Altersvorsorge „Wir stellen die Garantien in Frage“

Klaus Müller, Chef des Bundesverbands der Verbraucherzentralen.
Klaus Müller, Chef des Bundesverbands der Verbraucherzentralen. © Foto: Gert Baumbach/VBZV
Fr / Von Dieter Keller 25.08.2018

Voller Tatendrang ist Klaus Müller, Chef des Bundesverbands der Verbraucherzentralen, aus dem Urlaub zurückgekehrt. Zu den anstehenden Themen gehört die Reform der privaten Altersversorgung. Lebensversicherung und Riester-Rente kämpfen mit erheblichen Problemen. Er selbst sorgt mit anderen Produkten fürs Alter vor.

Sind Sie froh, dass Sie keinen Riester-Vertrag haben?

Klaus Müller: Wer eine Riester-Rente abgeschlossen hat, klagt nicht selten über fehlende Rendite und den großen bürokratischen Aufwand. Beides in vielen Fällen zu Recht.

Die Riester-Rente hat nur gut ein Drittel der Arbeitnehmer abgeschlossen, und jeder fünfte Vertrag ist beitragsfrei gestellt. Ist sie ein Flop?

Die Riester-Rente war gut gemeint. Die Idee war, auch Menschen, die nicht die Chancen des Finanzmarkts oder der Börse für sich nutzen wollen oder können, an den Gewinnen Teil haben zu lassen. Hinzu kamen die Kürzungen in der gesetzlichen Rentenversicherung. Leider ist die Riester-Rente grottenschlecht gemacht. Zwei Erwartungen haben sich nicht erfüllt: dass sie jeder abschließt und dass sie eine signifikante Rendite abwirft.

Was ist schief gelaufen?

Zum einen hätte man mehr auf die Produktqualität achten müssen, statt zu sagen: Das regelt schon der Markt. Versicherungen, Banken und Sparkassen haben nachweislich viele Finanzprodukte unter dem Namen Riester verkauft, die schlicht zu teuer sind. Zum anderen hat sich die politische Mehrheit nicht getraut, die private Vorsorge obligatorisch oder als Opt-out-Modell zu gestalten. Das wäre zumindest eine Möglichkeit gewesen, die Kosten erheblich zu drücken, weil dann Vertriebs-, Marketing- und Werbekosten nicht angefallen wären.

Einige gesetzliche Rentenversicherer würden gern eigene Riester-Produkte anbieten. Was halten Sie davon?

Das geht in die richtige Richtung, genauso wie die Deutschland-Rente der hessischen Landesregierung. Diese Vorschläge sind nahe an den Erfahrungen in Schweden und Großbritannien, wo vergleichbare Angebote gut funktionieren. Die Idee ist: Private Altersvorsorge soll nicht den Banken und Versicherungen dienen, sondern den Menschen eine möglichst hohe Rendite bieten. Ein Standardprodukt, das nicht von kommerziellen Gewinninteressen und hohen Gebühren geprägt ist, wäre der richtige Weg.

Wie groß ist die Gefahr, dass im Notfall der Staat einspringen muss?

Da fährt das schwedische Modell einen klaren und harten Kurs: Es gibt keine staatlichen Garantien. Risiko und Rendite sind am Kapitalmarkt untrennbar verbunden und Grundlage der Idee privater Altersvorsorge. Daher muss man sich fragen, ob die Garantie eines Mindest-Auszahlungsbetrags im Interesse des Verbrauchers ist. Die meisten in Deutschland wünschen sich das, aber sie wissen nicht, welchen Preis sie dafür zahlen, wenn man auf die entgangenen Renditen schaut. Wir vom VZBV halten es für richtig, die Garantien in Frage zu stellen.

Ein Problem sind die Provisionen der Vertreter und ihre Beratung. Sollte da etwas geändert werden?

Ja. Bei Provisionsmodellen besteht die Gefahr, dass nicht das Produkt verkauft wird, das am besten für die Verbraucher geeignet ist, sondern das die höchste Provision garantiert. Es gibt viele Situationen, in denen Berater hilfreich sind. Aber dann ehrlich und offen auf Honorarbasis und nicht versteckt über Provisionen.

Wollen Sie die Versicherungsvertreter arbeitslos machen?

Nein, im Gegenteil. Der Beratungsbedarf besteht ja weiter. Es geht darum, die Anreize zu verändern. Es muss sich lohnen, Verbraucher gut zu beraten, nicht ihnen zu teure Produkte zu verkaufen. In den Ländern, die Provisionen abgeschafft haben, gibt es nach wie vor Berater, allerdings weniger aber besser qualifizierte als in früheren Zeiten.

Haben die Verbraucherzentralen ein Eigeninteresse an der Beratung?

Nein, denn wir beraten nicht zu einzelnen Finanzprodukten und verkaufen sie nicht. Bei uns bekommen Sie die Unterschiede der Vorsorge mit Lebensversicherungen, Aktienanlagen oder Immobilien erklärt.

Die Lebensversicherer verkaufen jetzt am liebsten Verträge ohne Garantiezins. Können Sie die empfehlen?

Für den Einzelnen das richtige Produkt auszuwählen, ist immer ein Spagat zwischen Sicherheit, Flexibilität und Rendite. Es mag Verbraucher geben, für die eine klassische Lebensversicherung das Beste war. Für viele war sie das aber nicht. Die neuen Modelle sind häufig nicht mehr eine Lebensversicherung, wie sie sich die Verbraucher erwarten.

Sind die Produkte zu kompliziert?

Ja – und oft zu unflexibel und teuer. Bei der privaten Altersvorsorge geht es um 20, 30 oder 40 Jahre. In dieser Zeit kann zum einen viel passieren, darauf sollte man reagieren können. Zum anderen ist Zeit bei der Kapitalanlage etwas ausgesprochen Wertvolles, da man Schwankungen aussitzen kann. Beispielsweise gibt es aktienbasierte Modelle, die wesentlich kostengünstiger sind und nicht von vorneherein eine Leibrente vorsehen.

Was raten Sie denen, die schon seit Jahren einen Vertrag haben?

Leider gibt es großes Interesse daran, dass alte, noch vergleichsweise gut verzinste Lebensversicherungen gekündigt werden. Das ist häufig für die Verbraucher eine schlechte Wahl. Daher: weiter laufen lassen. Wer von Arbeitslosigkeit, Scheidung oder persönlichen Schicksalsschlägen betroffen ist, für den ist die Beitragsfreiheit, also das Ruhenlassen, oft die bessere Empfehlung.

Immer mehr Versicherer verkaufen ihr Lebensversicherungsgeschäft. Ist das immer von Nachteil?

Für die Verbraucher bedeutet das erst einmal Stress, und es wird sehr emotional diskutiert. Allerdings achtet die Finanzaufsicht Bafin darauf, dass die neuen Eigentümer die gleichen Anforderungen erfüllen wie die alten. Bisher können wir noch kein finanzielles Problem beobachten. Vielleicht kann ein neuer Besitzer das aussterbende Geschäft sogar effizienter bedienen als der alte.

Kümmert sich die Politik genug um Lebensversicherung und Riester-Rente?

Nein. Bisher konnten wir noch keine handfesten Pläne erkennen, die private Altersvorsorge vom Kopf auf die Füße zu stellen. Ich habe aber Hoffnungen für 2019, dass die Koalition sieht, dass sie effizient, kostengünstig und im Sinn der Verbraucher reformiert werden muss.

Sind Riester-Renten als Fonds- oder Banksparplan besser?

Es gibt vereinzelte Riester-Produkte, die vor allem auf Aktien basieren, deren Rendite sich sehen lassen kann. Kombiniert mit den Subventionen durch Steuervorteil und Zulage kann es sich immer noch lohnen, einen Riester-Vertrag abzuschließen. Aber es gäbe bessere Modelle und es wäre fairer, wenn die Subventionen in die Taschen der Verbraucher fließen und nicht in die der Banken und Versicherungen.

Sollte es die Produkte weiter geben?

Wir brauchen Vertrauensschutz für alle, die einen Vertrag haben, aber einen harten Schnitt für neue. Was sich nicht bewährt hat, sollte man nicht unbegrenzt fortführen.

Unterstützen Sie die Idee einer Pflicht-Vorsorge?

Das muss politisch diskutiert werden. Es hätte klare Vorteile, weil es die Kosten erheblich senkt. Denkbar wäre auch die Opt-out-Variante, bei der Arbeitnehmer automatisch dabei sind, es sei denn, sie entscheiden sich ausdrücklich dagegen. Jeder wäre dann frei  zu sagen: Ich will mir das nicht leisten und finde einen besseren Weg, fürs Alter vorzusorgen. Man muss auch die Menschen im Auge behalten, die es sich nicht leisten können.

Für die Grünen im Bundestag

Der Bundesverband der Verbraucherzentralen (VZBV) ist der Dachverband der 16 Verbraucherzentralen der Länder und von 25 weiteren verbraucherpolitischen Verbänden. Alleiniger Vorstand ist seit 2014 Klaus Müller (47). Der Diplom-Volkswirt saß von 1998 bis 2000 für die Grünen im Bundestag. Danach war er bis 2005 Umweltminister in Schleswig-Holstein. Von 2006 bis 2014 leitete der gebürtige Wuppertaler die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. dik

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