Mit einem bedächtigen Schubs füttert Andreas Wachtarz seine Montageanlage mit einer Kiste voll neuem Material. Währenddessen basteln Roboterarme im Inneren präzise weiter an den Magnetventilen. Die Anlage ist vollautomatisch programmiert, ohne Wachtarz geht es trotzdem nicht. Er ist der Herr über die so genannte VUVG-Montagelinie im Festo- Werk in Scharnhausen. Als Maschinen-Einsteller kennt er die Anlage in- und auswendig, liest für den Laien kryptische Fehlermeldungen auf den Displays und sorgt für einen reibungslosen Ablauf der Produktion.

Damit Maschinenbediener wie Wachtarz sich mit solchen hochmodernen Systemen auskennen, werden sie bei Festo an einem so genannten „Cyber Ficial System“, also einem künstlichen physischen System, geschult.

Was abstrakt klingt, ist ein Teil der Definition von „Industrie 4.0“. Eine digitale Arbeitswelt, in der Roboterarme, intelligente Anlagen und untereinander vernetzte Maschinen den Arbeitsalltag bestimmen. Ein komplexes Feld, das ebenfalls eine neue Form der Aus- und Weiterbildung erfordert. Deshalb steht bei Festo ein Stockwerk tiefer eine fast identische Produktionsanlage, wie die, welche Wachtarz bedient. In der Produktionsanlage im Kleinformat 1:10 werden  neue Mitarbeiter praktisch geschult. Dafür werden sie gezielt für 20 Minuten bis zwei Stunden von ihrem Arbeitsplatz an die Lernanlage geholt.

Ein deutlicher Vorteil zu früheren Schulungsmethoden: „Früher konnten die Mitarbeiter nur lernen, wenn die VUVG-Anlage ausgefallen ist“, erzählt Heike Haarmann, die bei Festo Didactic für die Unternehmenskommunikation zuständig ist. Das Tochterunternehmen der Festo-Gruppe entwickelt Ausbildungsmittel und Konzepte für Unternehmen und hat sich auch die Lernanlage im Wert einer halben Mio.  € ausgedacht und bereits mehr als hundert Mal verkauft.

Vom Instandhalter über den Maschinenbediener bis zum Manager lassen sich an der Anlage verschiedenste Berufsgruppen einweisen. Interdisziplinäres Arbeiten sei in Zeiten der Digitalisierung wichtig, erklärt Haarmann: „Es muss jetzt auch über Hierarchiegrenzen hinaus gedacht werden. Es ist erforderlich, querzudenken, querzureden und querzuarbeiten“, sagt sie. „Wir müssen nicht nur Maschine A mit Maschine B verknüpfen, sondern auch Menschen.“

Eine ähnliche Anlage wie in Scharnhausen steht auch im Berufsschulzentrum Göppingen. Dort zu Ausbildungs- statt zu Weiterbildungszwecken. Denn Berufe wie der des Mechatronikers oder des Instandhalters unterliegen einem Wandel, der sich auch in der Ausbildung niederschlägt. Lehrpläne müssen angepasst werden. 15 weitere Schulen im Land, unter anderem in Biberach, Reutlingen und Villingen-Schwenningen bekamen vom Finanzministerium bereits den Zuschlag für solche Lernfabriken.

Zudem kommen völlig neue Berufe hinzu, wie der Produkttechnologe. Dessen Aufgabe ist es, den gesamten Prozess – von der Entwicklung eines Produktes, über die Herstellung bis zur Auslieferung – im Auge zu behalten. Bislang wird die Ausbildung jedoch lediglich in Thüringen und Baden-Württemberg angeboten.

Erst im Mai forderten Deutschlands Maschinenbauer angesichts der Umwälzungen durch Industrie 4.0 eine bessere technische Ausstattung der Berufsschulen. Nach einer Studie der Universität Hohenheim in Auftrag des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA)  ist die mittelständisch geprägte Schlüsselindustrie mit rund 1Mio. Beschäftigten grundsätzlich jedoch gut gerüstet für die Herausforderungen von Industrie 4.0. Die Anforderungen an Unternehmen, Beschäftigte und Ausbildungen würden aber in immer schnellerem Tempo steigen, meint Heike Haarmann: „Man muss schauen, dass man bei der enormen Geschwindigkeit noch hinter herkommt.“

Neue Formen und Inhalte

Festo Didactic Das Tochterunternehmen der Festo Gruppe ist in den vergangenen 50 Jahren auf rund 1000 Mitarbeiter gewachsen, entwickelt Ausbildungsmittel sowie Konzepte für Unternehmen und ist Vorreiter in Sachen „Ausbildung 4.0“.

Digitales FSJ Das freiwillige soziale Jahr kann jetzt auch am Computer abgeleistet werden. Für zwei Jahre wird das Modellprojekt erprobt.  www.fsj-digital.de

 

Handel-Scout Auf der E-Learning-Plattform Kurse vom „perfekten Verkaufen“ bis E-commerce Themen wie „Social media“ angeboten.  www.akademie.handel-scout.de

 

Mittelstand 4.0 Die Initiative des Wirtschaftsministeriums will Kompetenzzentren sowie entsprechende Agenturen etablieren. krib