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Zugausfall
Berlin / Dieter Keller Verkehr: Der Start des neuen Fahrplans und der Neubaustrecke von München nach Berlin verlief chaotisch. Zum Wintereinbruch kamen technische Probleme.

Versprochen hatte die Deutsche Bahn die größte Angebotsverbesserung ihrer Geschichte. Tatsächlich machten viele Zugausfälle und stundenlange Verspätungen den Fahrplanwechsel am Sonntag zu einem Fiasko. „Das ist nicht gut gelaufen“, gab sich Fernverkehrs-Chefin Birgit Bohle am Mittwoch zerknirscht. Sie entschuldigte sich ausdrücklich bei den Kunden und versprach, bis zum Wochenende sollten die Züge wieder „weitgehend einsatzbereit“ sein. Ziel sei, dass die Reisenden an Weihnachten zuverlässig ans Ziel kämen.

Wegen der Probleme musste sich der Vorstand auch vor dem Aufsichtsrat rechtfertigen. Eigentlich hatte sich die Bahn viel vorgenommen: Zum Start der Neubaustrecke von München nach Berlin gab es die größte Fahrplanänderung aller Zeiten. Davon sollten die Kunden profitieren. Doch der Staatskonzern hatte gleich mit mehreren Problemen zu kämpfen.

Neubaustrecke Im ICE-Sprinter soll die Fahrt von München nach Berlin eigentlich nur noch knapp vier Stunden dauern, im normalen ICE eine halbe Stunde länger. Doch es gab zahlreiche Zugausfälle und Verspätungen, weil in mehreren ICEs das neue Zugsicherungssystem ETCS nicht richtig funktionierte. Es wurde in den ICE 1 und ICE 3 nachgerüstet, die diese Strecke bedienen. Dank des digitalen Systems sollen Züge in ganz Europa fahren können, während sie bisher an den Grenzen auf die nationale Sicherungstechnik umschalten mussten. Auf den Strecken stehen auch zur Reserve keine Signale mehr. Beim Ausfall muss der Zug auf die viel langsamere alte Strecke umsteuern.

Es gab keine grundsätzlichen, aber eine hohe Zahl von Einzelproblemen, sagte Bohle. So wurde bei der Rückfahrt des Premierenzugs ein Raddurchmesser falsch in den Bordcomputer eingegeben. Weil der zum Ergebnis kam, dass der Zug viel zu schnell fuhr, wurde er automatisch gebremst, auch wenn das nicht stimmte. Lieferant der Technik ist der französische Alstom-Konzern, der sich jetzt mit der Bahn um Abhilfe bemüht. Alle Lokführer seien geschult worden, verteidigte sich Bohle gegen den Vorwurf des Chefs der Lokführergewerkschaft GDL, Claus Weselsky, es habe für sie keinen Probebetrieb gegeben. Inzwischen fahren die Sprinter pünktlich. Das erhofft sich Bohle bis zum Wochenende auch für die normalen ICE.

Wintereinbruch „Ab Sonntag Mittag sind wir in schweres Wetter geraten“, so Bohle, und das in vielen Landesteilen. Wegen schwerer Schäden fielen 16 ICE-Züge komplett aus, sie mussten in die Werkstatt. Die Schnellfahrstrecke von Köln nach Frankfurt war wegen Eisschäden am Nachmittag komplett gesperrt. Ausgerechnet im zentralen Frankfurter Hauptbahnhof fielen alle Weichenheizungen aus, obwohl Bohle versichert, die Bahn habe sich intensiv auf den Winter vorbereitet.

Neue Züge Immerhin fährt das neue Flaggschiff ICE 4 problemlos. Allerdings ist es nicht auf der Neubaustrecke unterwegs, sondern unter anderem von Stuttgart nach Hamburg. Auch auf der Gäubahn von Stuttgart über Singen nach Zürich, auf der jetzt stündlich ein IC 2 eingesetzt wird, fuhren alle Züge, auch wenn es hier laut Bohle noch „kleinere Probleme“ gab.

Entschädigung Wer auf der Strecke München–Berlin mehr als eine Stunde Verspätung hatte, bekommt den vollen Fahrpreis erstattet und nicht nur 25 Prozent wie sonst üblich. Dazu kommt noch ein 50-€-Reisegutschein. Für die Abwicklung wurde eine Extra-Hotline eingerichtet.

Kritik an politischen Projekten

Die auf 7,6 Mrd. €  gestiegenen Kosten von Stuttgart 21 und die Beratungen der Bahn rufen Kritik hervor. „Im Vorstand  sitzt mit Ronald Pofalla ein Ex-Politiker, im Aufsichtsrat sitzen Staatssekretäre – das ist mit Blick auf nötige wirtschaftliche Entscheidungen eine pikante Konstellation“, so Alexander Eisenkopf von der Zeppelin Universität Friedrichshafen.

Der Aufsichtsrat der Bahn diskutierte gestern über Kosten- und Zeitrahmen des Vorhabens. Ein Beschluss zum neuen Zeit- und Kostenplan soll im Januar in einer Sondersitzung gefasst werden. 

Der baden-württembergische Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) warnte, dass falsch kalkulierte öffentliche Großvorhaben wie Stuttgart 21 der Demokratie schaden können. „Öffentlich finanzierte Großprojekte machen die Glaubwürdigkeit von Politik und öffentlichen Unternehmen kaputt, wenn Ansagen zum Kosten- und Zeitrahmen derartig unrealistisch sind und ständig überholt werden“, sagte er. Bei der Bevölkerung stünden am Ende alle Beteiligten als Lügner da. dpa