Mode Der Rabatt-Wahnsinn und seine Folgen

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Ulm / Caroline Strang 09.05.2017

In den Schaufenstern der Modehändler wurde es jüngst mal wieder so richtig bunt. Rote Schilder, Reduzierungen bis zu 70 Prozent und wer einen Begriff für die aktuelle Rabattwelle braucht, der nimmt das Wort „Sale“ für Schlussverkauf und hängt noch irgendwas dran. „Mid-Season-Sale“ zum Beispiel – also ein Schlussverkauf mitten in der Saison. Viele Kunden haben den Eindruck, dass fast immer irgendein Schlussverkauf ausgerufen wird.

Ralf Gerber ist Inhaber von Fischer Moden in Kirchheim/Teck. Er hat für das Verhalten der Branche ein starkes Wort parat: Reduzierungswahnsinn. Zur Beschreibung liefert er einen eingängigen Vergleich: „Welcher Gastronom wird denn am 15. Juli bei hochsommerlichen Temperaturen auf der Restaurant-Terrasse einen Glühwein anbieten und die Preise auf der Eiskarte dafür reduzieren? So was versuchen im übertragenen Sinne nur Klamottenhändler.“

Er weiß auch, warum. „Es ist permanent viel zu viel Ware zum falschen Zeitpunkt am Markt; deshalb versuchen viele Kollegen, sich Luft und Liquidität durch Preisaktionen zu verschaffen.“ Oder sie „werden von Mitbewerbern dazu gezwungen, um am Jahresende oft ernüchtert feststellen zu müssen, dass unterm Strich nichts übrig geblieben ist“.

Getrieben wird die Rabatt-Welle oft von den Großen der Branche. Die halten sich gegenüber der SÜDWEST PRESSE bedeckt. H&M bittet um Verständnis, dass Informationen zu Rabattierungen nicht kommuniziert werden. Esprit beantwortet die Anfrage gar nicht. Für die Großen seien die Reduzierungen leichter zu verkraften, sagt Gerber. Denn diese Betriebe arbeiten „stark mit selbst produzierten Eigenmarken, von deren Kalkulationsaufschlägen die meisten von uns nur träumen können“.

Manche sind genervt

Modehändler Gerber sieht auch Auswirkungen auf die Kunden. „Was fast ständig reduziert verfügbar ist, wird von uns Menschen nicht mehr begehrt.“ Mode werde so in der Wahrnehmung zum Ramsch-Produkt. Er geht davon aus, dass manche Kunden gezielt auf die Aktionen warten, anderen gehe „das ständige Reduzierungsgetrommel dagegen eher auf den Wecker. Sie wollen dann einkaufen, wenn ihr Bedarf gegeben ist.“

Dann müssten Beratung, Ambiente und Produktauswahl bei einem fairen Preis-/Leistungs-Verhältnis passen und für den Kunden nachvollziehbar sein. Deshalb versucht er in seinem Haus, eine große Auswahl an saisongerechter Ware zu präsentieren. Das gehe nicht mit frühzeitigen Reduzierungen. Aber natürlich gebe es auch bei Fischer Moden Rabatt-Aktionen. „In der Regel reduzieren wir Ware, die nicht so gut verkauft wurde, Ende Juni und Ende Dezember.“

Mit seinen Sorgen steht Gerber nicht alleine da. Axel Augustin ist Sprecher des BTE, des Bundesverbands des Deutschen Textileinzelhandels. Erst kürzlich hat das Präsidium des Verbands die zu hohen Preisabschriften als größtes Problem benannt. Der Anteil der Ware, der reduziert verkauft wird, habe nicht selten ein existenzbedrohendes Maß erreicht. Auch Augustin nennt unterschiedliche Gründe für die zahlreichen Rabatt­aktionen. „Bei manchen gehören Rabatte zur Geschäftspolitik, andere haben Waren- oder Liquiditätsdruck, wieder andere reagieren nur auf den Wettbewerb.“

Gerade von letzterem rät er ab: „Wir empfehlen, möglichst gar nicht mit ähnlichen Rabatten zu reagieren.“  Er gibt aber zu, dass das je nach Wettbewerbssituation nicht leicht sei. Er hält ein generelles Umdenken in der Branche für notwendig – dazu gehöre weniger Ware in den Läden. „Wir gehen davon aus, dass 30 Prozent zu viel auf dem Markt ist.“

Dazu könnte eine bessere Warensteuerung beitragen. Es gebe bereits Ansätze bei Lieferanten, die reichten aber noch nicht. Hier hält die Digitalisierung Chancen bereit, denn es gibt bereits intelligente Warensysteme, die schnellere und passgenauere Reaktionen auf das Kaufverhalten der Kunden ermöglichen. Sie werden aber noch nicht flächendeckend genutzt.

Der Verband jedenfalls fordert eine Unternehmenspolitik nach dem Motto: Weniger Ware und mehr Spannung auf der Fläche – also schlicht bessere und abwechslungreichere Mode, die zur Jahreszeit passt. Damit nicht im Juli bei brütender Hitze die Daunenjacke an der Stange hängt.

Neue Klamotten als Schnäppchen

Eine vom Texilhandelsverband kritisierte Praxis ist der Saisoneröffnungsrabatt. Für die Glaubwürdigkeit der Branche seien die Aktionen katastrophal. Denn nachvollziehbar für die Kunden sei, dass Mode im Saisonverlauf an Wert verliert, da sich die Tragezeit verkürzt. Warum aber soll eine brandneue Ware weniger als den regulären Preis kosten? Hier setze man sich schnell dem Verdacht von Mondpreisen aus, warnt der Verband. cast

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