Konjunktur Die Inflation frisst viel auf

Dieter Keller 12.01.2018

Die Arbeitnehmer profitieren vom anhaltenden Aufschwung, allerdings nicht mehr ganz so stark wie in den letzten Jahren, weil die Inflation an Tempo gewinnt. Um 2,4 Prozent sind die Tariflöhne und -gehälter 2017 im Durchschnitt gestiegen. Gleichzeitig kletterten allerdings die Verbraucherpreise um 1,8 Prozent. Real blieb daher nur ein Zuwachs von 0,6 Prozent übrig, so die Bilanz der gewerkschaftsnahen Hans-­Böckler-Stiftung.

In den beiden Jahren zuvor hatte es deutlich besser ausgesehen, weil es kaum Inflation gab. Jetzt sei der Verteilungsspielraum „annähernd ausgeschöpft“ worden, so das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut der Böckler-Stiftung. Die höchsten Tarifsteigerungen gab es mit 3,1 Prozent in der Textil- und Bekleidungsindustrie, die niedrigsten mit 1,1 Prozent bei den Banken.

Die tatsächlich gezahlten Löhne wurden noch etwas stärker erhöht, zeigen die Zahlen des Statistischen Bundesamts: Das Entgelt je Arbeitnehmer stieg um 2,5 Prozent. Alle Arbeitnehmer zusammen bekamen 4,4 Prozent mehr Geld. Die Differenz erklärt sich durch eine ebenfalls erfreuliche Entwicklung: Die Zahl der Arbeitnehmer nahm um 638 000 zu. Im Jahresdurchschnitt gab es 44,3 Mio. Erwerbstätige. Dabei entstanden sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze und nicht nur Minijobs.

Ähnlich gut könnte es in diesem Jahr weitergehen: Dieter Kempf, der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), rechnet mit „etlichen 100 000 neuen Arbeitsplätzen“. Dabei sind Fachkräfte kaum noch zu finden.

Kempf und der BDI geben meist eher vorsichtige Prognosen ab. Für 2017 hatte der Industrie-Präsident Anfang des Jahres preisbereinigt mit 1,5 Prozent Wirtschaftswachstum gerechnet. Tatsächlich wurden es 2,2 Prozent, wie das Statistische Bundesamt am Donnerstag aufgrund vorläufiger Berechnungen bekanntgab. Damit lag Deutschland genau im Durchschnitt der Länder der Eurozone. Auch die USA hatten gleich viel Wirtschaftswachstum.

In diesem Jahr könnte es erneut besser laufen, als Kempf jetzt erwartet. Seine aktuelle Prognose: 2,25 Prozent. Die Kapazitäten der Industrie sind so gut ausgelastet wie nie seit der Finanzkrise vor zehn Jahren. „Das macht auch unsere Unternehmen mutiger. Sie investieren deutlicher“, nennt der Industrie-Präsident einen Grund für seinen Optimismus. Erstmals will die deutsche Wirtschaft wieder deutlich mehr investieren – und noch mehr Stellen schaffen.

Zum Wachstum trugen alle Wirtschaftsbereiche bei, am stärksten die Information und Kommunikation. An zweiter Stelle standen Handel, Verkehr und Gastgewerbe. Positive Impulse kamen insbesondere vom privaten Konsum, der sich schon in den letzten Jahren zur stärksten Konjunkturstütze entwickelt hatte. Auch die Investitionen nahmen deutlich zu. Die Exporte entwickelten sich ebenfalls erfreulich: Sie nahmen um 4,7 Prozent zu. Gleichzeitig stiegen die Importe mit 5,2 Prozent etwas stärker. Kempf hält es auch in diesem Jahr für realistisch, dass die Ausfuhren um 5 Prozent zulegen – trotz aller internationalen Unsicherheiten.

Besonders aufmerksam dürften die Tarifpartner etwa in der Metallindustrie die Entwicklung der Arbeitsproduktivität beobachten, also das preisbereinigte Bruttoinlandsprodukt je geleisteter Erwerbstätigenstunde. Pro Arbeitnehmer nahm es nur um 0,8 Prozent zu. In Tarifverhandlungen wird als Faustformel für Lohnerhöhungen gern die Produktivität plus Inflation genommen, was zusammen 2,6 Prozent wären.

Von der guten Konjunktur profitierte auch der Staat: Bund, Länder, Gemeinden und Sozialversicherungen erzielten einen Rekordüberschuss von 38,4 Mrd. €. Ihre Einnahmen stiegen deutlich stärker als die Ausgaben.

Damit es auch in den nächsten Jahren so gut weitergeht, fordert Kempf insbesondere eine Steuerstrukturreform zu Gunsten der Unternehmen: Der Soli sollte wegfallen und eine steuerliche Forschungsförderung eingeführt werden, wie sie es in den meisten Industrieländern gibt.

Bruttolöhne höher als das Wirtschaftswachstum
0,7

Prozent ist den Arbeitnehmern
im vergangenen Jahr im Schnitt
mehr im Geldbeutel geblieben.
Der so genannte Reallohn ist der
Bruttolohn minus die Inflationsrate (siehe Grafik).