Ing-Diba „Wir brauchen keine Filialen“

Ing-Diba-Chef Nick Jue: „Warum verständigt man sich zum Beispiel nicht auf einen Standard für Zahlungsvorgänge im Internet oder per Smartphone?“
Ing-Diba-Chef Nick Jue: „Warum verständigt man sich zum Beispiel nicht auf einen Standard für Zahlungsvorgänge im Internet oder per Smartphone?“ © Foto: Foto
Frankfurt / Rolf Obertreis 12.01.2018

Er ist ein neues Gesicht in der deutschen Bankenszene. Nick Jue ist neuer Vorstandschef der Ing-Diba. Der 52jährige Niederländer will die größte und älteste deutsche Direkt- und Onlinebank noch effizienter machen. Mittels digitaler Prozesse und Arbeiten in Teams soll die Zahl der Kunden binnen zwei Jahren auf 10 Millionen steigen. Im Interview mit der SÜDWEST PRESSE erläutert er, wie das gehen soll.


Die laut eigenem Slogan „beliebteste“ Bank Deutschlands zahlt kaum Zinsen. Ihre Kunden verlieren Geld, die Diba zieht es ihnen aus der Tasche.
Nick Jue:
Sie haben Einbußen, das ist richtig. Aber zuhause unter dem Kopfkissen bringt es noch mehr Verlust. Die Zinsen sind weltweit sehr niedrig. Wenn eine Bank nicht sofort im Gegenzug zur Einlage einen Kredit vergeben kann, verliert sie Geld. Das ist zwar bei uns derzeit nicht der Fall. Dennoch muss die Ing-Diba Milliarden bei der Europäischen Zentralbank (EZB) deponieren. Dafür zahlen wir wie alle Banken einen Zins von minus 0,4 Prozent. Trotzdem bieten wir dem Kunden einen Zins. Man darf auch nicht vergessen: Die Kunden profitieren bei der Baufinanzierung und bei Krediten von den sehr niedrigen Zinsen.

Wird es für ihre Kunden Negativzinsen geben? Müssen sie demnächst für ihre Einlagen zahlen?

Nein. Aber die Zinsen werden noch lange niedrig bleiben. Zumindest bis Ende 2019.

Denken ihre Kunden angesichts der Niedrigzinsen daran, ihr Geld anders anzulegen?

Viele setzen mittlerweile auf  börsengehandelte Fonds, also auf ETFs, die etwa den Deutschen Aktienindex Dax abbilden, sehr einfach zu verstehen und sehr kostengünstig sind. Genau deshalb arbeiten wir mit dem Online-Vermögensverwalter Scalable Capital zusammen, der  preisgünstig die Geldanlage in ETFs anbietet. Das ist die Zukunft. Ohne viel Werbung haben wir schon über 7000 Kunden mit einem Anlagevolumen von 150 Millionen Euro dafür gewonnen. Der Bereich wächst sehr schnell. Auf Tagesgeld-Konten der Ing-Diba liegen aktuell rund 130 Mrd. €. Für uns ist Scalable der richtige Weg, weil wir auch künftig keine Wertpapierberatung anbieten werden.

Die Diba steht nur im Internet oder über das Telefon zur Verfügung. Filialen sind weiter kein Thema?

Ich sage nie: Nie. Aber wir brauchen aus heutiger Sicht keine Filialen. Die Bankenwelt tendiert immer stärker zum Internet und zu mobilen Lösungen. Kunden kann ich auch über Youtube informieren. Möglich wären auch Präsenzsseminare, an denen sich jeder auch online beteiligen kann.

Filialen sind teuer, der Wettbewerb ist hart, also schauen die Banken auf die Kosten. Das dürfte bei der Diba nicht anders sein.

Wir haben zuletzt 40 Cent aufgewendet, um einen Euro einzunehmen. Das ist gut. Und damit das auch in Zukunft so bleibt, schauen wir uns gerade Prozesse in der Bank an und fragen uns, ob wir das nicht effizienter machen können. So zum Beispiel auch unsere momentan drei Service-Zentren. Stellen werden wir aber nicht abbauen.

Was muss sich bei der Digitalisierung noch ändern?

Wir setzen auch auf den Gesetzgeber. Jeden Tag kommen Unmengen von Formularen, weil Kreditverträge nicht digital unterschrieben werden dürfen. In den Niederlanden kann ich eine Baufinanzierung über das Smartphone verlängern. Dort gibt es bei Banken fast kein Papier mehr. Immerhin ist in Deutschland bei einer Kontoeröffnung die Identifizierung per Smartphone möglich.

Sie schauen sich Unternehmen wie Google, Netflix oder Spotify genau an. Was kann die Diba dort lernen?

Ich bin großer Fan von agilem Arbeiten, von Teamarbeit mit Experten aus allen Bereichen der Bank. Das wird bei der Ing-Diba im Vorstand beginnen. Am Anfang muss das Interesse und der Nutzen für den Kunden stehen: Will er das Produkt, braucht er es? So ist es bei Netflix oder Spotify. Normalerweise wandert eine Produktidee zur Rechtsabteilung, zu den Risikoexperten, zum Marketing, zur Kommunikation und schließlich zur IT. Wir machen das künftig mit den Experten in einem Team. Das geht viel schneller und ist viel effizienter. Und die Mitarbeiter haben mehr Verantwortung, sind engagierter und zufriedener. Auch Kundendialog und Behandlung von Beschwerden werden wir umgestalten.

Das Finanzwissen der Deutschen ist erschreckend gering. Die Hälfte sagt, sie hätte keinerlei Bildung in Sachen Finanzen erhalten.

Da besteht ein gravierendes Problem, das muss die Politik sehen. Aber auch wir Banken stehen in der Verantwortung: Wir müssen Finanzprodukte und Prozesse so einfach, so verständlich und transparent wie möglich gestalten. Wir müssen auf die Risiken und Kosten hinweisen, wenn man sich an der Börse engagiert. Wir müssen dafür viel stärker als bisher Kanäle wie YouTube nutzen.

Wie erleben Sie den Bankenmarkt in Deutschland?

Der Wettbewerb ist hart, es gibt hier mehr Banken als Supermärkte. Die niedrigen Zinsen sind schlecht für die Marge der Banken. Also muss das Geschäft effizienter werden. Auch über eine engere Kooperation der Institute etwa bei der Digitalisierung. Da passiert viel zu wenig. Warum etwa verständigt man sich nicht auf einen Standard für Zahlungsvorgänge im Internet oder per Smartphone? Es gibt zwar Paydirekt, aber viele Institute betreiben daneben eigene Systeme. Bargeld ist in Deutschland immer noch sehr wichtig. Trotzdem gibt es drei Gruppen für die Bargeld-Versorgung am Automaten. Das ist ineffizient und teuer.

Sind Fusionen nötig?

Auf jeden Fall. Für uns ist das gut, nicht weil wir uns an diesem Prozess beteiligen. Aber bei Fusionen gibt es immer Reibungsverluste und verärgerte Kunden, die dann möglichweise zu uns wechseln – wenn wir alles richtig machen und transparent, einfach und preisgünstig bleiben.

Deutschlands drittgrößte Bank

Nick Jue ist seit Juni vergangenen Jahres neuer Vorstandsvorsitzender der Ing-Diba-Bank. Sie ist mit 8 Mio. Kunden die drittgrößte Bank in Deutschland – hinter der Deutschen Bank und der Commerzbank. Der 52jährige Niederländer und gelernte Betriebswirt arbeitete in seiner Heimat in führenden Positionen für mehrere Banken. Seit 15 Jahren ist Jue für den Diba-Mutterkonzern Ing tätig. Nick Jue ist Vater zweier Töchter. otr

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