Die Kunden des Stuttgarter Autobauer Daimler werden in den nächsten Wochen und Monaten Post erhalten. Zumindest, wenn sie ein Diesel-Modell mit den Abgasnormen Euro-5 oder Euro-6 fahren. In den Schreiben werden sie gebeten, einen Termin in der Werkstatt zu vereinbaren, sagte Daimler-Sprecher Matthias Brock auf Anfrage der SÜDWEST PRESSE. Das Aufspielen der Softwareaktualisierung wird nach seinen Worten etwa eine Stunde dauern. Angesichts der Vielzahl der Wagen werde sich die Serviceaktion bis weit ins Jahr 2018 hinziehen.

Mit der neuen Software verändert Daimler das so genannte Thermofenster. Dieses sorgt dafür, dass die Abgasreinigung außerhalb eines bestimmten Temperaturbereichs abgeschaltet wird. Das dient dem Schutz des Motors, argumentieren die Hersteller. Dieses Fenster soll nach oben und unten vergrößert werden, die Reinigung ist dann häufiger aktiv. Wie das alles funktioniert, sagt Daimler nicht und verweist auf „aktuelle Erkenntnisse aus der Entwicklung der neuen Dieselmotoren-Familie“. Der Besitzer werde am Ende keinen Unterschied an seinem Auto bemerken, versichert der Hersteller.

260 000 Autos nachgebessert

Gestern äußerte sich auch Daimler-Vorstandschef Dieter Zetsche zu dem freiwilligen Rückruf: „Die öffentliche Debatte um den Diesel sorgt für Verunsicherung“, erklärte er. „Wir haben uns deshalb für weitere Maßnahmen entschieden, um den Dieselfahrern wieder Sicherheit zu geben und um das Vertrauen in die Antriebstechnologie zu stärken,“ sagte Zetsche.

Bereits im Jahr 2016 hatte der Stuttgarter Autobauer damit begonnen, 261 000 Fahrzeuge Fahrzeuge der V-Klasse (Kleinbusse) und der Kompaktklasse (A- und B-Klasse, CLA und GLA) nachzubessern. Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt hatte diese Nachrüstung gefordert, weil das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) bei Messungen auf deutlich erhöhte Stickoxid-Werte gestoßen war. Diese sind laut KBA nicht mit technischen Gründen des Motorschutzes zu erklären. Jedoch wirft die Behörde Daimler keine Manipulationen vor.

Derzeit ermittelt aber die Staatsanwaltschaft Stuttgart gegen zwei Mitarbeiter des Konzerns. Der Vorwurf: Betrug und strafbare Werbung, weil der Konzern Abgasmessungen von Diesel-Fahrzeugen manipuliert haben soll. Bei dem Ermittlungsverfahren in Stuttgart geht  es um die Motorreihen  OM642 und OM651, die unter anderem in der C-, E- und R-Klasse eingebaut werden.

Zu den bereits nachgebesserten 261 000 Wagen wird Daimler nun mehr als 2,7 Mio. Fahrzeuge in die Werkstätten holen. Die Kosten für diese freiwillige Nachrüstung übernimmt Daimler. Sie belaufen sich auf rund 220 Mio. €, also rund 70 € pro Fahrzeug.

Wie Daimler haben auch BMW und Audi auf den Druck der Politik und die Diskussion um Fahrverbote und die Luftqualität in Innenstädten reagiert. BMW und Audi sagten zu, die Kosten für die  Nachrüstung von Euro-5-Dieseln selbst zu bezahlen. Damit wollen sie Fahrverbote abwenden. Unabhängig von den freiwilligen Maßnahmen von Daimler, BMW und Audi läuft ein verpflichtender Rückruf für 2,4 Mio. Autos von VW mit verbotener Manipulations-Software.

„Wir haben gute Erfahrungen gemacht mit dem Software-Update“, sagt Daimler-Pressesprecher Matthias Brock. „Wir wollen damit den gleichen Effekt erreichen, wie dies Fahrverbote tun würden.“ Wie stark die Emissionen durch die Nachrüstung verbessert werden lässt sich nicht nach seinen Worten nicht sagen. Das hänge stark vom Fahrzeugtyp und dem Fahrverhalten ab.

Schlimme Luftverpester

Ob ein Software-Update ausreicht, um die Abgasnormen einzuhalten, bezweifeln allerdings manche Experten. Das würde bei vielen Euro-5-Dieseln nicht reichen. Wie die Süddeutsche Zeitung berichtet stoßen diese laut Umweltbundesamt durchschnittlich 906 Milligramm pro Kilometer Stickstoffoxide aus und seien damit noch schlimmere Luftverpester als die älteren Euro-4-Fahrzeuge. Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer hält eine reine Software-Nachrüstung für völlig unzureichend: „Ein Software-Update bringt gar nichts.“

Der ADAC hat in diesem Frühjahr bei einem Golf 1.6 TDI getestet, wie sich ein Software-Update kombiniert mit dem Einbau eines so genannten Strömungsgleichrichters auswirkt. Das Ergebnis des ADAC Eco Test: Die Stickoxid-Emissionen sanken um bis zu 57 Prozent. Der Kraftstoffverbrauch erhöhte sich zwischen 0,4 und 3,2 Prozent.

Ein Spritfresser im Sortiment


Es hat hierzulande schon passendere Zeiten gegeben, um ein solches Auto auf den Markt zu bringen. Ein ganzes Land redet über Abgas-Skandale und das Ende des Verbrennungsmotors, und Daimler geht mit einem wuchtigen Pick-up an den Start. Die neue X-Klasse ist ein Schwergewicht mit Ladefläche, hat überwiegend Diesel-Antrieb. Der Stuttgarter Autobauer stößt damit in ein für ihn neues Segment vor. Der Heimatmarkt Deutschland spielt dabei allenfalls eine Nebenrolle.  Zwar kommt die vorgestellte X-Klasse Ende des Jahres zuerst in Europa auf den Markt, dann aber recht bald auch in Südafrika und Australien, wo Daimler deutlich mehr Potenzial sieht als in der Heimat. Hier sind Pick-ups nur ein Nischenmarkt. Wenn es nach Daimler geht, dann wiederholt sich bei den mittel­großen Pick-ups, zu denen die X-Klasse zählt, der Erfolg der Sport Utility Vehicle – kurz: SUV – genannten sportlichen Geländewagen. Auch die haben es aus dem Gelände in die Stadt geschafft. Ursprünglich als Arbeitstier gedacht, könnten es dank höherwertiger Ausstattung genau so auch die Pick-ups zum Lifestyle-Auto bringen, glaubt Volker Mornhinweg. Willi Diez vom Institut für Automobilwirtschaft in Geislingen ist jedoch skeptisch. „Ich glaube nicht, dass man den Pick-up zu einem Trend-Segment machen kann“, sagt er. Er bleibe in erster Linie ein Nutzfahrzeug, mit dem  kaum jemand abends in die Oper fahre.

Weltweit könnte der Markt der Mid-Size-Pick-ups bis 2026 von 2,2 Mio. Fahrzeugen auf 3,2 Millionen wachsen, erwartet Daimler – vor allem in Australien, aber auch in Argentinien oder Brasilien, wo der Wagen 2019 auf den Markt kommen soll. Nach Nordamerika, wo Ford, GM, Dodge und japanische Hersteller aktiv sind, kommt die X-Klasse vorerst nicht. dpa