Wut, Frust, Ärger und Hilflosigkeit. Das, was in dem vom Unternehmen moderierten Schleckerblog zu lesen ist, sind in Worte gefasste Emotionen. Viele der rund 10 000 Frauen, die durch den Einschnitt ins Filialnetz ihren Job verloren haben, machen ihrer Enttäuschung Luft. "Warum entlässt man die Frauen in die Arbeitslosigkeit, und keiner tut was dagegen?", fragt Tine. Andere schimpfen, wettern gegen die Gewerkschaft Verdi, die Betriebsräte und den Insolvenzverwalter, gegen die Bundespolitiker und den Unternehmer Anton Schlecker.

Die "Schlecker-Frauen" wurden zum Symbol. Sie stehen für Solidarität und den Kampf für eine gemeinsame Sache. "Obwohl wir verloren haben, bin ich stolz auf uns", sagt eine. Wahrgenommen wurden diese "Schlecker-Frauen" schon früher - vor der Insolvenz. Als Gäste in Talkshows und Protagonisten vieler Sozialreportagen. Als es um ihre Ausbeutung, Dumpinglöhne, Zeitarbeit, unzählige Überstunden, Bespitzelung und Schikane seitens der Unternehmensführung ging. Sie hatten es nie leicht, haben sich mutig zur Wehr gesetzt, Betriebsräte gegründet, Tariflöhne erkämpft und weiter loyal ihre Arbeit getan. Jetzt stehen sie auf der Straße. Die einst Geknechteten trauern um ihre Jobs.

"Schlecker war ein attraktiver Arbeitgeber für Frauen", erklärt das Bernhard Franke, Verdi-Verhandlungsführer aus Stuttgart. Gerade auf dem Land erleichtere ein Arbeitsplatz in Wohnortnähe, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Die Drogeriekette zahlte zudem nach Tarif und mitunter die besten Löhne für Kassiererinnen mit Bruttogehälter um 2200 EUR. Es gab Weihnachts-, Urlaubsgeld und viele Vollzeitstellen - statt wie woanders im Handel nur Minijobs.

"Es war nicht alles schlecht beim Schlecker", sagt Viola Gantert aus Böhmenkirch im Kreis Göppingen. Klar gab es turbulente Zeiten, aber auch Zusammenhalt und viele soziale Leistungen. "Überall gibt es doch Probleme". Ihre Filiale, in der sie 19 Jahre gearbeitet und die sie geleitet hat, machte dicht. Die 57-jährige zweifache Mutter lernt gerade ihren neuen Arbeitsplatz kennen. In Steinheim. 18 Kilometer von Böhmenkirch entfernt.

Ihre Kollegin hat auch keine Kündigung bekommen. Dafür das Angebot in die Filiale Amstetten zu wechseln. "Unmöglich. Sie pflegt ihre demenzkranke Mutter. Sie kann hier nicht weg. Der Schlecker vor Ort war ihre einzige Möglichkeit so zu arbeiten", sagt Gantert. Jetzt muss die über 50-jährige Kollegin wohl die Kündigung abwarten. Am Telefon sagt sie aufgelöst: Sie möchte jetzt einfach in Ruhe gelassen werden. Die Nerven liegen blank.

Die andere Angestellte der Filiale hat hier 20 Jahre gearbeitet. Keine Seltenheit, viele Frauen blieben der Kette über Jahrzehnte lang treu. Als die Kündigung kam, flossen Tränen. Auch vor Wut. "Ich habe für den Laden alles gemacht, und das ist jetzt der Dank dafür?", fragt sie ihre ehemalige Chefin verbittert. Ob sie gegen die Kündigung klagt, wisse sie noch nicht. Drei Wochen Zeit hätte sie ja dafür.

Barbara Hickl fällt es schwer über die letzten Tage zu sprechen. Ihre Gefühle fahren Achterbahn. Die 47-Jährige war 16 Jahre bei Schlecker in Blaubeuren. Die Filiale hat geschlossen. "Der Laden war so etwas wie mein Baby. Der Abschied fällt schwer", sagt die gelernte Verkäuferin. Ihre Stimme bricht kurz weg. Sie kritisiert die ihrer Meinung nach chaotischen Zustände rund um die Schlecker-Insolvenz und die Sozialauswahl. Dass die Transfergesellschaft nicht zustande kam, findet die Filialleiterin schade: "Wir hätten dadurch viel bessere Chancen. Viele von uns müssen doch erst für den Arbeitsmarkt fit gemacht werden, nach so vielen Jahren beim Schlecker."

Anke Eberhardt von der Ulmer Arbeitsagentur, bei der sich Barbara Hickl und 41 weitere Schlecker-Mitarbeiter bereits gemeldet haben, beruhigt: "Wir werden sie auch bei Bewerbung und Weiterqualifikation unterstützen". Zunächst stehe die finanzielle Sicherung im Vordergrund, als nächstes folgen Qualifizierung und Vermittlung. Der aufnahmefähige Arbeitsmarkt mit 69 offenen Stellen im Agenturbezirk Ulm stimme optimistisch.

Das sieht Erich Rau von der Transfergesellschaft "Quali Plus" aus Wendlingen, die für Baden-Württemberg und Bayern in Frage gekommen wäre, ganz anders: "Die Arbeitsagentur ist eine Verwaltung. Der Betreuungsschlüssel 1 zu 200. Da ist kein Platz für gezielte und individuelle Betreuung." In der Transfergesellschaft hätte sich ein Mitarbeiter um 50 Personen gekümmert. Die Gesellschaft hätte ihnen Selbstvermarktungskurse angeboten und versucht, persönliche Wünsche zu berücksichtigen. Bei einer ersten Bestandsaufnahme der Fähigkeiten sah man das enorme Potenzial der Frauen, die als hochmotiviert, flexibel, gut organisiert und zuverlässig gelten. "Schließlich haben sie den ganzen Laden geschmissen. Dieses Potenzial kann man nur gezielt fördern", sagt Rau. Dadurch erhöhe sich der Vermittlungserfolg auf 70 Prozent. Bei der Arbeitsagentur sei er nur bei 50 Prozent.

"Hätte, wäre, würde . . .", Barbara Hickl möchte das Kapitel "Schlecker" für sich abschließen. Die zweifache Mutter setzt auf Eigeninitiative: "Es gibt zwar viele Stellen, die vom Arbeitsamt vermittelt werden. Die Frage ist nur, zu welchen Bedingungen und zu welchem Lohn."