Immobilienmakler in Frankfurt scharren mit den Hufen. „Viele stehen in den Start-Löchern“, sagt der Geschäftsführer einer am Main aktiven, britischen Gewerbe-Immobilienfirma. „Wenn der Brexit kommt, wird Frankfurt zur Boomtown“, ist er überzeugt. Die jetzt schon hohen Preise für Büros und Wohnungen würden weiter steigen. Gleichwohl: Noch ist vieles Spekulation. „Investiert wird noch nicht“, sagt der Manager. Nach einem möglichen Votum der Briten für den Ausstieg aus der EU, muss es erst einmal einen offiziellen Antrag der Regierung geben. Dann gilt eine Frist von zwei Jahren für die Verhandlungen über die Modalitäten des Ausstiegs.

 Klar ist: Sollten sich die Briten tatsächlich für den Austritt entscheiden, dann haben britische, amerikanische und asiatische Banken mit ihren Europa-Zentralen am größten Finanzplatz in Europa ein gewaltiges Problem. Sie agieren dann nicht nur nicht in der Euro-Zone, ihnen fehlt der direkte Zugang zur EU. Sie verlieren den sogenannten EU-Pass, der ihnen erlaubt, überall in der EU Geschäfte zu betreiben. „Sie wären abgeschnitten“, sagt Christian Apelt, Volkswirt der Landesbank Hessen-Thüringen. Er hat sich in einer Studie mit dem Brexit befasst. Konsequenz: Die Banken müssten wesentliche Teile ihrer Geschäftseinheiten in die EU verlagern. Da kommt neben Paris, Dublin, Amsterdam oder Luxemburg vor allem Frankfurt in Frage. Laut einer aktuellen Umfrage des Center for Financial Studies der Frankfurter Goethe-Universität glauben fast 70 Prozent der befragten Banken und Finanzdienstleister, dass „Frankfurt großer Profiteur“ eines Brexit wäre.

 Wichtigstes Pfund des deutschen Finanzzentrums: Hier hat die Europäische Zentralbank (EZB) ihren Sitz und seit Ende 2014 die der EZB angegliederte Europäische Bankenaufsicht (SSM). „Frankfurt wird in jedem Fall profitieren“, sagt nicht nur Apelt. Sondern auch Hubertus Väth, Geschäftsführer der Finanzplatz-Initiative Frankfurt Main Finance. Er sieht eine „klare Chance für den Finanzplatz Frankfurt“. Man sei vorbereitet, sollte es zum Brexit kommen.

 Aber es gibt auch zurückhaltendere Stimmen. Es werde kein Beschäftigungswunder geben, glaubt Peter Krahnen, Finanzprofessor an der Goethe-Universität. Apelt dagegen schließt nicht aus, dass 10 000 Banker-Jobs von der Themse an den Main verlagert werden könnten. Manche, wie Professor Martin Hellmich von der Frankfurt School of Finance, hält sogar den Umzug von 20 000 Bankern ins deutsche Finanzzentrum für realistisch. Für London wäre das bei 700 000 Arbeitsplätzen im Finanzsektor eine fast „normale“ Schwankung, für Frankfurt ein gewaltiger Schub. Hier arbeiten „nur“ etwa 60 000 Menschen und damit gut 10 Prozent der Einwohner in der Finanzbranche. US-Investmentbanken wie Goldman Sachs haben ihren europäischen Fokus derzeit in London. Goldman beschäftigt dort rund 6500 Banker, am Main aber nur rund 200. Ähnlich ist das Verhältnis bei Morgan Stanley. Aber auch die Deutsche Bank dürfte bei einem Brexit einen Teil ihrer 12 000 Stellen aus der britischen Hauptstadt abziehen. Wenn das passiere, würde Frankfurt das Ziel sein, sagt Co-Chef John Cryan.

 Viele Banker scheuen dem Vernehmen nach einen Umzug an den Main, weil Frankfurt immer noch als zu klein und zu langweilig gilt. Der Ruf der Stadt ist immer noch nicht gerade gut. Dabei hat sich am Main in den letzten Jahren viel zum Positiven gewandelt. Im Osten entsteht rund um den Neubau der EZB ein attraktives Quartier direkt am Main, das Bahnhofsviertel wird mit schicken Bars und der Umwandlung von Büros in Altbauten zu Appartements immer mehr „in“ und auch kulturell holt die Stadt auf, allein mit ihren angesehenen Museen direkt am Main. Und dass die Stadt vergleichsweise klein ist, sehen Banker als Vorteil. Binnen Minuten kann man sich zum Lunch oder Kaffee treffen. In kaum einer Großstadt in Europa ist man so schnell am Airport wie in Frankfurt.

 Beobachter sind sich sicher, dass bei den Instituten schon fertige Pläne in den Schubladen liegen, zumal moderner Büroraum in Frankfurt schon heute als knapp gilt und die Preise hoch sind. Gleichwohl hoffen britische und US-Banken, dass es nicht zum Brexit kommt. Kampagnen für den Verbleib Großbritanniens werden dem Vernehmen nach von ihnen jedenfalls massiv unterstützt.

Große Einbußen für Großbritannien

Teurer Exit Ein Austritt aus der EU würde nach Berechnungen der OECD jeden Briten ein Monatsgehalt kosten. Bei einem „Brexit“ wäre die britische Wirtschaftskraft im Jahr 2020 um über 3 Prozent niedriger als bei einem Verbleib in der EU. Das würde für jeden Briten einen Verlust von 2200 Pfund ausmachen (2840 Euro), heißt es in einer Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Im Jahr 2030 wäre der Verlust nochmals höher. Schon jetzt leide die britische Wirtschaft unter der Unsicherheit über den Ausgang des Referendums am 23. Juni. „Die Kosten für einen möglichen Brexit fallen schon jetzt an. Großbritannien erlebt das geringste Wachstum seit 2012“, sagte OECD-Generalsekretär Angel Gurría, der die Studie in London vorstellte.