Air Berlin Air Berlin: So wird die insolvente Fluglinie zerschlagen

Berlin / Dieter Keller 13.10.2017
Luftfahrt: Trotz der grundsätzlichen Einigung sind noch viele Fragen offen. 3000 Mitarbeiter werden direkt übernommen.

Die Deutsche Lufthansa kommt bei der insolventen Air Berlin zum Zug. Sie übernimmt voraussichtlich 81 Flugzeuge, stellt 3000 Mitarbeiter ein und investiert 1,5 Mrd. €, wie Lufthansa-Chef Carsten Spohr ankündigte. Davon gehen allerdings nur 210 Mio. € als Kaufpreis an den Insolvenzverwalter geht. Sie decken die Bundesbürgschaft von 150 Mio. € ab.

Was genau übernimmt die Lufthansa?

81 der zuletzt gut 130 Flugzeuge von Air Berlin sollen an die Lufthansa-Billigtochter Eurowings gehen: die österreichische Ferienflug-Tochter Niki, der Regionalflieger LG, die beide nicht insolvent sind, sowie die 38 Maschinen, die Lufthansa bereits inklusive der Besatzungen von Air Berlin gemietet hat.

Was passiert mit dem Rest?

Die britische Billigflug-Gesellschaft Easyjet verhandelt aktuell noch über den Kauf von bis zu 30 Mittelstreckenflugzeugen einschließlich der Verkehrsrechte und Besatzungen. Die Start- und Landrechte sind der eigentliche Wert des insolventen Unternehmens. Ob Air Berlin zusätzlich zu Easyjet auch den Kaufinteressenten Condor wieder an den Tisch holt, blieb zunächst aber offen. Für die Techniksparte wurde die Bieterfrist noch bis zum 20. Oktober verlängert. Ihre Auslastung hängt davon ab, ob und welche Flugzeuge sie warten kann und für wen.

Kann die Lufthansa so einfach einsteigen?

Nein, die Verträge müssen noch von der EU-Kommission gebilligt werden. Sie ist in diesem Fall die Kartellbehörde, da alle Fälle bei ihr landen, bei denen die Beteiligten mehr als 5 Mrd. € Umsatz haben. Allein die Lufthansa kommt auf 32 Mrd. €. Dabei geht es vor allem darum, ob sie auf einzelnen Strecken eine unzulässige marktbeherrschende Stellung erhält; möglich wären Auflagen, einige abzugeben. Denn Konkurrenten wie Easyjet oder Ryanair können nicht einfach ein eigenes Angebot machen – sie brauchen die Start- und Landrechte. Die Kommission hat zunächst 25 Arbeitstage Zeit, das Geschäft abzuklopfen, bei wettbewerbsrechtlichen Bedenken bis zu 90 Arbeitstage mehr.

Was wenn Sie Pauschalreise mit Air-Berlin-Flug gebucht haben?

Sie können beruhigt sein – der Reiseveranstalter muss im Zweifelsfall für einen Ersatzflug sorgen. Kapazitäten gibt es genügend, heißt es aus der Reisebranche, zumal Niki nicht insolvent ist und weiter fliegt. Auch mit Auswirkungen auf die Preise ist kurzfristig nicht zu rechnen, schon weil die Kataloge für die neue Reisesaison bereits gedruckt sind.

Was ist mit Kunden, die individuell gebucht haben?

Bei ihnen sieht es schwierig aus. Air Berlin stellt alle Langstreckenfluge am 15. Oktober ein und alle anderen Verbindungen spätestens am 28. Oktober. Danach verfallen die Tickets. Sie werden nicht von Eurowings oder anderen Käufern übernommen. Schlecht dran sind die etwa 100 000 Kunden, die bis zum 15. August gebucht haben, dem Datum der Anmeldung der Insolvenz: Das Geld müsste aus der Insolvenzmasse kommen. Wer nach dem 15. August gebucht hat, kann auf die Rückzahlung vom Treuhand-Konto rechnen. Langstreckenreisenden, die im Ausland gestrandet sind, will die Lufthansa die Heimreise „zu einem fairen Preis“ anbieten. Sie will ihr Angebot ausweiten und auch innerdeutsch mit größeren Maschinen fliegen. Zudem plant sie Langstreckenflüge von Berlin nach New York und möglicherweise eine zweite Verbindung.

Steigen jetzt die Ticketpreise?

„Nicht unbedingt“, behauptet Spohr. Der Wettbewerb werde sich verschärfen. „Wir gehen von weiter sinkenden Preisen aus.“ Zumindest für Inlandsflüge halten das Branchenkenner nicht für schlüssig: Wenn die Lufthansa das Monopol hat, dürfte sie es auch nutzen, und Konkurrenten brauchen erst Start- und Landerechte. Allerdings gibt es Konkurrenten wie Bahn und Fernbusse.

Was passiert mit den Mitarbeitern?

Die meisten der 8000 Mitarbeiter werden nicht übernommen, was die Gewerkschaft Verdi kritisiert. Sie müssen sich bei Eurowings oder anderen Gesellschaften neu bewerben. Lufthansa-Chef Spohr spricht von 3000 zusätzlichen Stellen. Er rechnet damit, dass sich viele Piloten bewerben. Bei Eurowings könnten sie bis zu 150 000 € pro Jahr verdienen. Übrigens muss sich auch Air-Berlin-Chef Thomas Winkelmann einen neuen Job suchen. Er kam zwar von der Lufthansa, aber er habe keine Rückfahrkarte, so Spohr.