Schlecker Der Wunsch nach einer gerechten Strafe

BIANCA FRIESS 15.04.2016
Seit drei Jahren hat die Drehpunkt-Drogerie in Stetten am kalten Markt geöffnet - geführt von zwei ehemaligen Schlecker-Frauen. Dass ihr Ex- Chef Geld beiseite geschafft haben soll, überrascht sie nicht.

Vom typischen Schlecker-Blau ist in der Drogerie in Stetten am kalten Markt nichts mehr zu sehen. Einkaufswagen, Körbe und Schilder sind ganz in grün gehalten, dazwischen bunte Tische mit Deko-Blumen und Vasen. An der Scheibe klebt die Aufschrift "Drehpunkt". Nach der Schlecker-Pleite haben Karin Beck (55) und Andrea Straub (50) den Laden komplett umgestaltet - und in eigener Regie wieder eröffnet, knapp drei Jahre ist das her.

Seitdem geht es bergauf - leicht haben es die Frauen aber nicht. Wenn sie über die Anklage gegen ihren ehemaligen Chef wegen vorsätzlichen Bankrotts sprechen, schütteln sie die Köpfe. "Wir tun uns schwer damit, unsere Kosten zu bezahlen - und der Schlecker hat Millionen einfach so auf die Seite geschafft", ärgert sich Straub.

Überrascht hat die Frauen die Nachricht von der Anklage nicht: Ihr sei klar gewesen, dass Schlecker "da etwas gemacht hat", sagt Beck. Dass er sich jetzt dafür verantworten muss, hält sie für gerecht. "Das war nicht richtig und muss verfolgt werden." Die beiden rechnen nicht damit, ihre noch immer offenen Urlaubstage und Überstunden irgendwann ausbezahlt zu bekommen - daran werde auch eine Verurteilung nichts ändern. Seine gerechte Strafe soll Schlecker aber bekommen, sagt Straub: "Sonst meint jeder, er kann das so machen."

Straub war 17 Jahre bei Schlecker beschäftigt, Beck 3 Jahre. Schlecht hatten sie es nicht, berichten sie: "Wir haben gerne hier gearbeitet." Jetzt führen sie die Drogerie selbstständig, wie auch einige andere ehemalige Schlecker-Frauen: Im Südwesten gibt es sechs verschiedene Drehpunkt-Filialen. Nicht alle waren mit dem Konzept so erfolgreich, in Plüderhausen mussten die Frauen zum Beispiel schon nach kurzer Zeit wieder schließen.

Im Drehpunkt in Stetten fühlt man sich gerade wieder wie beim Schlecker-Ausverkauf, sagt Straub und lacht. Es gibt Probleme mit einem Lieferanten: Teilweise haben sie ihre Ware über Wochen nicht erhalten, in den Regalen sind Lücken zu sehen.

So etwas kostet Nerven - wie sehr, hätten die Frauen anfangs nie gedacht. Früher, bei Schlecker, haben sie eingeräumt, bestellt und verkauft. Viele Gedanken mussten sie sich dabei nicht machen. Heute müssen sie jedes einzelne Teil kontrollieren - es geht ja um das eigene Geld. "Man hat immer im Hinterkopf: Läuft alles?", sagt Straub.

In den drei Jahren als Unternehmerinnen haben sie aber auch viel dazugelernt - zum Beispiel, nicht mehr alles zu akzeptieren. "Mit lieb und nett kommt man bei vielen Lieferanten einfach nicht weit", sagt Straub, da müssen sie sich schon durchsetzen können. Und das Lernen klappt. Der Umsatz steigt stetig - wenn er auch noch nicht ganz da ist, wo er sein sollte. "Wenn es so weitergeht, sind wir aber auf einem guten Weg", berichtet Beck.

Ihren Elan und ihre Fröhlichkeit haben sie trotz des Stresses nicht verloren. In dem kleinen Lager wird gescherzt und gelacht, an der Kasse ist auch Zeit für den Plausch mit einer Kundin: "Das ist das Schöne auf dem Land, hier kennt man sich einfach noch", sagt sie beim Bezahlen.

Währenddessen streckt Kollegin Angelika Unger den Kopf ins Lager: Eine Frau wünscht sich ein Totes-Meer-Shampoo, das gerade nicht da ist, ein anderer Kunde hätten gerne einen ganzen Karton voll Waschmittel. "Wird bestellt", antwortet Straub. Schon bei der Auswahl der Sortiments haben die Kunden ihre Wünsche geäußert. Nur die Hälfte der Produkte haben Straub und Beck selbst ausgesucht.

Was in dem Laden alles zu finden ist, kann der Begriff Drogerie kaum beschreiben: Auf den Regalen stapeln sich Toilettenpapier neben Hundefutter, Stifte neben Shampoo und Kartenspiele neben Socken - und ständig wird es mehr. Mit Drogerieprodukten alleine könnte der Laden nicht überleben, denn die Konkurrenz ist groß: Auch die großen Supermärkte haben ihr Drogeriesortiment aufgestockt.

Fehlt einem Kunden im Drehpunkt noch etwas, wird es einfach nachbestellt: "Wir versuchen, alles zu kriegen", berichtet Straub. Das ist für sie das Schöne an der Selbstständigkeit. Man kann viel intensiver auf den Kunden eingehen - früher bei Schlecker ging das nicht.

Leer ist der Drehpunkt an diesem Tag nie: Ein älterer Mann steht längere Zeit am Fotoautomaten, auch die Kasse ist ständig in Betrieb: Zwischen 120 und 160 Kunden kommen jeden Tag ungefähr in den Laden. Wären es 15 mehr, "könnten wir ruhiger schlafen", sagt Straub. Dafür lassen die einzelnen Kunden mehr Geld da, als es früher bei Schlecker der Fall war.

Was ihr früherer Chef sonst noch falsch gemacht hat? Jahrelang hat sich in den Läden nichts verändert, erzählt Straub. Sie sind ständig am Umbauen, erst im Oktober kam zum Beispiel das große Tee-Regal am Eingang dazu. "Man darf nie stehen bleiben", sagt Straub.