Ein bisschen Schwund ist ja immer, muss sich der Leiharbeiter im Daimler-Werk in Rastatt wohl gedacht haben. Gut zwei Jahre lang soll er regelmäßig Navigationsgeräte abgezweigt haben, die eigentlich für den Einbau in die Autos vorgesehen waren. Seine Frau soll derweil für ihn an der Pforte Schmiere gestanden und ihm eine Nachricht geschrieben haben, wenn die Luft rein war.

Laut Staatsanwaltschaft schaffte der 29-jährige Mechatroniker, der als Leiharbeiter beschäftigt war, so mehr als 2500 Navigationsgeräte im Wert von rund 1,5 Mio. EUR aus dem Werk und verkaufte sie im Internet. Jetzt wird der Fall vor dem Landgericht Baden-Baden verhandelt.

Diebstähle in Millionenhöhe kämen eher selten vor, sagt Frank Marzluf, der beim Wirtschaftsprüfer Deloitte für die Aufklärung solcher Fälle bei Unternehmen zuständig ist. "Der typische Täter arbeitet seit mehreren Jahren im Unternehmen. Er genießt ein gewisses Vertrauen, hat Netzwerke aufgebaut und kennt die Schwächen in Unternehmensabläufen", erklärt Rechtsanwalt Marzluf.

Geklaut wird nach Einschätzung des Wirtschaftsprüfers in fast jeder Firma: "Betrug, Unterschlagung und Untreue in nicht unerheblichem Umfang kommen bei etwa 50 bis 70 Prozent der Unternehmen vor." Die Dunkelziffer insbesondere bei Diebstahl sei enorm hoch. Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG schätzt, dass deutschen Firmen mit mehr als 50 Mitarbeitern in den vergangenen zwei Jahren rund 7 Mrd. EUR Schaden durch Diebstahls- und Unterschlagungsdelikte entstanden sind.

Besonders leidet demnach der Handel. Die Inventurdifferenz - also der Unterschied zwischen den Waren, die im Lager sein sollten, und denen, die tatsächlich da sind - liegt laut einem Bericht des Instituts EHI bei rund 1 Prozent des Umsatzes. Das entspricht in etwa der schmalen Gewinnspanne in der hart umkämpften Branche.

"Alles, was von privat zu privat weiterverkauft werden kann, ist attraktiv", sagt Stefan Heißner, Betrugsexperte bei Ernst&Young. "Vor allem Elektronikartikel, aber auch Bekleidung wird geklaut." Gerade im Handel sei der Spagat zwischen Sicherheit und Vertrauen groß. "Das ist am Ende eine Kosten-Nutzen-Abwägung", erklärt Heißner. "Ganz verhindern werden Sie Diebstähle nie. Und je mehr Sie machen, desto mehr zeigen Sie den Mitarbeitern, dass Sie ihnen nicht vertrauen."

Die Ursachen liegen nach Einschätzung Heißners sowohl in der Bezahlung als auch in der Unternehmenskultur. Werde von Vorgesetzten ein eher laxer Umgang mit Rechtsvorschriften vorgelebt, nähmen es die Mitarbeiter mit "Mein" und "Dein" möglicherweise nicht so genau.

Am besten könnten sich Firmen mit Hilfe einer genauen Protokollierung oder durch Kontrollmechanismen schützen. "Wir hatten mal den skurrilen Fall, dass Mobiltelefone geklaut und das Diebesgut gefunden wurde", berichtet Heißner. Die Handys konnten dann aber nicht eindeutig dem Unternehmen zugeordnet werden, weil man nicht wusste, was genau gestohlen worden war. "Die IMEI-Nummern, die Seriennummern der Telefone, waren aus Kostengründen nicht gespeichert worden." Taschenkontrollen seien allerdings kein gutes Zeichen an die Mitarbeiter, warnt der Experte.

Eine Pflicht zur Anzeige gibt es nicht. In der Praxis werde aber meist sehr genau abgewogen, sagt Verena Braeckeler-Kogel, Arbeitsrechtlerin bei der Kanzlei Simmons & Simmons. "Ein Diebstahl im Wert von 5 EUR kann genügen, wenn der Mitarbeiter noch kein Jahr im Unternehmen ist", sagt sie. "Im anderen Fall kann es bei einer Unterschlagung von 500 EUR nur eine Abmahnung geben, wenn der Mitarbeiter 25 Jahre im Betrieb unauffällig war und schon Mitte 50 ist."

Bei Daimler will man nach dem Vorfall in Rastatt keinen Generalverdacht gegen alle Mitarbeiter aussprechen, betont ein Sprecher. "Wir pflegen eine Vertrauenskultur." Es werde auch in Zukunft kein Kontrolleur hinter jedem Mitarbeiter stehen.

Fristlose Kündigung droht

Zweifelsfrei Einen Schreibblock oder einen Bleistift einstecken: Das kann doch nicht so wild sein? Von wegen. Beim Thema Diebstahl verstehen viele Arbeitgeber keinen Spaß. Das gilt selbst dann, wenn sie nur vermeintlich geringwertige Gegenstände an sich nehmen, wie einen Schreibblock oder einen Kugelschreiber.Wer Zweifel hat, ob er etwas mit nach Hause nehmen oder behalten kann, fragt am besten immer erst beim Vorgesetzten nach. Selbst bei vermeintlich wertlosen Sachen wie Abfall erkundigen sich Arbeitnehmer lieber einmal zu viel als zu wenig. Das betrifft etwa Supermarkt-Mitarbeiter, die abgelaufene Lebensmittel mit nach Hause nehmen wollen. Eine Kündigung ist selbst dann möglich, wenn der Arbeitgeber nur einen dringenden Verdacht hat.