Wangen Das Desaster von Allgäuland

Kaum hat Aral Foods-Geschäftsführer Torben Olsen die Schließung des Milchwerkes in Riedlingen verkündet, sind die Kuh mit dem treuherzigen Blick und die Milchtüte verschwunden, die auf den Betrieb aufmerksam machten. Foto: Waltraud Wolf
Kaum hat Aral Foods-Geschäftsführer Torben Olsen die Schließung des Milchwerkes in Riedlingen verkündet, sind die Kuh mit dem treuherzigen Blick und die Milchtüte verschwunden, die auf den Betrieb aufmerksam machten. Foto: Waltraud Wolf
Wangen / RAIMUND WEIBLE 19.01.2012
Das Trauerspiel Allgäuland-Käsereien ist zu Ende. Arla Foods hat übernommen. Doch die Pleite-Affäre hinterlässt wütende Milchbauern, die allein an Geschäftsguthaben 15 Mio. EUR abschreiben müssen.

Am 8. November 2011 war der Deal perfekt. Die EU-Kartellbehörden segneten die Übernahme der Allgäuland-Käsereien GmbH und ihrer Beteiligungsgesellschaften durch die Arla Foods ab. Die Ära einer der größten süddeutschen Molkereigenossenschaften war beendet. Doch der Ärger der 1350 verbliebenen Milchlieferanten über die jahrelange Misswirtschaft von Allgäuland hält an. Auch weil inzwischen durchsickert, mit welchen Tricks die Allgäuland-Geschäftsführung in Wangen jahrelang die Verluste kaschiert hat. Jahr für Jahr präsentierte sie dem Aufsichtsrat und den Medien schwarze Zahlen. Doch wie sich herausstellte, war das Schönfärberei. Schon im Jahr 2002 war die Unternehmensgruppe so stark in Schieflage, dass sie die Milchpreiszahlungen nicht mehr aus dem operativen Geschäft erwirtschaften konnte.

Kuno Rumpel, erst seit dem 10. September 2010 Vorsitzender des Allgäuland-Aufsichtsrats, fand nach langem Aktenstudium heraus, mit welchen Methoden die Geschäftsführung die Defizite kaschiert hat. Sie transferierte sie in Tochterunternehmen. "Das war ein Verschiebebahnhof", sagt der 47-jährige Milchbauer Rumpel aus Friedingen (Landkreis Biberach).

Als einer der Verschiebebahnhöfe fungierte die Molkerei-Zentrale Südwest eG in Karlsruhe, die zu 99,8 Prozent der Allgäuland GmbH in Wangen (Kreis Ravensburg) gehörte. Die MZ Südwest kaufte der GmbH leer stehende Betriebe ab und vermietete sie an die Muttergesellschaft zurück. Als die MZ Südwest leer gemolken war, nahm sie Kredite auf, um die Geschäfte zur Stabilisierung der Mutter zu finanzieren. Nach Rumpels Angaben flossen über die Pipeline von MZ Südwest zwischen 2003 und 2006 rund 18 Mio. EUR an die GmbH nach Wangen.

Dass die Allgäuland-Geschäftsführung jahrelang unbehelligt diese Stützgeschäfte tätigen konnte, erklärt sich Rumpel mit der Vertrauensseligkeit und Gleichgültigkeit der Aufsichtsräte in der GmbH und in den Tochtergesellschaften. "Wir sind unseren Pflichten nicht in vollem Umfang nachgekommen, das gilt auch für mich", sagt Rumpel selbstkritisch, "wir vertrauten der Geschäftsleitung viel zu sehr."

Das bestätigt ein ehemaliges Mitglied der Allgäuland-Gremien. "Man hat alles abgenickt, was von oben kam", sagt der Landwirt aus dem Kreis Tübingen. Er verließ die Gremien im Jahr 2008 aus Ärger über die Geschäftsführung, die kritische Fragen immer wieder abgeblockt hatte. In die Krise geriet Allgäuland, weil die Unternehmensleitung im operativen Geschäft "alles falsch gemacht hat, was man falsch machen konnte" (Rumpel).

Das Unternehmen habe nicht mehr in den Markt investiert, sondern sei nur noch um des Wachsens willen gewachsen. Auch die Investitionen in die Produktionsbetriebe wurden sträflich vernachlässigt. Allgäuland nahm immer wieder angeschlagene Molkereien in den Verbund auf und garantierte den Milchlieferanten einen Milchpreis, "obwohl man wusste, man zahlt drauf".

Ursache für die Unrentabilität waren auch die komplizierten Strukturen. In allen Betrieben hielt man sich Betriebsleiter, Verwaltungen und ehrenamtliche Gremien. Die Geschäftsführer der Muttergesellschaft verzettelten sich, verbrachten wertvolle Zeit in Gremiensitzungen. Innerbetriebliche Transporte verteuerten das Geschäft, Fehlentscheidungen wie die Verlagerung der gut gehenden Quarkherstellung von Riedlingen zur Central-Molkerei Augsburg schmälerten das Betriebsergebnis. Eine weitere Ursache des Misserfolgs waren Qualitäts- und Vermarktungsprobleme bei der Käseherstellung. Ein großer Teil der produzierten Ware war nur für Reibekäse nutzbar. Arla-Geschäftsführer Torben Olsen will das Gebaren des früheren Firmenmanagements nicht kommentieren.

Im Jahr 2010, als bereits potenzielle Übernehmer, darunter auch die Ravensburger Omira, sondierten, starteten Geschäftsführung und Aufsichtsrat einen Sanierungsversuch ohne fremde Hilfe. In Hersching am Ammersee gingen die Allgäuland-Vertreter mit den Abgesandten der Genoverbände Baden-Württemberg und Bayern und dem bayerischen Bauernverband in Klausur, um ein neues Unternehmenskonzept zu entwerfen. Die sechs Genossenschaften Allgäuland eG Leutkirch, Allgäuer Bergbauernmilch Sonthofen-Schönau, Milchwerk Donau-Alb, Milchwerke Bad Wörishofen, Central-Molkerei Augsburg und Butterwerk Langenau sollten fusionieren. Ziel war eine schlankere und effizientere Struktur, die Allgäuland-Bergbauern eG mit drei Vorständen, acht Aufsichts- und etwa 25 Beiräten statt bisher 150 Vorständen und Aufsichtsräten.

Mit den Banken verhandelte Allgäuland über einen Verzicht auf einen Teil ihrer Forderungen, außerdem erwartete man frisches Geld vom Genoverband und der landwirtschaftlichen Rentenbank, um den Tanker wieder flott zu machen. Rumpel: "Für kurze Zeit war ein Fenster offen für diese Lösung." Doch das Management zögerte bei der Umsetzung dieser Pläne. Deshalb musste Geschäftsführer Marcel Mohsmann am 17. Dezember 2010 gehen. Zuvor schon war der langjährige Manager Dieter Krayl geschasst worden.

Das Unternehmen stand mehrfach kurz vor dem Absturz. Im Frühjahr 2011 war Allgäuland klar überschuldet. Die Insolvenz wurde abgewendet, weil Arla Foods Ende April 2011 ernsthaftes Interesse an Allgäuland anmeldete. Am 16. September 2011 wurden die Übernahmeverträge unterzeichnet. Arla drängte die Banken zum Verzicht auf einen Teil der Verbindlichkeiten, den Rest der Schulden löste der Übernehmer ab. Die Genossenschafter verloren insgesamt 15 Mio. EUR Geschäftsguthaben.

Noch stärkere Einbußen erlitten die Landwirte dadurch, dass die Milchpreise jahrelang geringer waren als bei der Konkurrenz in der Nachbarschaft bezahlt. Die so entgangenen Erlöse dürften bei 30 Mio. EUR liegen.

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