Auto Bosch kann wichtiges Teil nicht liefern

Auch die BMW-Produktion in China leidet unter Boschs Lieferproblemen.
Auch die BMW-Produktion in China leidet unter Boschs Lieferproblemen. © Foto: BMW
München/Stuttgart / dpa 30.05.2017

Der Autozulieferer Bosch hat Lieferprobleme bei einem Bauteil für BMW und sorgt damit für massive Produktionsausfälle in München, Leipzig und China. Wann der Engpass behoben wird, ist völlig offen. Einkaufsvorstand Markus Duesmann sagte am Montag in München: „Unser Lieferant Bosch ist zurzeit nicht in der Lage, uns mit einer ausreichenden Zahl von Lenkgetrieben für die BMW 1er, 2er, 3er und 4er Reihe zu beliefern.“

In München, Leipzig und im Werk Tiexi im chinesischen Shen­yang sei die Fertigung deshalb stark eingeschränkt. In Rosslyn in Südafrika seien eigentlich erst für Herbst geplante Wartungsarbeiten vorgezogen worden. „Wir gehen davon aus, dass Bosch als der verantwortliche Lieferant für den uns entstandenen Schaden einstehen wird“, sagte Duesmann.

Bosch teilte mit, man beziehe ein wesentliches Bauteil für die Lenkung von einem Zulieferer in Italien. „Bei diesem Zulieferer kommt es derzeit zu Lieferproblemen. Bosch arbeitet mit Hochdruck gemeinsam mit BMW und unserem Zulieferer daran, um die Lieferengpässe schnellstmöglich zu beenden und die Auswirkungen so gering wie möglich zu halten.“ Zu den Verzögerungen sei es in der vergangenen Woche gekommen. Normalerweise funktioniere die punktgenaue so genannte Just-in-Time-Produktion sehr gut. Warum es derzeit Probleme gebe, wollte die Sprecherin nicht beantworten.

Wegen des Engpasses seien bislang mehrere Tausend BMW-Fahrzeuge nicht wie geplant gebaut worden. Ein Großteil davon lasse sich jedoch nachholen, sagte ein BMW-Sprecher. Noch hoffe man, dass Kunden nicht länger auf bestellte Autos warten müssen.

Es fehle ein Gussgehäuse für das Lenkgetriebe der 1er, 2er, 3er und 4er Reihe. BMW produziere noch mit vorrätigen Teilen, etwa aus Lagern von Autohäusern, und mit Ersatzlieferungen von anderen Herstellern, aber das reiche bei weitem nicht aus. In München sei der Engpass seit vergangenem Dienstag, in Leipzig seit Freitag, in Tiexi seit Montag akut. Die Mitarbeiter nutzten nun Gleitzeit und Arbeitszeitkonten, nähmen Urlaubstage oder zögen Wartungsarbeiten vor.

Der Fall zeigt einmal mehr, wie abhängig Autokonzerne und Zulieferer heutzutage voneinander sind. Duesmann sagte, die meisten Teile würden just in time für das jeweilige Fahrzeug auf dem Fließband bereitgestellt. Deshalb könne auch ein fehlendes Kleinteil die Wertschöpfungskette unterbrechen – bis hin nach China.

Christian Vietmeyer vom Verband der Zulieferindustrie sagte: „Nach dem Lieferstopp von Prevent im Streit mit VW wurde über die Abhängigkeit von einem einzigen Zulieferer diskutiert – wie sich das Risiko verringern lässt.“ Weil Teile für den Golf und den Passat im vergangenen August tagelang fehlten, sahen sich damals 18.000 VW-Arbeiter sogar von Kurzarbeit bedroht. Bei sehr hoch entwickelten, komplexen Teilen arbeiteten Autokonzerne mitunter mit nur einem Zulieferer zusammen, sagte Vietmeyer. 

Wo früher zwei Zulieferungen pro Tag reichten, müsse heute das richtige Teil „genau im richtigen Moment beim Auto auf dem Fließband ankommen. Ich kenne ein Werk eines großen Herstellers, in dem es täglich 30 Zeitfenster für Zulieferungen gibt“, sagte Vietmeyer. Die Anforderungen an die Zulieferer würden immer spezifischer und detaillierter. „Das führt auch dazu, dass immer mehr Zulieferer Werke nahe an die Autowerke bauen.

BMW in China

China ist für BMW sehr wichtig. Jedes fünfte Auto des Münchner Automobilbauers, 2016 waren das rund eine halbe Million, wird im Reich der Mitte verkauft. 2003 wurde das Joint Venture BMW Brilliance Automobile gegründet, beide Unternehmen sind gleichberechtigte Partner. Solche Konstellationen sind in China Pflicht, wenn ausländische Firmen dort gründen wollen. Den Chinesen geht es darum, von ihren erfahrenen Partnern zu lernen. BMW Brilliance Automobile hat seinen Sitz in Shenyang, knapp zwei Flugstunden nordöstlich von Peking. Hier haben sich Maschinen- und Autobauer angesiedelt. Shenyang hat rund 5 Mio. Einwohner, BMW ist mit 16.000 Mitarbeitern inzwischen der größte Arbeitgeber der Stadt.
An zwei Standorten werden Motoren und fünf Auto-Modelle ausschließlich für den chinesischen Markt produziert. Tiexi heißt der eine, Dadong der andere Stadtteil, in denen die Werke stehen. Das in Tiexi wurde 2012 in Betrieb genommen, dort wird unter anderen eine 1-er Limousine speziell für China gebaut. Die Produktion in Dadong startete mit Gründung des Joint-Ventures. In diesem Werk wird allein die Langversion des 5er BMW gebaut. Diese Modellvariante ist bei Chinesen sehr beliebt: Damit die Fondspassagiere mehr Beinfreiheit haben, wurde der Radstand des gewöhnlichen 5ers um 133 Millimeter gestreckt.
Das Werk in Dadong hat BMW Brilliance Automotive nun umfangreich erweitert, seine Produktionskapazität in Shenyang damit von 300 000 auf 450.000 Einheiten pro Jahr erhöht. 1 Mrd. Euro hat das Joint Venture in die Produktionshallen investiert, die in Rekordzeit gebaut wurden: Von den Erdarbeiten bis zum ersten produzierten Auto dauerte es gerade mal zweieinhalb Jahre.
Diese Geschwindigkeit imponiert umso mehr, als dass es nicht nur um die schiere Fläche geht, 35 Fußballfelder, sondern um deren Inhalt: mittels modernste Technologien werden energieeffizient Autos gebaut mithilfe von Digitalisierung. Im Karosseriebau schweißen, kleben, heben 858 Roboter. Die Energieeinsparung in der Produktion eines Autos liegt bei einem Drittel gegenüber der vorherigen Fertigung. Peter Ilg

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