dürmuth 03.05.2017

Dienstag ist Markttag in Ehingen (Alb-Donau-Kreis). Anton Schlecker und seine Familie haben darum viele Zuschauer, als sie am Rathaus vorbei durch den Nieselregen zum Gerichtssaal gehen. Weil dem für diesen Verhandlungstag geladenen Zeugen die Fahrt nach Stuttgart nicht zuzumuten gewesen wäre, wurde die Verhandlung in das 24 000-Einwohner-Städtchen verlegt. In seiner Heimatstadt lässt man auf Anton Schlecker nichts kommen. Und so werden die wartenden Reporter zwischen Marktständen und Gerichtsgebäude angesprochen: „Jetzt lasst halt den armen Mann in Ruhe.“

Reinhold Freudenreich, ein inzwischen 90-jähriger ehemaliger Prokurist, gilt als enger Vertrauter Schleckers. Nach eigenen Worten kennt er Anton Schlecker, seit dieser sechs Jahre alt war. Man sei schon immer per Du gewesen. Ab 1950 hatte Freudenreich bei Anton Schlecker Senior in der Metzgerei gearbeitet, später stieg er dann beim Sohn ein. Er war es auch, der in den 80er-Jahren das Lösegeld für die Schlecker-Kinder übergab.

Als der 90-Jährige am Dienstagmorgen auf dem Flur vor dem stuckverzierten Gerichtssaal im zweiten Stock erscheint, fällt ihm Schlecker-Tochter Meike um den Hals. Er habe ein gutes Verhältnis zu ihr, wird der Zeuge später erklären. Auch Schleckers Frau Christa sei ihm sympathisch, auch wenn er nie viel mit ihr zu tun hatte. Den Sohn Lars Schlecker würde er aber „nicht mit einer  Beißzange umarmen“.

Das Gericht erhoffte sich von dem langjährigen Mitarbeiter einen Einblick, wie die verschiedenen Schlecker-Firmen miteinander verknüpft waren. In dem Prozess um die Pleite der Drogeriemarktkette 2012 wirft die Anklage Anton Schlecker unter anderem vor, mehr als 25 Mio. € dem Zugriff der Gläubiger entzogen zu haben. Unter anderem soll dazu die Logistik- und Dienstleistungsgesellschaft (LDG) seiner Kinder Meike und Lars gedient haben: Mit überhöhten Stundensätzen sollen sie Geld aus der väterlichen Firma abgezogen haben.

Indirekt bestätigte der Zeuge das. „Der Dreh- und Angelpunkt, Herr Vorsitzender, waren die Leiharbeiter. Die konnte die LDG relativ günstig einkaufen und dem Schlecker teuer berechnen. Und das gibt Gewinn. So einfach ist das.“ Wie hoch die Erträge der LDG allerdings ausgefallen seien, will Freudenreich trotz seiner herausragenden Position im Schlecker-Imperium nicht gewusst haben.

Nach den Worten des Richters soll der Gewinn vor Steuern noch bis zur Insolvenz bei mehr als 50 Prozent des Umsatzes gelegen haben. Die hohen Stundensätze, die die LDG Schlecker in Rechnung gestellt hatte, verteidigte er allerdings. Wenig überraschend, denn sie beruhten auf seinen eigenen Kalkulationen.

Auch die enge Verknüpfung der verschiedenen Firmen, die schon andere Zeugen herausstellten, wird von dem ehemaligen Prokuristen bestätigt. Wenn die LDG zum Beispiel eine neue Maschine haben wollte, sei man an ihn herangetreten. Er habe das dann mit Anton Schlecker besprochen. „Er hat das dann genehmigt. Das letzte Wort hatte immer Anton Schlecker.“

Die LDG war ein merkwürdiges Konstrukt im Imperium, sie wurde nicht als Tochtergesellschaft geführt, Gesellschafter waren aber Schleckers Kinder Lars und Meike. Die Buchhaltung, so ein ehemaliger Geschäftsführer der LDG an einem früheren Prozesstag, erledigte man in der Firma Schlecker. Doch damit will Freudenreich nichts zu tun gehabt haben.

Immer wieder verliert der alte Schlecker-Vertraute die Fassung: Es werde so hingedreht, dass er unglaubwürdig sei, ruft er. „Das lasse ich mir nicht gefallen.“ Weitreichende Verantwortung weist er vehement von sich und belastet seinen früheren Chef. Selbst Entscheidungen über Investitionen der LDG seien von Schlecker selbst abgenickt worden. Der Bruch zwischen den beiden wird in der Vernehmung immer deutlicher: Schon zum Prozessauftakt beschreibt Schlecker den Mann, dem er soviel zutraute, als empfindlich. Es habe immer wieder Streit gegeben.

2009 endete die Beziehung im Streit. Nur als Meike nach der Insolvenz um Unterstützung bei den Verhandlungen um die LDG bat, willigte er ein zu helfen. Er hätte aber auch „Ja“ gesagt, wenn Anton Schlecker um Hilfe gebeten hätte, als ihm bewusst war, dass die Firma nicht mehr zu retten sei. „Aber er war nie der Meinung, dass es das Ende ist.“

Fortsetzung am Montag in Stuttgart

Der Prozess gegen Familie Schlecker wird am Montag, 8. Mai, ab 9 Uhr am Landgericht Stuttgart fortgesetzt. Insgesamt wurden für den Prozess 26 Verhandlungstage angesetzt, ein Urteil wird für Oktober erwartet. mone

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