Stuttgart/Esslingen Dehoga warnt vor Gaststättensterben auf dem Land

Mit Holzplatten verdeckt sinddie Fenster eines nicht mehr bewirtschafteten Gasthauses. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/Archiv
Mit Holzplatten verdeckt sinddie Fenster eines nicht mehr bewirtschafteten Gasthauses. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/Archiv © Foto: Karl-Josef Hildenbrand
Stuttgart/Esslingen / DPA 04.11.2018

Der Hotel- und Gaststättenverband Dehoga warnt vor einem schleichenden Verschwinden der Gasthäuser und Gasthöfe auf dem Land. Die Zahl der Unternehmen im Gastgewerbe sei von 2008 bis 2016 um acht Prozent auf 30 800 gesunken, sagte der Landesvorsitzende Fritz Engelhardt der Deutschen Presse-Agentur vor dem Dehoga-Delegiertentag, der am Montag in Esslingen stattfindet. Dabei zeige sich, dass vor allem Wirte und Hoteliers im ländlichen Raum aufgeben.

In einigen Landesteilen ist das inzwischen deutlich spürbar: Im Schwarzwald-Baar-Kreis hätten zwischen 2008 und 2016 etwa 130 Gasthäuser, Gasthöfe, Pensionen und Hotels geschlossen - ein Minus von 16 Prozent. Im Zollernalbkreis mussten 93 Betriebe aufgeben - 15 Prozent. Den traurigen Rekord halte der Main-Tauber-Kreis. Hier hätten 120 Betriebe aufgegeben - ein Rückgang um knapp ein Viertel. Die Zahlen basieren auf der Umsatzsteuerstatistik, neuere Daten liegen nicht vor.

Dabei ist die Lage im Gastgewerbe nicht schlecht: In der jüngsten Konjunkturumfrage bezeichneten knapp zwei Drittel der befragten Gastwirte und gut drei Viertel der Hoteliers ihre wirtschaftliche Lage als gut. Allerdings beklagen alle Befragten den Personalmangel und den bürokratischen Aufwand bei der Dokumentation von Arbeitszeiten. Fast die Hälfte Gastwirte hat Probleme mit der Einhaltung der täglichen Höchstarbeitszeit.

„Betriebe leiden unter chronischem Mitarbeitermangel“, klagte Engelhardt. „Unternehmer und ihre Familien kompensieren das Fehlen von Fachkräften durch eigene Mehrarbeit.“ Wo das hinführen kann, zeigt sich in Nagold, wo das Gourmetrestaurant „Alte Post“ schließt. Erst gab Chefkoch Stefan Beiter den Stern ab, dann sah er überhaupt keinen Weg mehr. Der Grund: Personalnot.

Dabei wuchs der Personalstand in der Branche zuletzt auf einen Höchststand von 132 500 Beschäftigten. Doch der Nachwuchs fehlt: Die Zahl der Auszubildenden ist in den vergangenen zehn Jahren von gut 10 000 auf rund 6200 gesunken.

Der Strukturwandel sei dramatisch: „Während größere Betriebe, die investieren können, vielfach zu den Gewinnern zählen, geraten die kleineren Betriebe im ländlichen Raum immer mehr ins Hintertreffen.“ In den nächsten fünf Jahren stehen nach Dehoga-Angaben 4000 von Inhabern geführte Betriebe vor der Übergabe, weil die Besitzer in den Ruhestand gehen.

Tourismusminister Guido Wolf (CDU) appellierte: „Hier ist auch die Politik gefragt, den Gastronomiebetrieben mehr Raum zu geben und rechtliche Regelungen auf den Prüfstand zu stellen.“ Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) rät Landgasthöfen dazu, dass Einzugsgebiet zu erweitern: „Die klassische Dorfwirtschaft kann ausschließlich mit der Kundschaft aus dem Dorf kaum mehr überleben“, sagte sie. Erfolgreich seien Gaststätten auch im ländlichen Raum häufig, wenn sie auf herausgehobene Qualität bei Produkten - zumal von regionalen Lieferanten - und Service setzten.

Dass das nicht unbedingt ausreicht, zeigte sich allerdings zuletzt in der mittelbadischen Gemeinde Bühl. Das „Gasthaus zum Lamm“, das selbst in der Feinschmecker-Bibel „Gault&Millau“ Beachtung fand, wird nächstes Jahr schließen, wie „Badische Neueste Nachrichten“ und „SWR“ bereits berichteten. Pächter Ludwig Bechter bestätigte das Aus der Deutschen Presse-Agentur. Auch hier liegt der Grund im Personalmangel: Er verliert seinen Koch - und findet keinen Nachwuchs.

Der FDP-Landesvorsitzende Michael Theurer sagte: „Das sich abzeichnende Gaststättensterben auf dem Land muss ein Alarmsignal und ein Weckruf für die Regierungen auf Bundes- und Landesebene sein.“ Fehlendes Personal, fehlende Nachfolge und überbordende Bürokratie machten den Gastwirten und Hoteliers das Leben schwer. „Wir brauchen endlich spürbare bürokratische Entlastungen zum Beispiel bei den Arbeitszeitdokumentationspflichten, damit sich Gastwirte und Hoteliers wieder ihrer eigentlichen Arbeit widmen können und nicht Zeit mit unnötigem Papierkrieg verschwenden müssen“, forderte Theurer.

Der FDP-Politiker sprach sich auch für ein Einwanderungsgesetz mit Punktesystem nach kanadischem Vorbild aus. „Denn der Fachkräftemangel betrifft nicht nur einige wenige hoch spezialisierte Bereiche, sondern gerade in Baden-Württemberg, wo nun endlich wieder Vollbeschäftigung herrscht, entwickelt er sich zu einer ernsten Bedrohung für alle Gewerbe von der Gastronomie bis zum Handwerk.“

Konjunkturumfrage

BNN über das Gasthaus Lamm

SWR über das Gasthaus Lamm

Dehoga zu Beschäftigungszahlen

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