Pechschwarze Züge, die aussehen wie Batmobile und batteriebetrieben durch die Landschaft düsen: So sieht die Zukunft des Bahnfahrens aus – glaubt man den Herstellern, die ihre Modelle vergangene Woche auf der Messe Innotrans in Berlin vorstellten. Mit dabei war die Deutsche Bahn. Doch statt mit Hochgeschwindigkeit in die Zukunft zu sausen, wird der Konzern von Gegenwarts-Konflikten ausgebremst. Massive Verschuldung, Unpünktlichkeit und eine marode Infrastruktur sind der Nährboden für ein tiefergreifendes Problem: Das Vertrauen in die Bahn ist dahin.

Starkregen und umgestürzte Bäume Sturm „Fabienne“ fegt über den Südwesten

Berlin

Dass das so ist, hat viele Gründe. Erstens: Die Probleme sind längst bekannt – und die Bahn hat sich viel zu spät darum gekümmert. Seit Jahren betonen die DB-Chefs, dass die Knotenpunkte überlastet sind und zur miserablen Pünktlichkeit beitragen. Von einer anvisierten Pünktlichkeitsquote von 82 Prozent ist die Bahn mit derzeitigen 70 Prozent weit entfernt. Ein weiteres Problem sind die Baustellen. Auch diesen Konfliktherd packten die Bahn-Oberen zu spät an: Erst 2017 installierte das Unternehmen ein Koordinierungszentrum für Baustellen.

Ewige Diskussionen, keine Visionen

Zweitens: Visionen fehlen. In der Schweiz erkannte die Politik 1982, dass es einer Umstellung des Takts bedarf, der lange Wartezeiten beim Umsteigen verhindert. Hierzulande wurde ewig diskutiert, bis sich die Bahn endlich zum Deutschlandtakt durchgerungen hat. Innovationsfreude ließ die DB auch bei der Digitalisierung vermissen. Während Österreich und Co. längst auf ein digitales System umgestiegen sind, das eine Kapazitätssteigerung und damit mehr Passagiere ermöglicht, hat sich die Bahn erst jetzt dazu bekannt.

Drittens: Es herrschen Planlosigkeit und Chaos. Großprojekte wie Stuttgart 21 laufen aus dem Ruder. Bis vor einem Jahr sollte die DB-Auslandstochter Arriva verkauft werden. Dann plötzlich wieder nicht, nachdem der Bund zwei Milliarden Euro Finanzhilfe gewährte. Nun, wo der drohende harte Brexit das Geschäft zu erschweren droht, macht die Neuigkeit die Runde, dass Bahn-Chef Richard Lutz doch wieder verkaufen will, um 4,5 Milliarden Euro in die Kassen zu spülen – vorausgesetzt, der Bund stimmt zu.

Auch Vertrauen der Politik verspielt

All das nervt die Kunden und verunsichert die Mitarbeiter, die den Unmut täglich im Zug, in den Informationszentren und auf dem Bahnsteig zu spüren bekommen. Das Vertrauen in den Arbeitgeber sollte das höchste Gut sein, denn nur so können Angestellte das Unternehmen überzeugend repräsentieren – und verteidigen, ihr Bestes geben.

Genauso schlimm wie das miserable Image bei Kunden und Mitarbeitern ist, dass die Bahn das Vertrauen der Politik verspielt. Die Digitalisierungsstrategie beispielsweise kostet beinahe 30 Milliarden Euro. Woher soll das Geld dafür denn kommen? Der Bund als Eigentümer zögert, das zu finanzieren. Zu Recht.

Denn erst, wenn die Bahn es schafft, eine zusammenhängende Strategie zu verfolgen, kann sie die Zukunft ansteuern. Andernfalls enteilen ihr die Automobilindustrie und internationale Konkurrenten uneinholbar.

leitartikel@swp.de

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