Die Elektromobilität kommt in Deutschland bisher nur schleppend voran. Die Bundesregierung will ihr per Gesetz jetzt auf die Sprünge helfen. Wie beurteilen Sie dieses Vorhaben?
WILLI DIEZ: Der Gesetzentwurf ist sicher nicht ausreichend. Notwendig wäre es aus meiner Sicht, verbesserte Abschreibungsmöglichkeiten für Elektrofahrzeuge einzuführen, um vor allem Unternehmen und anderen gewerblichen Nutzern einen Anreiz zu geben, mehr Elektrofahrzeuge in ihre Flotte aufzunehmen. Hier steckt ein größeres Potenzial als bei den privaten Nutzern.

Wie gefällt Ihnen die Idee, dass E-Autos die Busspuren in den Städten benutzen dürfen?
Die Regelung mit den Busspuren halte ich für problematisch. Was ist, wenn wir wirklich einmal viele Elektrofahrzeuge auf der Straße haben? Dann blockieren diese die Busspur und man muss die Regelung wieder zurücknehmen. Da wird dann ein Aufschrei durchs Land gehen, und das Elektroauto kommt dann wieder negativ in die Diskussion. Da fehlt mir etwas die längerfristige Perspektive.

Sind andere Länder bei dem Thema schon weiter? Und welches Land könnte Deutschland als Vorbild dienen?
Norwegen dient sicher vielen Ländern heute als Vorbild. Dort sind Elektroautos echte Verkaufsschlager. Die Förderung besteht in Norwegen aus einer Kombination von finanziellen Anreizen und Benutzervorteilen. So müssen Elektroautos zum Beispiel keine City Maut bezahlen. Auch für die Anschaffung von Elektroautos gibt es finanzielle Anreize.

Wären die E-Autos nicht so teuer, würden sie auch häufiger gekauft. Haben die Autobauer und Zulieferer denn alles getan, um die neue Technologie alltagstauglich zu machen?
Zunächst muss man positiv feststellen, dass das Angebot an Elektroautos kontinuierlich wächst. Was fehlt ist eine bessere Kooperation, um die Kosten zu senken. Der nordamerikanische Elektroautospezialist Tesla plant den Bau einer riesigen Fabrik zur Herstellung von Batterien.

Mit welchem Effekt rechnen Sie?
Dadurch werden die Batteriekosten, die heute noch bei etwa 8000 Euro liegen um mehr als die Hälfte auf etwa 3500 Euro reduziert werden können. Das wäre dann etwa genauso soviel, was ein konventioneller Benzinmotor kostet. Ich frage mich, warum die europäischen Hersteller und Zulieferer eine solche Batteriefabrik nicht gemeinsam in Europa aufbauen können.

Wie steht es mit dem Thema Auftanken? Reicht das Netz inzwischen aus? Im Ausland erschwert das Fehlen einheitlicher Stecker die Sache ja noch zusätzlich.
Die mangelnde Netzinfrastruktur ist - neben den hohen Preisen für Elektroautos - der wichtigste Grund, warum heute noch viele Interessenten einen Bogen um den Kauf eines Elektroautos machen. Tatsächlich gibt es hier noch erheblichen Handlungsbedarf. Dabei geht es nicht allein darum, wie viele Elektrotankstellen es gibt, sondern vor allem auch darum, dass sie dort sind, wo sie die Autofahrer brauchen, also zum Beispiel in Parkhäusern oder am Arbeitsplatz.

Freie Fahrt auf Busspuren und kostenloses Parken

Instituts-Leiter Willi Diez (60) ist Professor an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt in Nürtingen-Geislingen (Landkreis Esslingen) im Studienschwerpunkt "Automobilwirtschaft". Er leitet das Institut für Automobilwirtschaft in Geislingen/Steige. Diez war in der Zeit von 1979 bis 1991 in diversen Funktionen beim Daimler-Konzern in Stuttgart tätig. Gesetzespläne Auf der Busspur schnell am Stau vorbeiflitzen und dann kostenlos parken - mit solchen Privilegien will Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) den Kauf von Elektroautos attraktiver machen. Einfließen soll das in das Elektromobilitätsgesetz, das Dobrindt mit Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) ausgehandelt hat. Die Gesetzesregeln, die am 1. Februar 2015 in Kraft treten sollen, sind nicht nur für reine Elektroautos vorgesehen, sondern auch für Hybridantrieb sowie für Wasserstoff- und Brennstoffzellenfahrzeuge. Konkret ist daran gedacht, Parkplätze an Ladesäulen für Elektroautos zu reservieren und kostenlose Parkplätze anzubieten. Bei Zu- und Durchfahrtsbeschränkungen, die dem Schutz vor Lärm und Abgasen dienen, kann es Ausnahmen geben, etwa bei Wohngebieten, in Luftkur- und Erholungsorten oder in der Nähe von Krankenhäusern und Pflegeheimen. Die Nutzung von Busspuren kommt in Frage, "falls das im Einzelfall sinnvoll ist" - die Entscheidung liege im Ermessen der zuständigen Straßenverkehrsbehörde.

Ziel Die Regierung will, dass 2020 in Deutschland 1 Mio. E-Autos zugelassen sind. Anfang 2014 waren es knapp 12.200, plus 85.500 mit Hybridantrieb und 79.100 Erdgas- und 500.000 Flüssiggas-Kfz.
 

Ein Kommentar von KAREN EMLER: E-Mobilität - Der Preis ist nicht alles

Busspuren wurden eingerichtet, um den öffentlichen Nahverkehr zu beschleunigen und ihn dadurch attraktiver zu machen. Deshalb ist es nur konsequent, wenn die Idee der Bundesregierung, diese Streifen für E-Autos freizugeben, in den deutschen Metropolen abgelehnt wird.

Es ist ohnehin fraglich, ob solch ein Vorrecht die Nachfrage ankurbeln würde. Das gilt auch für den Vorschlag, E-Autos kostenfrei parken zu lassen. Hat im Bundesverkehrsministerium, in dem zurzeit an einem Elektromobilitätsgesetz gebastelt wird, mal jemand hochgerechnet, wie viel Parkzeit nötig wäre, um den hohen Anschaffungspreis eines Stromers auszugleichen? Es dürften Jahrzehnte sein.

Grundsätzlich ist das Vorhaben, die Autofahrer mehr für Fahrzeuge mit alternativen Antrieben zu interessieren, richtig. Denn langfristig wird uns der Sprit ausgehen, und für das Klima wäre eine emissionsärmere Fortbewegungsvariante natürlich besser. Doch der Weg, den Berlin einschlägt, ist der falsche.

Dabei geht es nicht allein - nach dem Vorbild anderer Länder - um die Frage eines finanziellen Kaufanreizes. Der hohe Preis ist nur eines von vielen Hemmnissen. Wie sieht die Lebensdauer einer Batterie aus? Wie ist die Reichweite? Wo kann man auftanken? Das Netz von Ladestationen ist noch sehr dünn.

Hinzu kommt, dass E-Autos gar nicht so umweltfreundlich sind. Sie stoßen keine Abgase aus, aber der Strom stammt bisher nur zu einem Viertel aus erneuerbaren Energien. Anstatt Parkplätze gratis anzubieten und Busspuren zu blockieren, sollte sich die Regierung deshalb lieber um die Energiewende kümmern. Dafür braucht sie nicht mal ein neues Gesetz.