Es ist nicht so, dass sich die Frage nach dem Glück nur satte Gesellschaften stellen. "Dazu haben die Alten mehr Anregendes gesagt als die heutigen Philosophen", sagt einer aus der zeitgenössischen Garde der Denker, Julian Nida-Rümelin, Professor und ehemaliger Kulturstaatsminister in der Regierung Schröder. Für Aristoteles, den Großphilosophen der Antike, äußert sich Glückseligkeit als "Aktivität der Seele gemäß der Tugend". Nida-Rümelins Schweizer Kollege Bruno Frey, ein beruflicher Glücksforscher, ist von solch geistigen Höhen in die Niederungen des heutigen Alltagsmenschen hinabgestiegen und hat, weltweit, gefragt, was für ihn Glück bedeute. Konkreter noch: Wie hängt persönliches Glück mit dem Wohlstand zusammen? Tausende Bücher kreisen um das Thema ein, Frey aber weiß, was die Menschen dazu meinen.

Die Stellschrauben subjektiven Wohlergehens sind damit wissenschaftlich belegt. Sieben sind es, die am stärksten die Zufriedenheit beeinflussen: Familie, finanzielle Situation, Arbeit, Gemeinschaft und Freunde, Gesundheit, persönliche Freiheit, persönliche Werte.

Ein zweites Ergebnis erstaunt womöglich mehr. 80 Prozent der Unterschiede bei der Lebenszufriedenheit zwischen Ländern können aus diesen sechs Kriterien abgeleitet werden: Scheidungsrate, Arbeitslosenquote, Vertrauen in andere Menschen, freiwillige Mitgliedschaft in einer Organisation, Qualität der Regierung, Glaube an Gott.

Unter diesem Dach der Erkenntnis versammelt sich eine Fülle von Einzelaspekten. Beim ökonomischen Beitrag zum Glück lässt Frey aber wenig Zweifel zu: "Ja, Wirtschaftswachstum macht glücklich." Das Glück der Bedürfnislosigkeit, das man gerne zivilisationsfernen Eingeborenenstämmen zuschreibt, zerrinnt damit zur puren Romantik. Die Wirklichkeit des Menschen sieht so aus: "Wer ein geringes Einkommen hat und mehr bekommt, der wird auch glücklicher." Auf ganze Volkswirtschaften angewendet, heißt dies für die Forschung: "Das Leben in armen Ländern ist enorm unglücklich und hart."

Jetzt kommt es aber aufs Detail an. Wie schnell soll eine Wirtschaft wachsen? Vor allem aber: Wie soll der größere Kuchen verteilt werden? Die Empirie bestätigt, was jeder USA-Kenner weiß: Die Vereinigten Staaten kennen keinen Neid, in Europa und in Deutschland ist er stark ausgeprägt. Die USA glauben noch an ihre Vom-Tellerwäscher-zum-Millionärs-Story - "obwohl es die gar nicht mehr gibt", sagt der Schweizer Forscher.

Der Mensch vergleicht sich gern mit seinesgleichen - in der Familie, unter Kollegen oder mit denen, die eine ähnliche Ausbildung haben. Das Ergebnis: "Wenn man unter dem Durchschnitt liegt, ist man unglücklich." Der schlimmste Fall sagt Frey schmunzelnd: "Wenn der Ehemann ihrer Schwester mehr verdient als Sie." Dabei wäre der Weg zur Zufriedenheit so nah und so einfach: Sich an denen messen, die schlechter dran sind. Einen Nachteil hätte dies: "Man wird faul." Aus ökonomischer Sicht auch nicht gut.

Das Zwischenfazit: Geld macht individuell glücklicher, aber nur jene, die relativ wenig davon haben. Auf Dauer bringt mehr Geld wenig - man gewöhnt sich dran und richtet sich neu aus an denen, die auch mehr haben. Aus gesamtwirtschaftlicher Sicht gilt: Reichere Länder sind zufriedener als ärmere.

Auch aus individueller Sicht gibt es Dinge, die das Glücksempfinden stark beeinträchtigen. Allen voran die Arbeitslosigkeit. "Sie zieht die Menschen ganz tief runter", weiß Frey. Die Männer erholen sich davon kaum mehr, während sich die Frauen - erstaunlicherweise - relativ schnell an die neue Situation anpassen. Der Stammtisch, der behauptet, Arbeitslosigkeit sei ein bequemer Ausweg, hat nicht recht.

Richtig ist allerdings offenbar auch, dass dort, wo Beschäftigungslose nicht oder nicht ausreichend staatlich unterstützt werden, die Betroffenen schneller wieder in eine Arbeit drängen. Apropos Beruf und Beschäftigung: "Besser ausgebildete Menschen sind tendenziell glücklicher", sagt Frey.

Politische Faktoren gehören ebenfalls zu den Glücksbringern oder -nehmern. Damit ist das Bedürfnis des Bürgers gemeint, an Entscheidungen direkt beteiligt zu werden. "Die Leute wollen nicht mehr diktiert bekommen, wie sie leben sollen", lautet Freys Interpretation. Vor allem auf lokaler Ebene wollen sie mitreden. Volksabstimmungen wie in der Schweiz könnte sich der Schweizer Forscher verstärkt auch in anderen Ländern vorstellen. Umgekehrt ist für ihn die EU "nicht das Idealbild des 21. Jahrhunderts".

Glück ist für die hier abgefragten Empfindungen übrigens ein zu großes Wort. Gemeint ist lediglich "die subjektiv gemessene Lebenszufriedenheit". Sollte sich die Politik daran ausrichten? Um Gottes willen nicht, sagt Frey. Dann würden alle Regierungen versuchen, die objektiven Daten zu manipulieren, sagt er.

Ist es nicht so, dass der moderne Mensch unglücklich im Hamsterrad strampelt? Nein, das Hamsterrad sieht die Glücksforschung nicht, zumindest nicht in Europa. Zwei Erkenntnisse hält sie abschließend als Anleitung zum Glücklichsein bereit. Erstens: "Es geht uns viel, viel besser als vor zwanzig oder hundert Jahren." Zweitens: "Wir können glücklich sein, in einem Land wie Deutschland zu leben."

Nicht-materielle Aspekte