Fintechs  Frankfurt: Buhlen um die jungen Wilden

Mit digitalen Lösungen rund ums Geld rollen Fintechs die Bankenszene auf.
Mit digitalen Lösungen rund ums Geld rollen Fintechs die Bankenszene auf. © Foto: dpa
Frankfurt / Rolf Obertreis 03.07.2017

Das „Stand Up“ jeden Morgen ist Pflicht. Dann stellen sich die jungen Damen und Herren im Kreis auf, meist in Jeans, Sneakers, T-Shirt, einige mit einer Baseball-Kappe auf dem Kopf. Jeder hat exakt 30 Sekunden, um zu berichten, was er am Tag zuvor geschafft hat. Dann verteilen sich die jungen Software-Entwickler und Marketing-Experten wieder an ihre eher chaotisch wirkenden Schreibtische, und tüfteln weiter an ihren Programmen.

So läuft es beim Online-Versicherungsmakler Clark in einem zweckmäßigen Büro unweit der Frankfurter Einkaufsmeile Zeil. So sieht es in vielen anderen Büros, aber auch in den Fintech-Zentren in Deutschlands Finanzzentrum und in den eigenen Digitalfabriken von Deutsche Bank und Commerzbank aus. Die Fintechs blasen zur Attacke auf die Finanzbranche. Und sie bekommen immer mehr Geld: Während weltweit Investoren weniger Geld locker machen, investierten Risikokapital-Geber in Deutschland laut der Unternehmensberatung KPMG im ersten Quartal 2017 in Deutschland mit 180 Mio. Dollar eine Rekordsumme.

Verständlich: Die Ideen vieler Fintechs kommen an, ihre Apps etwa für das Sparen, für das Management von Konten oder das Verwalten von Versicherungen finden Anerkennung. Weshalb sich Banken die Fintechs nicht nur genau anschauen, sondern auch Geld zuschießen. Schließlich hinken sie hinterher, weil sie die Digitalisierung ihrer Geschäfte lange, manche sagen zu lange, haben schleifen lassen.

Neun von zehn werden scheitern

Fast 15 Mio. Euro hat Clark bislang einsammeln können, unter anderem von einem Investitionsfonds der staatlichen Förderbank KfW. Ein paar Straßen weiter, im eher studentisch und alternativ geprägten Stadtteil Bornheim, büffeln andere in einem ehemaligen Fabrikgebäude im Fintech-Hub der Deutschen Börse. Als unlängst das einjährige Bestehen gefeiert wurde, erhob auch Börsen-Chef Carsten Kengeter das Glas. Lässig in Jeans, offenem Hemd und Kaugummi im Mund und damit fast nicht zu unterscheiden von den jungen Fintechern. Von denen einige allerdings auch etliche Jahre bei Banken oder Beratungsfirmen gearbeitet haben. Ihr Start wird durch die mietfreien Räume am Sandweg erleichtert.

Vier Fintech-Zentren in Frankfurt

„Frankfurt und Fintech, das passt zusammen, hier spielt die Musik am lautesten in Europa“, sagt der Mann, der gerade mit der geplanten Fusion mit der Londoner Börse gescheitert ist. Was wohl auch auf etliche der Fintechs zutreffen dürfte. Experten erwarten, dass neun von zehn wieder aufgeben müssen. Davon ist natürlich bei der Geburtstagsfeier keine Rede. Im Gegenteil. Michael Duttlinger von Cashlink, einer verblüffend einfachen Überweisungs-App, freut sich über mittlerweile acht Finanzierungen und die Unterstützung der Börse. Yassin Hankir von Savedroid – eine App, die das Sparen organisiert – bezeichnet den Fintech-Hub als echten Glücksgriff.  Die Zahl der Mitstreiter ist von 10 auf 17 gestiegen, 150.000 Mal wurde die App heruntergeladen. 1,6 Mio. Euro Kapital konnte Savedroid einsammeln, in diesem Jahr sollen weiter Millionen dazukommen.

Mittlerweile gibt es mindestens vier Fintech-Zentren in Deutschlands Finanzmetropole. Ende April wurde „The Spot“ eröffnet, auf 3200 Quadratmetern, mitten im Bankenviertel. Motto: „Fast Forward Banking“. Zu den Mietern gehört der mehrfach mit Preisen ausgezeichnete digitale Vermögensverwalter Ginmon. Dessen Chef und Gründer Lars Reiner sitzt jetzt in Sichtweite seines früheren Arbeitgebers Deutsche Bank. Deren Digital-Fabrik wurde im Spätsommer vergangenen Jahres vor den Toren der Stadt in Sossenheim am Rande von Wiesen und Feldern angesiedelt. 400 Experten tüfteln hier an neuen Apps. Die Commerzbank nennt ihren Ansatz „Digitalen Campus“. Das Land Hessen und die Frankfurter Goethe-Universität betreiben seit Herbst das „Tech Quartier“ im Pollux-Hochhaus unweit des Frankfurter Messeturms. Nachdem es noch im vergangenen Jahr Kritik an der eher zögerlichen Entwicklung von Fintech-Zentren in Frankfurt gab, hat sich die Stimmung jetzt gedreht.

Auch bei den Fintechs kann die Stimmung mal kippen – allerdings ins Negative. Schließlich arbeitet man auf engstem Raum. Deshalb liegen in der Ecke im Büro von Clark ein paar bunte „Nerv-Guns“ aus Plastik, gefüllt mit weichen Schaumstoff-Kügelchen. „Ab 18 Uhr darf geschossen werden“, sagt Oster und lacht.

Frankfurt hofft auf Firmen aus London

Rund 100 Fintechs gibt es derzeit in Frankfurt und Umgebung nach Angaben von Jochen Biedermann von der Finanzplatzinitiative Frankfurt Main Finance. Tendenz steigend. Vor einem Jahr waren es noch knapp 75. Zwar werden sich bei weitem nicht alle Ideen durchsetzen und zu rentablen Unternehmen ausgebaut werden können. Aber die Impulse für die Finanzbranche sind wichtig. Der Brexit könnte zudem für einen Schub sorgen, weil Fintechs von der Themse möglicherweise an den Main wechseln. Und nicht nur mit solchen Fintechs wird Frankfurt noch ein Stück internationaler. In der Digitalfabrik der Deutschen Bank arbeiten – meist jüngere – Leute aus 14 Nationen. otr

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