Generationenwechsel Renate Pilz übergibt Führung des Familienunternehmens

Hannover / Simone Dürmuth 04.05.2017

Kann man nach 42 Jahren Unternehmensführung wirklich loslassen? Renate Pilz hat genau das vor. Sie übergibt Ende 2017 alle operativen Aufgaben von Pilz (Ostfildern) an ihre beiden Kinder Susanne Kunschert und Thomas Pilz. Am Rande der Hannover Messe berichten Mutter und Tochter, wie es mit dem Spezialisten für Sicherheitstechnik weitergehen soll.

Die Hannover Messe steht seit Jahren unter dem Leitbild „Industrie 4.0“. Welchen Beitrag will Pilz in dieser Entwicklung leisten?

Susanne Kunschert: Das Umdenken hat bei uns schon vor Jahren begonnen, schon lange bevor das Wort Industrie 4.0 aus der Wiege gehoben wurde. Damals hat meine Mutter schon einen großen Schwerpunkt auf Software und Digitalisierung gelegt. Wir haben zum Beispiel eine der ersten Industrie-4.0-tauglichen Steuerungen auf den Markt gebracht.

Renate Pilz: Wenn man genau hinhört, was die Kunden brauchen, dann erkennt man den Weg. Das ist für uns keine Revolution sondern eine Evolution.

Susanne Kunschert: Was sich gerade tut ist also schon revolutionär, da verändert sich etwas grundlegendes, wie damals, als die Dampfmaschine erfunden wurde. Es ist also eine Evolution, die einen revolutionären Charakter hat.

Wenn wir schon von Innovationen sprechen: Ein Produkt von Pilz, das jeder kennt, ist der rote Knopf, der Not-Aus. Welches neue Produkt von Pilz hat in Ihren Augen das Potenzial, ebenso bekannt zu werden?

Pilz: Eine Innovation ist nur dann erfolgreich, wenn sie am Markt angenommen wird. Aber ob ein Produkt dann auch diesen Bekanntheitsgrad erreichen wird, ist nur schwer voraussehbar.

Kunschert: Produkte, die das Potenzial haben, gibt es. Eines könnte zum Beispiel das Safety Eye sein, ein 3-D-Kamerasystem, das für die Sicherheit bei der Zusammenarbeit von Mensch und Roboter sorgt.

Pilz ist auf jedem Kontinent vertreten. Machen Ihnen da Entwicklungen wie die Abschottungspolitik der USA, der Brexit und die Wahl in Frankreich Sorgen?

Kunschert: Ich bin  von Natur aus kein Mensch, der sich Sorgen macht. Man muss beobachten, wir müssen uns Gedanken dazu machen – aber keine Sorgen. Wir haben schon oft festgestellt, wenn sich eine Tür schließt, tut sich eine andere auf. Man muss aber auch willig sein, durch die offene Tür zu gehen. Wir haben bisher auch oft festgestellt, dass die Firmen anfangen, sich gegenseitig zu helfen.   Diese Verbindung zu spüren, wenn Menschen auf einmal zusammenstehen und sich gegenseitig unterstützen, das ist ein tolles Erlebnis.

Pilz: Uns ist bewusst, dass wir als Unternehmen immer wandlungsfähig bleiben müssen. Um die politische Situation mache ich mir persönlich aber schon Sorgen. Das wichtigste ist, dass der Friede erhalten bleibt. Darum hoffe ich, dass Europa das versteht und zusammenhält.

Schauen wir mal geografisch in eine andere Richtung: Die Zusammenarbeit mit China ist oft nicht einfach. Wie sind ihre Erfahrungen mit Problemen wie Technologieklau?

Pilz: Mit unserer Produktion in China haben wir sehr positive Erfahrungen gemacht. Wir haben durchweg faire Partner. Im Übrigen sind Patentverletzungen kein chinesisches Problem, wir haben in anderen Ländern, darunter auch Deutschland, diese Erfahrung machen müssen.

Frau Pilz, Sie geben Ende des Jahres die Unternehmensführung ab. Wenn Sie zurückdenken an 1975, als sie die Geschäfte nach dem Unfalltod ihres Mannes übernommen hatten, wie war das? Sie hatten ja keinen kaufmännischen und auch keinen technischen Hintergrund.

Pilz: Das kann man gar nicht beschreiben.  Aber heute blicke ich mit viel Dankbarkeit zurück. Ich bin sehr glücklich, dass alles gelungen ist, dass die Visionen meines Mannes zum Leben erweckt wurden. So schwer der Weg war, so dankbar bin ich heute.

Wie haben Sie denn diesen Weg gemeistert?

Pilz: Rückblickend würde ich sagen: Ich hatte den Willen. Der Wille hat unendlich viel bewegt. Und ich habe auch erfahren, was der Mensch alles lernen kann, wenn er will.

Kunschert: Ich habe meine Mutter immer als eine Frau mit einem unglaublichen Gottvertrauen erlebt, mit einer großen Stärke. Meine Mutter ist intelligent und eine Visionärin. Sie konnte sich das notwendige Wissen aneignen. Sie hat die Gabe, mit den Menschen gemeinsam zu gestalten. Und die haben ihr auch die Treue gehalten.

Warum hören Sie gerade dieses Jahr auf, Frau Pilz?

Kunschert: Wenn ich das beantworten darf: Meine Mutter fand die Zahl 77 passend. Sie wird dieses Jahr 77 Jahre alt, darum hört sie auf. Ich werde ihre Aufgabengebiete übernehmen. Im Moment arbeite ich halbtags, da ich sehr gerne Mutter bin und dafür Zeit brauche. Jetzt ist unser Sohn zwölf und ich werde wieder ganztags arbeiten. Das passt einfach gut.

Wenn Sie sich nach 42 Jahren aus der Unternehmensführung zurückziehen, können Sie dann wirklich abschließen, Frau Pilz?

Pilz: Ich kann loslassen. Mich einmischen werde ich ganz bestimmt nicht. Das fände ich meinen Kindern und den Mitarbeitern gegenüber unfair. Da muss es schon eine klare Haltung geben.

Aber würden Sie, Frau Kunschert, sich wünschen, dass Ihre Mutter noch ein bisschen dabeibleibt?

Kunschert: Wenn meine Mutter sich aus der operativen Arbeit verabschiedet, dann akzeptiere ich das und freue mich für sie. Aber natürlich wäre es schön, wenn sie uns mit Rat zur Seite steht. Wenn sie auf Messen oder bei Besuchen der Tochtergesellschaften das Unternehmen repräsentiert. Unsere Mitarbeiter weltweit hängen sehr an ihr. Aber das ist eine andere Ebene. Operativ muss Klarheit herrschen.

Wie wird der Wechsel genau aussehen?

Kunschert: Mein Bruder und ich arbeiten seit zehn Jahren in der Geschäftsführung, wir drei sitzen zusammen in einem Büro. Mein Bruder betreut sechs Abteilungen und ich zwei, ich übernehme dann noch die vier von meiner Mutter. Wir gehen den Weg weiter, wie wir ihn schon seit zehn Jahren gehen.

Wo soll Pilz denn in zehn Jahren stehen?

Kunschert: Wir haben ein Umsatzziel, das wir aber nicht veröffentlichen wollen. Generell sehen wir uns als gesundes, unabhängiges Familienunternehmen, das weiterhin ein gutes Wachstum hinlegen wird und durch Innovationen immer wieder überzeugt.

Mit welcher Strategie wollen Sie denn so innovativ bleiben?

Pilz: Wir haben all die Jahre 20 Prozent des Umsatzes in Entwicklung und Forschung investiert. Ich denke, es spricht nichts dagegen, dass wir das beibehalten. So können wir als Mittelständler innovativ bleiben.

Es ist bekannt, dass Ihnen christliche Werte wichtig sind. Wie schlägt sich diese Haltung im Unternehmen nieder?

Kunschert: Wir leben unsere Werte vor. An dem Umgang, den wir pflegen, ist die christliche Ausrichtung schon zu erkennen. Auf Basis dieser Unternehmenswerte wollen wir nicht nur miteinander, sondern füreinander arbeiten.

Haben Ihre Werte dann auch Einfluss auf Entscheidungen? Gibt es Verträge, die Sie aufgrund ihrer Überzeugung nicht unterschrieben haben?

Kunschert: Wir sind uns treu. Wenn es Dinge gibt, die wir nicht unterstützen wollen, dann unterschreiben wir auch nicht. Konkret möchte ich das nicht ausführen. Aber unsere Kunden kennen uns, die wissen das.

Die Kinder übernehmen die Geschäfte

Der Sicherheitsspezialist wurde 1948 als Glasbläserei in Esslingen gegründet. Heute hat das Unternehmen mit Sitz in Ostfildern knapp 2200 Mitarbeiter in weltweit 40 Tochtergesellschaften. Das bekannteste Produkt der Firma ist der „Not-Aus“. Ein roter Sicherheitsschalter, mit dem Maschinen kontrolliert zum Stillstand gebracht werden können.

Renate Pilz, geboren 1940 in Göppingen, war von 1975 bis 1994 im Beirat des Unternehmens tätig. Anschließend übernahm sie als geschäftsführende Gesellschafterin die Leitung der Pilz GmbH & Co. KG. Zusammen mit ihrer Tochter Susanne Kunschert und ihrem Sohn Thomas Pilz bildet sie heute die Geschäftsführung des Unternehmens. Zum Ende dieses Jahres wird Renate Pilz die Geschäfte vollständig an ihre Kinder übergeben. mone

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