Arbeit Arbeit: Die Frau als Familienernährerin

Caroline Strang 03.05.2017

„Wenn Mama das Geld verdient“ nennt sich die Publikation, die aus verschiedenen Forschungsprojekten entstanden ist. Eine der Autorinnen ist Ute Klammer, Professorin an der Universität Duisburg-Essen. Sie hat untersucht, unter welchen Umständen Mütter zu Familienernährerinnen werden, was das für Folgen hat und was die Politik tun muss, um die schwierige Lage vieler Familien zu verbessern.

Ist es heutzutage überhaupt noch ein diskussionswürdiges Thema, wenn eine Frau mehr verdient als ihr Mann?

Ute Klammer: Vor allem in Deutschland ist es ein Thema, weil eine Familie mit der Frau als Hauptverdienerin und Familien­ernährerin immer noch ein unübliches Modell ist. Es ist auch Thema, weil es hierzulande weit verbreiteten Rollenbildern widerspricht.  Die Idee, dass Frauen allenfalls Zuverdienerinnen sind, ist weiterhin sehr gängig.

Wie viele Familien betrifft das?

Jede fünfte Familie wird überwiegend durch eine Frau ernährt. Allerdings sind die Hälfte davon alleinerziehende Frauen. Bei den Paarfamilien sind wir bei ungefähr 10 Prozent.

Wie entstehen solche Konstellationen?

Eine wichtige Erkenntnis unserer Studie war, dass das Modell überwiegend unfreiwillig zustande kommt. Sehr häufig geraten Paare in diese Lage, weil der Mann seiner Rolle als Familienernährer nicht mehr gerecht wird, sei es durch Arbeitslosigkeit oder Krankheit. Es passiert auch, wenn der Mann prekär selbstständig ist, die Selbstständigkeit also nicht genug abwirft. Oft sind die Paare mit anderen Rollenvorstellungen gestartet, und die Frauen sehen sich selbst als Mutter und Zuverdienerin. Manche begreifen den Job im Laufe der Zeit dann allerdings als Chance.

Gibt es keine karriereorientierten Mütter?

Ganz vereinzelt haben wir auch Frauen gefunden, die Karriere machen wollten und sich einen Mann gesucht haben, mit dem das möglich ist. Wir haben eine Chemikerin befragt, die einen Mann gesucht hat, der die Rolle als Vater zuhause ganz angenommen hat. Irgendwas wollte er allerdings dann doch machen und hat ein Nagelstudio aufgemacht, als kleinen Nebenjob. Es gibt auch jüngere, gut ausgebildete Paare, die gleich viel verdienen. Sehr häufig kippt das aber nach der Geburt des ersten Kindes.

Findet bei einer solchen veränderten Situation normalerweise eine Umverteilung der Haus- und Familienarbeit statt? Oder bleibt alles beim Alten?

Es war in vielen Familien so, dass die Frauen das Geld herangeschafft und gleichzeitig noch den Löwenanteil der Haus- und Familienarbeit gemacht haben. Sie haben oft sogar noch dem Mann den Rücken frei gehalten, damit der sich beruflich besser oder neu orientieren konnte. Sie haben damit oft eine Dreifachbelastung. Die Männer wiederum, die ihrer Rolle als Ernährer nicht gerecht werden konnten, zeigen oft eine Art verletzte Männlichkeit. Diese wiederum war oft kein guter Nährboden für die Aushandlung eines neuen Geschlechtermodells oder eine neue Verteilung der Aufgaben.

Gibt es soziale Folgen, wenn sich die Ernährerrolle ändert?

Eine interessante Beobachtung war, dass viele Familien versuchten, das vor ihrem Umfeld zu verheimlichen. Das ging bis zur Verschleierung vor den eigenen Kindern. Uns haben Kinder erzählt, dass die Mama außer Haus arbeitet und der Papa zuhause. Letzterer hat aber eigentlich nur am Computer rumgespielt, aber nicht deutlich gemacht, dass er arbeitslos ist.

Und die psychischen Folgen?

Nach der Zufriedenheit gefragt, liegen vor allem die Paare vorne, die gleichviel verdienen. Bei den Paaren mit der Frau als Hauptverdienerin waren vor allem die Männer unglücklich und unzufrieden.

Und das trotz der Dreifachbelastung der Frauen?

Ja, die waren trotzdem oft noch zufriedener als ihre Männer.

Sind Frauen für diese Situation auch selbst verantwortlich?

Der Wunsch, das Bestreben, eine „richtige Familie“ zu werden, lasten sie sich auch selbst auf. Aber die Rahmenbedingungen locken sie auf eine falsche Fährte. Also liegt ein Teil der Schuld bei der Politik. Gewisse Regelungen wie das Ehegattensplitting befördern die ungleiche Verteilung der Arbeit in einer Familie. Wir kritisieren, dass die Paare dadurch in ein bestimmtes, nicht gleichgestelltes Rollenmodell gelockt werden – zum Beispiel mit dem Mann als Alleinverdiener.

Wenn dann etwas schief geht, der Mann zum Beispiel arbeitslos oder die Ehe geschieden wird, dann wird eine ganz andere Erwerbserwartung an die Frauen gerichtet, auch durch die Hartz-IV-Regelungen. Dann müssen sie mit niedrigen Frauenlöhnen plötzlich die komplette Familie ernähren.

Welche Forderungen haben Sie an die Politik. Was muss sich ändern?

Die Politik sehe ich in der Verantwortung, nicht weiter dazu beizutragen, dass Paare in solche ungleiche Einkommenssituationen gebracht werden. Dazu sollte das Ehegattensplitting reformiert werden. Man muss aber auch Menschen darüber aufklären, welche langfristigen Folgen bestimmte Lebensentscheidungen haben. Das kann schon in der Schule beginnen.

Und die Unternehmen?

Die Unternehmen sollten lange Teilzeit mit einem Wiederaufstockungsrecht anbieten und ein lebensbegleitendes Personalmanagement. Außerdem sollte vor allem das mittlere Management solche Modelle nicht mehr ausbremsen. Die Arbeitnehmer hingegen müssen sich stärker im Klaren sein, auf welche Modelle sie sich einlassen. Ein Minijob mag manchmal bequem sein, er kann aber zu Altersarmut führen.

Schwerpunkt Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik

Ute Klammer ist Geschäftsführende Direktorin des Instituts Arbeit und Qualifikation (IAQ) und Professorin an der Universität Duisburg-Essen, Fakultät Gesellschaftswissenschaften. Von 2008 bis 2015 war sie Prorektorin der Universität Duisburg-Essen. Ute Klammers Forschungs- und Publikationsschwerpunkte umfassen Themen der Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik, der Europäischen Sozialpolitik- und der Gender-Forschung. Sie ist Mitglied des Sozialbeirats der Bundesregierung und war Vorsitzende der Sachverständigenkommission Gleichstellung der Bundesregierung.

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