Ausbildung „Wir brauchen einen befristeten Spurwechsel“

Der Ulmer Handwerkskammerpräsident Joachim Krimmer ärgert sich über die Benachteiligung von Berufsschülern gegenüber Studenten.
Der Ulmer Handwerkskammerpräsident Joachim Krimmer ärgert sich über die Benachteiligung von Berufsschülern gegenüber Studenten. © Foto: Volkmar Könneke
Berlin / Alexander Bögelein 15.09.2018

Handwerksberufe gewinnen bei jungen Leuten an Beliebtheit. Im Südwesten ist Ulm mit einem Plus von 6,9 Prozent an neuen Lehrstellen der Vorreiter der acht Handwerkskammern. Ein großer Teil des Zuwachses geht auf die Einstellung von Flüchtlingen zurück, sagt der dortige Kammerpräsident Joachim Krimmer, der auch Vorsitzender des Landesausschusses für Bildung im baden-württembergischen Handwerk ist. Er ärgert sich, dass die die Politik sowohl den Flüchtlingen als auch den Betrieben das Leben schwer macht.

Wie zufrieden sind Sie mit dem Interesse von jungen Menschen an Ausbildungen im Handwerk?

Joachim Krimmer: Das ist erfreulich und wächst. Die vorläufige Zahl der neuen Verträge im Südwesten liegt 2 Prozent über dem Vorjahreswert. In der Handwerkskammer Ulm ist das Plus mit 6,9 Prozent nochmal deutlich stärker. Bei uns steigen im fünften Jahr in Folge die Azubi-Zahlen.

Sie liegen damit an der Spitze der acht Handwerkskammern im Südwesten. Woran liegt das?

Als vor sieben Jahren die Zahl der Lehrling rapide gesunken ist, hat schon mein Vorgänger ein Bündel an Maßnahmen auf den Weg gebracht. Wir sind bei der Berufsorientierung nahe an allen Schulformen und an den Jugendlichen. Wir haben viele Lehrlinge zu Ausbildungsbotschaftern gemacht,  haben Partnerschaften mit Schulen geschlossen. Die Kammer Ulm hat eine Personalberaterin eingestellt, die die Betriebe unterstützt, die bundesweite Imagekampagne wirkt und vieles mehr.

Dennoch bleiben viele Plätze leer.

Das ist richtig. Allein bei uns im Kammergebiet stehen fast 1100 offene Lehrstellen zur Verfügung, auf die sich Jugendliche noch bewerben können.

Fühlt sich das Handwerk von der Landesregierung genügend unterstützt?

Das Land tut einiges fürs Handwerk. Für uns sind beispielsweise die Investitionszuschüsse und die Förderung der überbetrieblichen Ausbildung wichtig. Wir wünschen uns noch mehr Taten für eine gleichwertige Förderung der beruflichen gegenüber der akademischen Bildung.

Wie meinen Sie das?

Es wäre zum Beispiel Zeit für einen Meisterbonus, diese höhere Bildung müssen die jungen Leute selbst bezahlen. Oder, dass auch Schüler der beruflichen Bildung die Vergünstigungen im ÖPNV oder im Kino bekommen, die auch Studenten erhalten.

Gibt es weitere Ungleichgewichte?

Ja, in Baden-Württemberg werden die Hochschulen von Bund und Land mit 3 Mrd. € gefördert, die Förderung der überbetrieblichen Ausbildung im Handwerk beträgt nur rund 50 Mio. €. Da ist dringend eine Angleichung nötig, weil Geldströme Bildungsströme lenken. Mir hat auch noch niemand erklären können, warum das Essen in der Uni-Mensa mit 7 Prozent Mehrwertsteuer belastet wird, das in den Mensen der ­Berufsschulen mit 19 Prozent. Über solche Nachteile ärgere ich mich.

Welche Rolle spielen Flüchtlinge bei der Gewinnung von Fachkräften?

Die Flüchtlinge sind im Handwerk eine stark steigende Gruppe in der Ausbildung. Ohne die Flüchtlinge hätten wir im Kammergebiet nur ein kleines Plus.

Woran liegt das?

Die jungen Menschen haben ihre Sprachkurse abgeschlossen. Sie sind nun in vielen Berufen und Betrieben im Einsatz. Das sind gutwillige und fleißige Menschen, die ihre Ausbildung beginnen, unsere Betriebe und damit auch die Verbraucher gut unterstützen. Bei uns im Kammergebiet sind das mehr als 200 neue Ausbildungsverhältnisse.

Was ist die größte Herausforderung bei der Integration?

Die Flüchtlinge, die eine Ausbildung starten, haben schon gezeigt, dass sie diszipliniert sind, und arbeiten wollen. Man muss ihnen viele Dinge beibringen. Neben dem Fachlichen sind das Ausdauer, Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit. Das sind dieselben Themen wie bei den deutschen Azubis. Natürlich brauchen wir eine gute Sprachförderung.

Wie sehr hemmen rechtliche Fallstricke die Integration?

Das ist ein riesengroßes Thema. Wenn der Asylantrag der Geflüchteten abgelehnt wird, erlischt deren Bleiberecht. Das ist für die Betroffenen bitter, aber auch für die Firmen. Daher haben sich mehr als 100 Unternehmen im Südwesten in der Initiative „Bleiberecht für Geflüchtete in Arbeit“ zusammengeschlossen.

In Bayern gibt es immer wieder
Meldungen über Abschiebungen,
obwohl die Flüchtlinge in Arbeit sind. Wie sieht es im Südwesten aus?

Ich habe konkrete Kenntnis von einem Auszubildenden, der aus der Ausbildung herausgerissen wurde, trotz der 3+2-Regelung. Danach dürfen diese Menschen eigentlich ihre Ausbildung machen und anschließend zwei Jahre arbeiten. Viele weitere Einzelfälle sind noch nicht entschieden und liegen bei Gericht. Wir gehen daher davon aus, dass sich die Zahl erhöhen wird.

Wie wirkt sich das aus?

Das verunsichert die Flüchtlinge, aber auch die Betriebe. Ich finde es stark, wenn unsere Firmen ihren Beitrag für die Zukunft und die Integration leisten, Zeit und Geld in die Ausbildung dieser jungen Menschen stecken. Aber sie brauchen Planungssicherheit.

Haben Sie Verständnis für Abschiebung in solchen Fällen?

Ehrlich gesagt: nein. Warum ­Behörden mit Abschiebungen bei Menschen beginnen, die be­gonnen haben sich zu integrieren durch Ausbildung oder Arbeit, ist mir schleierhaft. Das entspricht zwar der Rechtslage, ist aber ­angesichts des Bedarfs nicht klug.

Welchen Ausweg sehen sie?

Die Politiker sollten sich einen Ruck geben. Wir brauchen bald einen befristeten Spurwechsel.

Was meinen Sie damit?

Im kommenden Einwanderungsgesetz sollte es für für diejenigen, die zwischen 2014 und 1.9.2018 nach Deutschland gekommen sind, eine Bleibereglung geben: Wenn sie eine Ausbildung begonnen haben oder dauerhaft sozial­versicherungspflichtig beschäftigt sind, ohne strafrechtlich auffällig geworden zu sein, dürfen sie bleiben. Das würde die damalige Sondersituation sinnvoll regeln. Gleichzeitig wäre das eine klare Regelung nach vorne, um die aktuellen Ängste der Bevölkerung ernst zu nehmen und keinen dauerhaften Anreiz zu geben.

17 800 neue Verträge

In Baden-Württemberg sind Stand Ende August 17 800 neue Lehrverträge geschlossen worden. Zwischen Ostalb und Bodensee zählte die Handwerkskammer Ulm 2750 neue Verträge in 3845 Betrieben, davon bilden 356 Flüchtlinge aus (plus 9 Prozent).

Joachim Krimmer (geb. 1956) führt seit 1982 ein Sanitär- und Heizungsbaubetrieb in Leutkirch mit 23 Mitarbeitern. Er engagiert sich stark ehrenamtlich. Seit Oktober 2014 ist er Präsident der Handwerkskammer Ulm.

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Einheit und dann kommt ein schöner Text, der den Leser in den Aufmacher zieht.

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