Berlin Bau-Pannen: Verspielt Deutschland seinen guten Ruf?

DPA 17.08.2012
Pleiten und Pannen bei Vorzeigeprojekten in Deutschland bringen öffentliche Bauherren in Bedrängnis und ärgern die Steuerzahler. Die Bauindustrie fürchtet schon um den Ruf deutscher Ingenieurskunst.

Wenn alles klappt, drängeln sich die Ehrengäste vor dem herausgeputzten Neubau: Rotes Band, Beifall, goldene Worte vom "Aushängeschild" oder einem "neuen Wahrzeichen". Doch mit Prestigeprojekten in öffentlicher Regie hat die Ingenieurnation Deutschland derzeit nicht gerade eine Glückssträhne.

Inzwischen sorgt sich die Baubranche um Image und Geschäftschancen. "Es ist Gefahr im Verzug", warnt der Hauptgeschäftsführer des Bauindustrie-Verbands, Michael Knipper. "Wenn wir nicht aufpassen, dann wird auch die deutsche Bauindustrie bei hochkomplexen Projekten Kernkompetenz verlieren." Mit Sorge beobachten die Unternehmen, wie Pannenserien die Zweifel an der Realisierbarkeit von Mega-Projekten nähren und die Akzeptanz vielfach schwindet.

Die Folge: Der Fluss neuer Aufträge - wichtig, um Spezialkräfte zu halten - sei schwächer als bei europäischen Nachbarn. Es habe sich ein Stau aus mehr als 70 blockierten Großvorhaben von Schienentrassen bis zur Flussvertiefung gebildet. Investitionsvolumen: 48 Mrd. EUR.

Wo Projekte laufen, werden indes vielfach Hiobsbotschaften laut. Die visionäre Philharmonie im Hamburger Hafen sollte 77 Mio. EUR kosten und schon seit zwei Jahren Besucher empfangen. Doch Ausschreibungen und Planungen liefen auseinander, an Abstimmung haperte es. Heute liegen die Kosten bei mindestens 323 Mio. EUR. Eröffnet wird das Konzerthaus wohl erst 2016.

Stuttgart 21 wurde 1995 auf 2,5 Mrd. EUR kalkuliert. Aktueller Stand nach jahrelangem Planen inklusive Zwangspause wegen eskalierter Bürgerproteste: rund 4,3 Mrd. EUR. So hoch ist die Summe inzwischen auch beim Hauptstadtflughafen Berlin Brandenburg, dessen Eröffnung um ein Dreivierteljahr auf - vielleicht - März 2013 verschoben wurde. Mehrkosten von 1,17 Mrd. EUR fallen an.

Dabei sind die Ursachen für Pleiten, Pech und Pannen unterschiedlich. Großprojekte mit tausenden Bauarbeitern sind komplex, diverse Gewerke arbeiten parallel oder greifen teils ineinander. Mal werden Architekten als Schuldige ausgemacht, die Politik schimpft über Planer und Baumängel, mal geben die Architekten und Bauunternehmen den Schwarzen Peter weiter.

Politiker schieben Prestigeprojekte gern mit eng berechneten Kosten und überehrgeizigen Zeitplänen über die Startlinie, kritisiert der Verband Deutscher Architekten- und Ingenieurvereine. Die Bauindustrie dringt auf eine gründlichere Steuerung, in die die Auftraggeber auch mehr investieren sollten. "Das rechnet sich im Vergleich zu den Gesamtkosten allemal", sagt Hauptgeschäftsführer Knipper. Außerdem gelte: "Lieber etwas länger und sorgfältiger planen als nachher Fehler ausbaden." Teils seien öffentliche Bauherren auch überfordert, meint Baumgart.

Große Projekte bilden ein von außen kaum durchschaubares Dickicht an Verantwortlichkeiten - der eine macht die Ausschreibung, der andere die Bauüberwachung, wieder ein anderer die Kostenkontrolle. Und auch die Bauleitung liegt in anderen Händen.

Problematisch sei, dass manche Bauherrenvertreter bei kurzfristig nötigen Änderungen nicht genug "Entscheidungskompetenz" hätten, klagt die Baubranche. Dabei kann es gerade bei Mega-Vorhaben, die sich über Jahre hinziehen, zu Nachjustierungen kommen.

Schwer erkämpft war dies etwa beim Berliner Hauptbahnhof (Kosten: gut 1Mrd. EUR), dessen spektakuläres Glasdach von 450 auf 320 Meter gekappt wurde. Nur so klappte die Eröffnung zur Fußball-WM 2006. "Stellen Sie sich vor, wir wären mit dem Bahnhof nicht fertig geworden", meinte der damalige Bahnchef Hartmut Mehdorn. "Ich glaube, dann hätte man mir die Haut in Streifen vom Körper gezogen."