Bis 2020 will Deutschland den Ausstoß von Treibhausgasen gegenüber 1990 um 40 Prozent verringern. Über das Aktionsprogramm von Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) soll das Bundeskabinett am 3. Dezember abstimmen. Die bisher beschlossenen Maßnahmen reichen allerdings nur für eine Reduktion um 33 Prozent.

Wie Hendricks das ehrgeizige Ziel erreichen will, ist immer noch offen. Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (CDU) bestreitet Berichte, er mache sich für eine Abkehr von der 40-Prozent-Marke stark, weil er den Verlust von 50 000 Arbeitsplätzen bei der Kohle befürchte. Da kommt eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) gerade recht, auch wenn sie im Auftrag der Heinrich-Böll-Stiftung der Grünen entstanden ist: Die rasche Stilllegung alter Kohlekraftwerke kann einen erheblichen Beitrag leisten.

Schon im kommenden Jahr könnten Braunkohlekraftwerke mit einer Kapazität von 6 Gigawatt und Steinkohlekraftwerke mit 3 Gigawatt vom Netz genommen werden, ohne die Stromversorgung zu gefährden. Das hält die DIW-Energieexpertin Claudia Kemfert für problemlos möglich. Das entspricht etwa 7 neueren Kernkraftwerken. Dadurch ließen sich 23 Mio. Tonnen CO2 einsparen. Das würde knapp ein Drittel der Lücke schließen, um das 40-Prozent-Ziel zu erreichen. Den Rest müssten Einsparungen bei Industrie, Verkehr und Wohnungen beisteuern. Das DIW liefert auch gleich eine Liste von 20 Steinkohle- und 18 Braunkohleblöcken, die stillgelegt werden sollten.

"Der Zeitpunkt ist denkbar günstig", sagt Kemfert. Denn bei konventionellen Kraftwerken gibt es erhebliche Überkapazitäten. Als besonders große Dreckschleudern gelten ältere Braunkohlekraftwerke in Nordrhein-Westfalen. Auch bei der Steinkohle ist mehr als die Hälfte der Kapazität älter als 30 Jahre. Das Problem: Da sie längst abgeschrieben sind, liefern sie besonders billigen Strom. Dabei könnten sie problemlos durch vorhandene neuere Gaskraftwerke ersetzt werden, die viel flexibler eingesetzt werden können und bis zu zwei Drittel weniger CO2 ausstoßen. Doch derzeit rechnen sie sich nicht, weil sie einen Großteil des Jahres stillstehen.

Das vorgeschlagene Szenario würde dazu führen, dass der Großhandelspreis für Strom um etwa 1,3 Cent je Kilowattstunde steigt. Das würde auf private Haushalte allerdings nicht voll durchschlagen, erwartet Kemfert. Denn gleichzeitig würde die EEG-Umlage für Ökostrom sinken. Zudem verweist sie darauf, dass in der Vergangenheit auch fallende Preise an der Leipziger Strombörse kaum an die Verbraucher weitergegeben wurden.

Die stromintensive Industrie und der Rest der Wirtschaft müssten allerdings höhere Strompreise verkraften. Trotzdem hält die DIW-Expertin einen Exodus von Betrieben, den Gabriel befürchtet, für unwahrscheinlich: Der Strompreis wäre immer noch niedriger als im Jahr 2011. Auch damals sei die deutsche Industrie wettbewerbsfähig gewesen, sagt Ralf Fücks von der Böll-Stiftung. In Europa seien die Großhandelspreise für Strom nur in Polen niedriger als in Deutschland. Offen bleibt, wie die alten Kohlemeiler stillgelegt werden sollen. Die Betreiber haben kein Interesse daran.