Dienstleistung Bürokratie behindert, Pflegekräfte anzuwerben

Immer mehr Menschen brauchen Pflege, es gibt aber nicht genug Fachkräfte. Eine Ausbildungsoffensive, Umschulung und Gewinnung von Teilzeitkräften auch aus dem Ausland sollen Abhilfe schaffen.
Immer mehr Menschen brauchen Pflege, es gibt aber nicht genug Fachkräfte. Eine Ausbildungsoffensive, Umschulung und Gewinnung von Teilzeitkräften auch aus dem Ausland sollen Abhilfe schaffen. © Foto: shutterstock
Berlin / Hajo Zenker 22.08.2018

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) garantiert die Finanzierung von 13 000 Stellen in der Altenpflege und von jeder neu geschaffenen Stelle in der Krankenpflege. Deshalb will er neben Ausbildungsoffensive, Umschulung und Gewinnung von Teilzeitkräften für die Vollzeit Personal aus dem Ausland holen. Das Potenzial dafür ist da. Die Bürokratie aber bremst.

Da sind sich die beiden konkurrierenden Arbeitgeberverbände in der Pflege einmal wirklich einig: „Wir sind auf die Zuwanderung ausländischer Pflegefachkräfte dringend angewiesen“, sagt Bernd Meurer, Präsident des Bundesverbandes privater Anbieter sozialer Dienste (BPA), der mitgliederstärksten Interessenvertretung privater Unternehmen der Branche.

Auch Thomas Greiner, der Präsident des Arbeitgeberverbandes Pflege, der die umsatzstärksten privaten Altenpflege-Unternehmen vertritt, plädiert dafür, so schnell wie möglich ausländische Arbeitskräfte ins Land zu holen. 15 000 in zwei Jahren seien möglich. Er hat dabei Asien, etwa Südkorea, Vietnam, China und die Philippinen, genauso im Blick wie die Balkan-Länder.

Hilfe bei der Qualifizieriung

Diese Sicht teilt er gleichfalls mit der Bundesagentur für Arbeit (BA). Die beteiligt sich angesichts des Mangels an heimischem Personal an Kooperationen zur Gewinnung ausländischer Pflegekräfte. Seit fünf Jahren qualifizieren die BA und die Deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) Fachkräfte aus Serbien, Bosnien-Herzegowina, den Philippinen und Tunesien für den deutschen Arbeitsmarkt. In diesen Ländern gebe es einen „Überschuss an ausgebildeten Pflegekräften, die keine adäquate Beschäftigung im Herkunftsland finden“, erklärte der Vorstand Raimund Becker. Bisher seien 1300 Pflegekräfte vermittelt worden.

Sogar 1100 albanische Pflegekräfte in drei Jahren hat die Dekra-Akademie vor Ort für Deutschland fit gemacht. Tatsächlich zu uns gekommen sind laut Dietmar Metzger, dem zuständigen Vorstand, 1000 Menschen. 100 Kursabsolventen seien etwa wegen Schwangerschaft oder Pflegebedürftigkeit der eigenen Angehörigen doch im Heimatland geblieben.

Albanien, das auf die albanischstämmige, weltberühmte Krankenschwester Mutter Teresa stolz ist und wo das Universitätsklinikum „Mutter Teresa“ auch Pflegekräfte in einem dreijährigen Studium ausbildet, drängen um die 1500 Schwestern Jahr für Jahr auf den Arbeitsmarkt. Gebraucht werden aber nur etwa 500. Das Interesse an den Dekra-Kursen ist so „gleichbleibend hoch“, sagt Dietmar Metzger.

Potenzial scheint also durchaus vorhanden. Auch wenn etwa die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi meint, dass es mehr brächte, wenn die Arbeitgeber die vielen Teilzeitbeschäftigten in der Pflege mit besseren Arbeitsbedingungen für Vollzeitarbeit gewinnen könnten. „Dann hätten wir in kürzester Zeit erheblich mehr Arbeitskraft zur Verfügung als durch Anwerbung erreichbar ist“, so Niko Stumpfögger, zuständiger Bereichsleiter im Verdi-Bundesvorstand. Trotzdem dürfte sich wohl der Anteil der Ausländer an den in Deutschland beschäftigten Altenpflegern, der 2013 laut BA noch bei knapp 7 Prozent lag und derzeit 11 Prozent beträgt, weiter steigen.

Thomas Greiner vom Arbeitgeberverband Pflege jedoch mahnt, der Bund müsse dafür die nötige Bürokratie zentral übernehmen und für ganz Deutschland die Anerkennung aller ausländischen Abschlüsse prüfen und abschließend entscheiden – solange es noch kein Einwanderungsgesetz gebe. Das „Chaos der 16 Bundesländer“ müsse aufhören. Wenn die Visa-Erteilung durch deutsche Botschaften sechs Monate oder länger dauere, sei dies der Stellenbesetzung auch nicht förderlich.

Start erleichtern

Auch BPA-Präsident Bernd Meurer fordert, dass die bürokratischen Anforderungen deutlich erleichtert, die Visumserteilung und die Anerkennung von Berufsabschlüssen erheblich beschleunigt werden müsse. „Wer im Ausland eine Ausbildung zur Pflegefachkraft erfolgreich gemeistert hat, darf hier nicht von 16 verschiedenen Anerkennungsverfahren abgeschreckt werden“, so Meurer. Wenn man ausländische Fachkräfte dringend brauche, solle man sie auch entsprechend behandeln. Man müsse ihnen „einen attraktiven Start in Deutschland ermöglichen, statt des bürokratischen Hindernislaufes, den wir aktuell haben“.

Befristete Visa denkbar

Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) hat vorgeschlagen, bestimmte ausländische Fachkräfte für ein halbes Jahr nach Deutschland zu lassen, damit sie sich hier einen Job suchen können. Er sprach sich für Visa für Bewerber in Branchen wie der Pflege aus, in denen ein Mangel an Arbeitskräften herrscht.

Den Bezug von Sozialleistungen will Heil für die Fachkräfte auf Jobsuche ausschließen. „Ich kann mir vorstellen, dass Pflegekräfte aus dem Ausland für ein halbes Jahr nach Deutschland kommen und sich hier Arbeit suchen“, sagte Heil. „Sollte ihnen das nicht gelingen, müssen sie nach Ablauf der Zeit wieder zurück.“ Es gehe darum, „möglichst unbürokratische Prozesse“ für Arbeitssuchende zu schaffen. dpa

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