Geldanlage Die Tücken des grauen Kapitalmarkts

Beispiel für eine risikoreiche Anlage im grauen Kapitalmarkt: die Containervermietung von P&R. Tausende Anleger verloren ihr Vermögen.
Beispiel für eine risikoreiche Anlage im grauen Kapitalmarkt: die Containervermietung von P&R. Tausende Anleger verloren ihr Vermögen. © Foto: Axel Heimken/dpa
Ulm / Simone Dürmuth 08.12.2018

Auf dem grauen Kapitalmarkt wird Anlegern das Unmögliche Versprochen: hohe Rendite bei großer Sicherheit. Jüngster Auswuchs dieses nicht illegalen Kapitalmarkts ist die Pleite der Containerfirma P&R. Zehntausende, meist Kleinanleger, wurden um ihr Erspartes gebracht, aktuell läuft ein Verfahren gegen die Manager der Container-Firma. Aber warum investieren Anleger in solche Produkte?

Die Verbraucherzentrale Hessen hat versucht, darauf eine Antwort zu finden. Sie stützt sich dabei auf mehrere hundert Verbraucher, die eine Beratung bei der Verbraucherzentrale in Anspruch genommen haben. „Es gibt Hinweise dafür, dass bei Geldanlagen am grauen Kapitalmarkt die Beziehung zwischen Anleger und dem Vermittler besonders wichtig zu sein scheint“, erklärt Wolf Brandes, Teamleiter beim Marktwächter-Schwerpunkt grauer Kapitalmarkt bei der Verbraucherzentrale Hessen.

Das belegen Zitate aus den Interviews, die die Verbraucherzentrale Hessen geführt hat: „Das war jemand, den meine Eltern kannten und gute Erfahrungen gemacht hatten. Da bin ich mit einem guten Gefühl reingegangen.“ Oder: „Ich habe dem vertraut, dem Typ, und bin betrogen worden, um es auf den Punkt zu bringen.“ In mehr als der Hälfte der untersuchten Fälle wurden die Finanzprodukte während einer mehrjährigen Geschäftsbeziehung vermittelt.

Außerdem stellten die Verbraucherschützer fest, dass sich bei vielen der Anleger die Lebensumstände unmittelbar vor der Investition gravierend verändert hatten: die erste Festanstellung, eine Erbschaft, eine Scheidung oder der Tod des Ehepartners. In solchen Phasen des Umbruchs sei die Bereitschaft oder der Bedarf groß, neue Verträge abzuschließen, um den neuen Rahmenbedingungen Rechnung zu tragen, schlussfolgern die Verbraucherschützer.

Viele treibt außerdem die Angst vor der Altersarmut um. Die versprochenen hohen Renditen sollen bei der Vorsorge helfen. „Ein Tageskonto erschien mir nicht ausreichend, um meine Angst vor der Altersarmut zu dämpfen“, zitiert die Verbraucherzentrale denn auch einen der Betroffenen. Im Schnitt 10 000 € investierten die besagten Anleger in ein Produkt.

Doch die dubiosen Finanzanlagen lassen sich eigentlich recht einfach identifizieren. Sie versprechen zugleich eine hohe Rendite und eine hohe Sicherheit – eine unwahrscheinliche Kombination. Doch in Zeiten niedriger Zinsen lässt sich davon so mancher verführen.

Laut dem Bundeslagebild Wirtschaftskriminalität gab es im Jahr 2017 allein 28 255 Fälle von Anlage- und Finanzierungsdelikten. Darunter auch die etwa 22 000 geprellten Anleger der Infinusgruppe, die mindestens 2,1 Mrd. € verloren haben. Sie hatten Orderschuldverschreibungen und Nachrangdarlehen mit hohen Zinsversprechen gekauft. Diese konnten aber mit normalen Handelsgeschäften, zum Beispiel Immobilien- und Goldanlagen, nicht bedient werden, sondern nur mit Geld, das neue Anleger einzahlten.

Seit 2015 ist der graue Kapitalmarkt gesetzlich reguliert, das Gesetz wurde auch als „Prokon-Gesetz“ bekannt und sollte Kleinanleger schützen. Der Windkraft-Projektierer Prokon wurde mit seiner Pleite 2014 zum Paradebeispiel für Renditeversprechen, die kaum zu halten sind. Versprochen wurden mehr als 8 Prozent Zinsen, mehr als 75 000 Anleger investierten – zehntausende erlitten Totalverlust.

Mit dem neuen Gesetz wurden die Kompetenzen der Bafin erweitert. Sie kann jetzt vor Produkten warnen und den Vertrieb einzelner Investments verbieten. Allerdings wird die Plausibilität der Anlageangebote weiter nicht überprüft. Das kritisieren Verbraucherschützer: Den Anlegern fehle nach wie vor der Schutz, windige Finanzvermittler könnten ihnen diese unseriösen Produkte immer noch aufschwatzen.

Merkmale der Produkte

Die Angebote zeichnen sich laut Bafin häufig dadurch aus, dass die Anbieter mit hohen Zinsen oder Renditen über dem allgemeinen Marktniveau locken, mit der vermeintlichen Sicherheit der Kapitalanlage geworben wird, Anbieter vorgeben, in gleicher Weise wie institutionelle Anleger zweistellige Renditen erzielen zu können, Anlageentscheidungen durch positiv besetzte oder ethische Investitionsobjekte beeinflusst werden oder Anleger ihre bisherigen Anlagen auflösen und neu investieren sollen.

Beispiele für Produkte am grauen Kapitalmarkt sind Genussrechte und andere hybride Anleiheformen, Orderschuldverschreibungen, Darlehen mit Nachrangabrede (oft nur im Kleingedruckten erkennbar), Direktinvestments, etwa in Holz, Edelmetalle, Minen oder Tiere, sowie Kauf-und-Rückvermietungs-Verträge (Sale-and-Lease-Back).  mone

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