Ulm Bahnchef Rüdiger Grube: Lieber Treiber als Getriebener

Die Bahn steht vor vielen Herausforderungen, aber Vorstandschef Rüdiger Grube ist zuversichtlich, dass der Konzern das alles schafft. Der Spitzenmanager war zu Gast im Forum der SÜDWEST PRESSE in Ulm.
Die Bahn steht vor vielen Herausforderungen, aber Vorstandschef Rüdiger Grube ist zuversichtlich, dass der Konzern das alles schafft. Der Spitzenmanager war zu Gast im Forum der SÜDWEST PRESSE in Ulm. © Foto: Matthias Kessler
Ulm / KAREN EMLER 17.12.2014
Ob Tarifstreit, Fernbus-Konkurrenz oder Digitalisierung - die Bahn hat vieles zu bewältigen. Konzernchef Rüdiger Grube hat trotz all der Arbeit etwas für sich persönlich entdeckt: Geld ist nicht mehr alles.

Wer Zug fährt, ist das Warten gewohnt. Entsprechend unaufgeregt reagiert das Publikum des Ulmer Forums, einer Veranstaltungsreihe der SÜDWEST PRESSE, als sich der Gast des Abends um eine halbe Stunde verspätet. Rüdiger Grube, der Vorstandschef der Deutschen Bahn, selbst wiederum ist Profi genug, um solche Terminabweichungen gut zu meistern. Kaum auf dem Podium angekommen, legt er auch schon los, mit freundlichem Lächeln, in lockerer Pose, ruhig, aber klar im Ton. Man merkt schnell: Der gebürtige Hamburger hält mit seiner Meinung nicht hinterm Berg.

So bescheinigt er Claus Weselsky, dem Chef der Lokführergewerkschaft GDL, zwar, dass der ihm noch keine Alpträume bereite. Aber dafür Verdruss und davon reichlich. Das Lächeln schwächelt, als es um den Tarifstreit geht. Es sind nicht so sehr die Streiks, die ihn nerven. Obwohl die den Zugverkehr teilweise lahmlegen, Fahrgäste verprellen und Umsatz kosten. Es ist "das reine Machtstreben" der GDL, das den Bahnchef so sehr ärgert.

Er kann nicht verstehen, weshalb die GDL die Tarifautonomie aufs Spiel setzt und Streiks "für ihre Sache instrumentalisiert". Bislang hätten die Tarifpartner noch nicht einmal über Inhalte gesprochen wie Geld, Schichten und so weiter, sondern nur darüber, wer für wen verhandeln darf, kritisiert Grube. Die GDL schwinge sich auf, auch für Mitarbeiter anderer Berufsgruppen einen Tarifvertrag durchzuboxen. Das geht ihm gegen den Strich. "Wir sind weiter von dem Leitgedanken beseelt, dass die größte Gewerkschaft für alle im Betrieb Tarifverhandlungen führt." Das ist im Fall der Bahn aber die Gewerkschaft EVG und nicht die GDL. Letztere kam bei den Betriebsratswahlen auch nur auf 9,6 Prozent.

"In der Ruhe liegt die Kraft", diesen Satz formuliert Grube auf die Frage, wie es mit der Tarifrunde weiter geht. Das klingt wie sein Mantra. Denn trotz der augenblicklichen Verwerfungen im Unternehmen und der zunehmenden Macht von Spartengewerkschaften bleibt Grube ein Verfechter der Tarifautonomie. Entsprechend skeptisch sieht er das geplante Gesetz zur Tarifeinheit. Was da dem Bundestag zur Abstimmung vorliegt, missfällt ihm: "So ein Gesetz muss eine Wirkung haben, und da habe ich so langsam meine Zweifel."

Im Tarifstreit mit GDL und EVG hofft Grube weiter auf eine schnelle Lösung: "Verhandeln, verhandeln und verhandeln, nicht emotionalisieren." Wie gesagt: "In der Ruhe liegt die Kraft." Die könnte die Bahn auch gebrauchen, meint der Vorstandschef. Schließlich hat sie noch viel vor. In den nächsten drei Jahren nimmt der Konzern 200 Mio. EUR in die Hand, um Service und Komfort zu verbessern. Dabei habe sich schon einiges zum Guten gewendet, sagt er. "Unsere Mitarbeiter sind schon viel serviceorientierter. Ich bin stolz auf sie." Aber besser ist nicht gut genug. Er mag zum Beispiel den Satz "Der Zug kommt in umgekehrter Wagenreihung" nicht mehr hören.

Die Bahn und die Zukunft - da gibt es viel zu bewältigen. Vor allem die Digitalisierung, die zunehmende Vernetzung von Dingen und Daten. Grube will "kein Getriebener sein, lieber der Treiber." Dass sich - wie bei Hotelbuchungen schon gang und gäbe- , irgendwelche Internetplattformen zwischen die Bahn und ihre Kunden schieben, nein, das will er nicht erleben. "Das müssen wir selbst machen", sagt er. Deshalb schickt er Mitarbeiter zum Lernen ins Silicon Valley.

Er macht sich selbst auch gern ein Bild von dem, was sich auf dem Markt so tut. Gewissermaßen undercover fuhr er kürzlich mit einem Fernbus der Konkurrenz von Hamburg nach Berlin. Für 12 EUR mit elf weiteren Passagieren an Bord. Das rechnet sich nicht, sagt Grube und glaubt deshalb, dass sich der Markt bereinigen wird. Ärgerlich findet er das Ganze aber schon, weil es eine Wettbewerbsverzerrung sei: Die Bahn zahlt viel Geld für Stromsteuer, Emissionshandel und EEG-Umlage, der Fernbusbetreiber hingegen nicht mal Maut.

Grube lernt, wie er sagt, stetig dazu. Auch vom umstrittenen Bahnprojekt S 21. Ob er das nochmal machen würde? Jedenfalls nicht so, wie es abgelaufen ist, sagt er klipp und klar. "Das wurde mir als Ei ins Nest gelegt." Den Tag, an dem in Stuttgart Wasserwerfer gegen S-21-Gegner eingesetzt wurden, zählt er zu den schwärzesten seiner Amtszeit. Er will bei Projekten die Menschen mit ins Boot holen, einbinden. Bei S 21 ist er jetzt schlicht froh, dass finanziell und zeitlich alles im Plan liegt. Am Schluss, so prophezeit er, werde man der Bahn in Stuttgart noch einen Blumenstrauß binden: "Das wird der modernste Bahnhof der Welt."

Nicht nur die Teilhabe der Menschen am Bahnausbau ist eines der Dinge, die ihm wichtig sind. Grube hört zu, auch im Unternehmen. Deshalb hat er im Konzern einen Kreis eingerichtet für die "Generation Y", also für die jungen Menschen, die "bis 2020 rund 50 Prozent unserer Belegschaft ausmachen werden." Von denen "kann man einiges lernen", sagt der 63-Jährige. "Mir war früher vor allem Geld wichtig." Er wollte schlicht raus aus den armen Verhältnissen.

Die jungen Menschen heute sprächen dagegen vor allem von der Work-Life-Balance, der Ausgewogenheit von Arbeit und Privatleben. Und die, so hätten sie ihm gesagt, stimme bei ihm ganz und gar nicht.

Grube hat darauf reagiert. Der Bahnchef geht jetzt immer wieder mal zum Segeln. Das hilft ihm beim Abschalten. Wie gesagt: "In der Ruhe liegt die Kraft."

Die Sache mit der Tante sitzt tief

Zur Person Wenn Rüdiger Grube über seinen Werdegang erzählt, bringt er gerne seine Tante ins Spiel. Die habe ihn damals - er war erst zehn Jahre alt - ausgelacht, als er von seinem Berufswunsch sprach: Pilot. "Dieser Stachel saß tief", sagt Grube. Seine Vorstellung passte weder ins Weltbild der Tante, noch zu den Lebensverhältnissen. Grube wuchs auf einem Bauernhof bei Hamburg auf, seine Eltern ließen sich früh scheiden. Was blieb war viel Arbeit, wenig Geld, keine Anerkennung - "ich habe mich oft herabgesetzt gefühlt" - und kaum Aussichten auf Aufstieg. Doch Grube erkämpfte sich das Abitur, studierte mit Unterstützung eines Managers Fahrzeugbau und Flugzeugtechnik. Es folgten Posten bei der Dasa, bei Daimler, der Häussler-Gruppe, dann am 1. Mai 2009 der Wechsel als Vorstandschef zur Deutschen Bahn. Der Bauernbub von damals lenkt heute einen Konzern mit 300.000 Mitarbeitern und 39 Mrd. Euro Umsatz. ker

SWP

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