Ulm/Cambridge Der sprechende Computer

Eine wirre Unterhaltung, wie der Screenshot beweist.
Eine wirre Unterhaltung, wie der Screenshot beweist. © Foto: Screenshot: Caroline Strang
CAROLINE STRANG 01.10.2016
Haben Menschen als Übersetzer bald ausgedient? Computerprogramme werden in dieser Aufgabe besser – aber es gibt noch Probleme.

Irgendwann sind beide nur noch völlig konfus und die männliche Übersetzerstimme spricht mitten in diese Verwirrung hinein auch noch merkwürdige Sätze. Dabei ist das Prinzip einfach und klingt fantastisch: Der Skype Translator übersetzt simultan Gespräche, die auf Skype geführt werden. Mit kurzer Verzögerung erscheint die Übersetzung als Schrift auf dem Bildschirm, der per Video die Gesprächspartnerin zeigt, und die Sätze werden auch gesprochen.

Der Selbstversuch mit einer Freundin, die in Cambridge lebt, allerdings scheitert und endet in völliger Verwirrung. Denn selbst einfach Sätze oder Namen werden verstümmelt. „My name is Wibke“ kommt als „Mein Name ist mit Sorgfalt“ an. Manches wird gut übersetzt. „Das Fazit ist klar“ zum Beispiel. Die Antwort der Freundin: „Auf jeden Fall. Man hat eine sehr konfuse Unterhaltung.“ Da versagt der Translator total und macht daraus: „Sagen Sie diese Vergangenheit könnte es noch getan haben wer auf dem hohen Ton.“

Die Frage der Freundin, wie man die Funktion wieder ausschaltet, wird zu „Nun, wie schalte ich meinen Husten?“ Wir geben auf. Es braucht mehr Disziplin. Wahrscheinlich funktioniert es besser, wenn beide immer schön mit zeitlichen Pausen hintereinander sprechen, nicht lachen und jeder ganz klar bei der vorher angegebenen Ausgangssprache bleibt und nicht aus Gewohnheit doch ins Deutsche rutscht.

Ralf Lemster, Vizepräsident des Bundesverbands der Dolmetscher und Übersetzer, sieht solche Programme nicht als Konkurrenz für seinen Berufsstand. „Übersetzungsprogramme stoßen gerade bei Fachübersetzungen schnell an ihre Grenzen. Maschinelle Übersetzungen werden häufig in Situationen eingesetzt, bei denen „humane“ Übersetzer ohnehin nicht zum Zuge kämen“, sagt er. Menschen brauche es „immer dann, wenn Präzision, sprachlicher Feinschliff und gute Lesbarkeit im Vordergrund stehen. Beim Dolmetschen ist zudem auch der menschliche Kontakt von zentraler Bedeutung.“ Nur so bestehe die Möglichkeit, eventuelle Missverständnisse umgehend auszuräumen, interkulturelle Brücken zu schlagen und die Körpersprache des Gesprächspartners richtig zu interpretieren.

Damit tut sich ein Computer schwer. Aber wie lernt er eigentlich überhaupt Sprachen? Menschen sind daran nur indirekt beteiligt, keine Person bringt dem Programm Vokabeln oder Grammatik bei. Der Computer macht das selbst. Google analysiert das Internet und Millionen Dokumente, die bereits übersetzt vorliegen. „Diese übersetzten Teste stammen aus Büchern, von Organisationen wie den Vereinten Nationen und von Websites aus der ganzen Welt“, erklärt Lena Heuermann, Pressesprecherin von Google Deutschland. Die Computer scannen diese Texte und durchforsten sie nach statistisch auffälligen Mustern, die als nicht zufällig angesehen werden. Aus diesen Mustern erstellt der Computer Regeln und wendet sie an, um später ähnliche Texte übersetzen zu können.

Dabei helfen in einem zweiten Schritt Menschen mit. „Bisher haben 3,5 Mio. Menschen 90 Mio. Übersetzungsbeiträge über die Google Übersetzer-Community eingereicht, um uns damit zu unterstütze, den Übersetzer zu verbessern und neue Sprachen hinzuzufügen.“ In manchen Sprachen findet das Programm zu wenig Übersetzungen im Internet, um Strukturen ableiten zu können. Wenn ein Programm gut läuft, ist es für Übersetzer durchaus auch eine Art elektronische Gedächtnisstütze, ein Hilfsmittel, sagt BDÜ-Experte Lemster. „Wichtig ist, dass Profis auch erkennen, wenn der Vorschlag der Maschine unpassend ist.“

Grundsätzlich geht Google von einer wachsenden Bedeutung ihres Übersetzungsdienstes aus. „Wir wissen, dass der Google Übersetzer für viele unserer Nutzer ein hilfreiches Tool ist – vor allem beim Reisen und Erkunden fremder Länder“, sagt Heuermann. Aber es gibt auch Manipulationspotential. So wurde im Januar dieses Jahres für  einige Stunden der Begriff „Russische Föderation“ aus dem Ukrainischen ins Russische als „Mordor“ übersetzt – bekanntlich das Schattenreich aus Tolkiens „Herr der Ringe“. Unklar blieb, ob ein Google-Mitarbeiter oder ukrainische Aktivisten dahinter steckten.

Die Entwicklung hat Potenzial. So können sich am Institut für Technologie in Karlsruhe ausländische Studenten Vorlesungen von einem Programm, dem „Lecture Translator“ in Echtzeit übersetzen lassen.

Spätestens bei Poesie oder Songtexten wird es schwierig. „Wir wissen, dass unsere Übersetzungen nicht immer perfekt sind“, gibt die Google-Pressesprecherin zu. Aber der Computer werde durch ständige Aktualisierungen und neu übersetzte Texte optimiert. Auch Lemke betont: „Der Mensch ist im Gegensatz zur Maschine in der Lage, Nuancen in Kontext und Bedeutung zu erkennen, die dem Rechner verborgen bleiben.“

Ein Beispiel dazu: Das bosnische Lied „Magdalena“ von Oliver Dragojevi? wirkt auf Deutsch etwas verstümmelt. „Alle sanften Fluss der Welt, Haben Sie kommen zu mir zurück. (…) Alle sanften Fluss der Welt für eine lange schlanke Stunden ich habe Angst vor Einsamkeit. Magdalena, mein Himmel, meine Sonne, meine lang.“

Google Translator in Zahlen

103 Sprachen Der Google Übersetzer übersetzt Wörter in 103 Sprachen (Stand: März 2016). Von den über 500 Mio. Menschen, die den Google Übersetzer nutzen, leben mehr als 9 von 10 außerhalb der USA. Mehr als 100 Mrd. Wörter werden am Tag übersetzt. Im April 2016 wurde der Google Übersetzer zehn Jahre alt. Bisher haben 3,5 Mio. Menschen 90 Mio. Übersetzungsbeiträge eingereicht. cast