Paris Beim Fotoshooting ist alles Käse

Voilà - so sieht eine Auswahl französischer Käsesorten aus. Unser Nachbarland schickt sich an, die Vielfalt zu katalogisieren.
Voilà - so sieht eine Auswahl französischer Käsesorten aus. Unser Nachbarland schickt sich an, die Vielfalt zu katalogisieren. © Foto: HLPhoto- Fotolia
Paris / CHRISTINE PÖHLMANN, AFP 10.04.2015
Die französische Küche steht sinnbildlich für die Freude am Genießen und die französische Lebenskultur. Dazu gehört eine Vielfalt an Käsesorten, die derzeit fürs Internetlexikon Wikipedia dokumentiert wird.

Dolores lugt hinter dem Kamerastativ hervor und schmunzelt: "Präsident Charles de Gaulle hat damals schon gesagt: Wie soll man nur ein Land mit fast 300 Käsesorten regieren?" Tatsächlich gibt es in Frankreich allein 1990 Rohmilch-Käsesorten, wie das Fachmagazin "Profession fromager" ausgerechnet hat. In dieses Käse-Chaos will nun das Internet-Nachschlagewerk Wikipedia mehr Ordnung bringen. Mit akkuraten Fotos werden herkunftsgeschützte Sorten wie der Morbier aus Kuhmilch oder der Schafskäse Ossau-iraty katalogisiert - und nach dem Foto-Shooting natürlich gleich verköstigt.

Die Idee zu der Aktion "Wiki-Cheese" hatte Pierre-Yves Beaudouin vom französischen Ableger der Wikimedia-Stiftung, die hinter Wikipedia steht. Der 35-Jährige startete im vergangenen Herbst eine Spendensammel-Aktion im Internet und begründete dies so: "Wenn Sie Wikipedia aufrufen, werden Sie feststellen, dass Artikel über Käse wenig oder gar nicht illustriert sind. Aber können Sie alle Sorten bei ihrem Käseladen erkennen? Wie sieht ein schwarzer Brie aus? Eine Couronne Lochoise? Der Échourgnac?" Mit dem Geld sollten verschiedene Käse, ein Kamera-Objektiv und Nachschlagewerke gekauft werden, um dem Käse-Unwissen abzuhelfen, versprach er.

Beaudouin traf damit offenbar den Nerv vieler Franzosen. Binnen weniger Wochen war das Soll übererfüllt: 5000 EUR sollten zusammenkommen, 7345 EUR waren es am Ende, dann wurde die Spendenaktion abgebrochen. Die 114 Spender, darunter die Medizinerin Dolores Munzadi Gil, werden nun nach und nach zu den einmal monatlich im Zentrum von Paris stattfindenden Foto-Sessions eingeladen; zusammen mit ehrenamtlichen Wikimedia-Helfern, die - eifrig über Käse-Fachbücher gebeugt - an den Texten zu den Käsesorten feilen.

Bevor es aber losgehen kann mit dem Fotografieren in dem Mini-Studio, in das die Käsesorten vorsichtig auf Schieferplatten gelegt werden, muss Beaudouin die Spezialitäten besorgen: "Wiki-Cheese will bis zu 300 Käsesorten fotografieren", erzählt er. "Zuerst kommen die AOC und AOP-Käse dran" - also die Sorten, deren Herkunftsbezeichnung kontrolliert oder geschützt ist.

In einem kleinen Käse-Fachladen in der Rue Cadet in Paris, in dem beige, orange, rote, weiße und graue Käsesorten in einer Glas-Vitrine wie Preziosen ausgestellt sind, kauft er zehn Käsesorten ein - 3,25 Kilo Käse für 67,40 EUR. Ein Ziegenkäse, der Sainte-Maure de Touraine, war genauso wie der Reblochon schon einmal beim Foto-Shooting. Doch Wikipedia-Nutzer und Experten hatten sich über das Ergebnis beschwert: "Beim Sainte-Maure de Touraine fehlte der charakteristische Strohhalm in der Mitte", berichtet Beaudouin. Also musste der Käse noch einmal gekauft und abgelichtet werden.

Die Fotos von Wiki-Cheese, die frei zugänglich sind und weiterverbreitet werden können, riefen allerdings bei professionellen Gastronomie-Fotografen auch Unmut hervor. Beaudouin hält Sorgen der Zunft, dass ihnen eine Konkurrenz erwachsen könnte, für unbegründet. Das Ganze sei enzyklopädisch ausgerichtet - also nicht von gastronomischen Finessen begleitet.

Es wird noch Monate dauern, bis Wiki-Cheese jene bis zu 300 Käsesorten, die schon dem französischen Staatschef Charles de Gaulle Kopfzerbrechen bereiteten, katalogisiert und samt Foto ins Internet gestellt hat. Manche dieser Köstlichkeiten sind selbst in Paris schwer aufzutreiben. Einige Käsesorten sind vom Aussterben bedroht.

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