Hartmut Mehdorn ist 70 und hat kürzlich einen neuen Job als Flughafen-Chef angenommen. SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück ist 66 - und würde im Herbst gerne auch einen neuen Job antreten. Die beiden sind in Deutschland in bester Gesellschaft. In den vergangenen Jahren ist die Zahl der Menschen, die auch im Rentenalter noch arbeiten, deutlich gestiegen.

Viele würden zwar wohl nicht mehr unbedingt Chef des Berliner Pannenflughafens werden wollen. Sie geben in ihrem alten Unternehmen ihr Wissen und ihre Erfahrung an Jüngere weiter. Oder sie bieten ihre Dienste als Steuerberater, Gärtner oder Handwerker an.

Für diese Menschen haben Jonas Reese und Lutz Nocinski vor einigen Monaten das Internetportal Rent a Rentner gestartet. Dort können sich Ruheständler für Jobs anbieten. 7000 haben sich mittlerweile angemeldet, sagt Reese. Einer davon ist der Vater des 33-Jährigen.

Der evangelische Pfarrer ging vor fünf Jahren in den Ruhestand. "Da habe ich erlebt, was es für einen Einschnitt bedeutet, wenn man plötzlich nicht mehr gebraucht wird", sagt Jonas Reese. Das brachte ihn auf die Idee für das Vermittlungsportal. Nocinski hatte ähnliche Pläne - am Ende beschlossen beide, das Projekt gemeinsam in Angriff zu nehmen.

Die Profile auf dem Portal sind kostenlos und auch die Auftraggeber müssen für die Vermittlung nichts bezahlen. "Wir finanzieren das bisher aus eigener Tasche. Wir sind aber dabei, verschiedene Modelle durchzurechnen, wie wir künftig Geld verdienen können - zum Beispiel durch Werbung, Sponsoren oder zusätzliche Serviceleistungen", sagt Reese.

Ende 2011 gingen 763 000 Menschen über 64 Jahren einer Beschäftigung nach, 2005 waren es 520 000. Das geht aus Daten des Mikrozensus hervor, die das Statistische Bundesamt herausgibt.

Experten rechnen damit, dass sich der Trend fortsetzt. Die Ursache für den Anstieg ist umstritten. Gewerkschaften und Sozialverbände sehen darin auch ein Indiz für zunehmende Altersarmut.

"Gefühlte finanzielle Not ist nicht das Hauptargument. Mein Eindruck ist, die Menschen wollen länger aktiv sein", sagt dagegen Arbeitsmarktexperte Holger Schäfer vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft. Der Anstieg liege zum einen am medizinischen Fortschritt, die Menschen seien heute in der Regel gesünder. "Zum anderen liegt es an der Tätigkeit. Früher war vor allem körperliche Arbeit verbreitet, das kann man im Alter nicht mehr so leicht machen. Wer im Büro arbeitet kann das durchaus länger - und tut es auch."

Wichtig seien die individuellen Gestaltungsspielräume, sagt Ines Wickenheiser vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung. "Untersuchungen haben gezeigt, dass sich ältere Arbeitnehmer erhoffen, mit einem Job fitter zu bleiben, dass sie ihr Wissen und ihre Erfahrungen weitergeben wollen und nicht ständig zu Hause sitzen wollen."

Darauf setzt auch der Versandhändler Otto. Derzeit gebe es im Unternehmen einen Pool von 30 bis 40 Pensionären, sagt eine Sprecherin. "Diejenigen, die bisher im Einsatz sind, sind meist Experten, die über Jahrzehnte Fachwissen angesammelt haben. Sie haben ein Firmenwissen, das sie so auf dem Markt gar nicht finden", sagt sie. "Die wenigsten machen es des Geldes wegen. Bei den meisten ist es das Gefühl, gebraucht zu werden."