Italien Bald schlägt die Stunde der Wahrheit

Ulm / Gerhard Bläske 17.08.2018

Die Schrannenhalle am Viktualienmarkt ist das Mekka der Münchner Gourmets. Sie finden hier hochwertige Lebensmittel und Küchenprodukte, aber auch gastronomische Angebote in schier unübersehbarer Vielfalt. Betrieben wird die Halle seit drei Jahren von Eataly, einem Unternehmen aus der piemontesischen Trüffelhauptstadt Alba, in der auch der Lebensmittelriese Ferrero (Nutella) seinen Sitz hat.

Eataly entstand 2014 quasi aus dem Nichts. Großaktionär Oscar Farinetti wollte ein Schaufenster der italienischen Gastronomie schaffen und hat inzwischen 2228 kleine Hersteller hochwertiger Produkte aus dem Land unter Vertrag, die ihn beliefern. Die Kette hat weltweit 39 Filialen und wächst zweistellig – mit hohen Margen. Eataly will schon bald in jeder Hauptstadt der Welt vertreten sein. Nächstes Jahr soll es an die Börse gehen.

Eataly steht für ein „Made in Italy“, das überall geschätzt wird. Es gibt viele andere Farinettis im Land. Modehäuser wie Armani, Prada, Tod’s und Gucci; Lebensmittelriesen wie Barilla, Ferrero und Campari; Autohersteller wie Ferrari, Maserati oder Fiat Chrysler; Zulieferer wie Brembo, Pininfarina, Pirelli oder Italdesign; Maschinenbauer, Pharma- und Textilunternehmen sowie Möbelproduzenten.

Italien ist vor Frankreich das zweitgrößte Industrieland Europas und die drittgrößte Volkswirtschaft der Eurozone. Das Bruttoinlandsprodukt, also die wirtschaftliche Leistungskraft des Landes, ist pro Kopf im reichen Norden so hoch wie in Deutschland. Die Exporte explodieren. 1,2 Mio. Jobs entstanden laut dem Wirtschaftsfachmann Marco Fortis seit 2014. Das Nettovermögen der Italiener ist mit 226 400 € höher als das der Deutschen mit 214 300 € pro Kopf.

Dennoch ist Italien das Sorgenkind Europas. Nur in Griechenland sind die Schulden noch höher. Der Zustand vieler Schulen oder Krankenhäuser ist erbärmlich. Die Verwaltung ist aufgebläht und ineffizient. Hunderte von Milliarden Euro für den armen Süden versickerten in den letzten hundert Jahren im Mafia-Sumpf. Davon zeugen Bauruinen wie mitten in der Landschaft stehende Brücken ohne Straßenanschlüsse. Der Abstand zum Norden ist eher gewachsen.

Die alten Parteien versanken Anfang der 90er-Jahre im Korruptionssumpf. Politiker betrachteten den Staat als Selbstbedienungsladen. Doch auch normale Bürger sichern sich Pfründe, wo immer es nur geht, und vermeiden Steuerzahlungen, wo immer es nur möglich ist. Und dass vor allem Staatsbeamte schon mit Ende 40 in Rente gehen, kommt auch heute noch immer vor.

Reformen des Bildungs- und Ausbildungswesens blieben aber aus. „Wir haben als Unternehmer, aber auch als Staat versagt beim Thema Ausbildung“, sagt Marino Vago, Textilunternehmer und Chef der Modesparte des Industrieverbandes Confindustria angesichts einer Jugendarbeitslosenquote von mehr als 30 Prozent.

Doch statt die Probleme ernsthaft anzugehen, haben die Italiener bei den Parlamentswahlen mehrheitlich anti-europäischen und Anti-System-Parteien ihre Stimme gegeben. Die Regierung aus der rechtsnationalen Lega und dem populistischen Movimento 5 Stelle (M5S) verspricht den Menschen  das Blaue vom Himmel (siehe dazu nebenstehenden Kasten) und will die anderen europäischen Staaten für ihre Wahlversprechungen zahlen lassen. Erst nachdem die Finanzmärkte verrückt spielten und der Spread – das ist der Zinsabstand zwischen deutschen und italienischen Staatsanleihen – dramatisch anstieg, was die Zinsen für Staat und Unternehmen nach oben, die Börsenkurse aber nach unten trieb, ruderte die neue Regierung etwas zurück.

Die europäischen Partner blicken mit Bangen auf das Bel Paese, das Flüchtlinge radikal zurückweist. Aus ökonomischer Sicht gilt ihre Sorge vor allem einem neuen Gesetz in Italien, das die Schaffung befristeter Jobs erheblich erschwert und die Arbeitsmarktreform der früheren Regierung Renzi, die zu einem Beschäftigungsboom führte, zurückdreht. Im Süden kam der Aufschwung wieder mal nicht an. Junge Leute dort halten sich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser und leben häufig noch mit Ende 30 bei den Eltern.

Die Stunde der Wahrheit kommt im Herbst, wenn der neue Haushalt vorgestellt wird. Sollte das Land Brüsseler Vorgaben ignorieren, könnte eine Spirale nach unten in Gang gesetzt werden.

Spüren würde das wohl zunächst vor allem der fragile Finanzsektor. Noch immer sind mehr als 10 Prozent der Kredite der Banken ausfallgefährdet. Zudem sitzen die Geldinstitute des Landes auf Staatsanleihen, also Schuldverschreibungen ihres Staates,  in Höhe von mehr als 350 Mrd. €. Deren Wert sinkt mit dem Anstieg des Spread. Wer kauft noch italienische Bonds, wenn er nicht glaubt, dass das Land seine Schulden bedienen kann?

Käme es zu einem andauernden Wertverlust der Schuldverschreibungen, verlören die Italiener ihr Sparvermögen, das oft in Anleihen des Staates angelegt ist. Dramatisch wäre es, wenn die Rating-Agentur Moody’s ihre Drohung wahr machen sollte. Falls es keine Reformen und Ausgabenkürzungen geben sollte, will sie Italiens Staatsanleihen auf Ramschniveau herabstufen. Das wäre das Ende auch für die Banken und Unternehmen, ja für das ganze Land. Eine neue Rettungsaktion à la Griechenland ist im Fall Italiens nicht vorstellbar. Das Land ist dafür zu groß.

Einstweilen haben die Italiener andere Sorgen. Bevor die Stunde der Wahrheit kommt, fahren sie erstmal an die brütend heißen Strände des Landes und genießen das Leben.

Die Pläne der Regierung

Mit einer Verschuldung von rund 130 Prozent des Bruttoinlandsprodukts wird Italien in der EU nur noch von Griechenland übertroffen. Seit Juni regieren die rechtsnationale Lega und die populistische Fünf-Sterne-Bewegung mit Ministerpräsident Guiseppe Conte an der Spitze, die zusammen auf mehr als 50 Prozent der Stimmen kamen. In ihrem Regierungsprogramm fordern sie die Einführung einer Flat Tax mit nur zwei Steuersätzen, eines bedingungslosen Grundeinkommens von 780 € sowie die Rücknahme der Renten- und Arbeitsmarktreform. Experten schätzen die Kosten auf 100 bis 120 Mrd. € pro Jahr.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel